Auf den ersten Blick sieht das nach politischer Planung aus, denn es scheint ja zusammenzupassen: Eine konservativ-liberale Regierung findet es unpassend, dass Kinder vor dem dritten Geburtstag außerhalb ihrer Familien betreut werden. Deshalb gewährt sie den Eltern einen finanziellen Anreiz, auf frühe Betreuung zu verzichten; gleichzeitig bremst sie den Ausbau der Kitas. Diese Deutung liegt zumindest nahe.

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Doch so koordiniert arbeitet diese Regierung nicht. Der langsame Ausbau der Krippen hat nichts mit Planung zu tun, sondern mit Stümperei der Beteiligten in vielen Ländern und etlichen Kommunen. Das Betreuungsgeld andererseits ist das Resultat eines politischen Kuhhandels in der Bundesregierung: Die FDP darf Steuersenkungen vermelden, dafür kriegt die CSU ihre Kita-Verzichtsprämie.

Die Kinder der Unterschicht verlieren

Dennoch ist es nicht bloß Zufall, dass die beiden Nachrichten im gleichen Moment publik werden. Darin zeigt sich - wieder einmal -, wie schwer es der deutschen Familienpolitik fällt, dort Geld auszugeben, wo es nötig und wirksam ist. Die Brennpunkte sind ja bekannt: Knapp zwanzig Prozent der Kinder leben in Armut; knapp zwanzig Prozent der Schüler schneiden bei den Pisa-Tests unterirdisch schlecht ab; zwanzig Prozent der Kinder ernähren sich höchst ungesund. Solche Daten umreißen das Problem: In Deutschlands Unterschicht hat der Nachwuchs sehr oft sehr schlechte Startchancen.

Diese Kinder, die oft, aber nicht ausschließlich aus Familien von Einwanderern stammen, brauchen mehr Hilfe von außen. Der politische Merksatz müsste sein: Je problematischer die Lebensverhältnisse eines kleinen Kindes sind, umso besser sind die Angebote des Staates an die Familie. Denn gerade diese Kinder profitieren enorm, wenn sie im Alter von zwei oder drei Jahren in einer exzellenten Kita unterstützt werden. Sie sind, wie US-Experimente zeigen, seltener kriminell, erreichen höhere Schulabschlüsse und brauchen weniger Sozialhilfe. Davon profitiert die gesamte Gesellschaft. Doch was beschließt die Bundesregierung? Hundert Euro Betreuungsgeld für alle.

Darin spiegelt sich ein seltsames Verständnis von Gleichheit. Der Staat will Menschen gleich behandeln, obwohl ihre Lebenswirklichkeiten höchst ungleich sind. In Deutschland wird das gerne mit Gerechtigkeit verwechselt, aber es ist das Gegenteil davon. Gerecht ist es, wenn der Staat Ungleiches auch ungleich behandelt.

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  1. Wenn die Politik die Kinder vergisst
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(SZ vom 08.11.2011/vs)