Beth Ditto Ein kurzlebiges Maskottchen

Kein kurzlebiges Maskottchen

Mit voller Wucht

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Die Fotografen beachteten Twiggy kaum, ihre Antithese dafür umso mehr. Schnell war die "neue Muse" ausgerufen. Beth Ditto lacht und man sieht ihr Gaumensegel dabei. "Wer sagt, was schön ist? Wer legt fest, dass ich hässlich bin?", ruft sie, und dass ihr Beitrag zur Mode sei, "sichtbar zu sein". Sie sei stolz darauf, von Designern wahrgenommen zu werden, obwohl sie jedem Schönheitsideal widerspreche.

Keine Angst, eines der kurzlebigen Maskottchen auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zu sein? Wie Kelly Osbourne, die eine Saison lang in Paris sitzen durfte und dann lieber abnahm. "Es ist ein Spiel, und ich mache mit, weil es Spaß macht", sagt Beth Ditto. Sie zuckt mit den Schultern. "Bei den nächsten Schauen sitzt jemand anders da."

Sie wirkt nicht wie eine, deren Selbstwertgefühl von gesellschaftlichen Statusbeweisen abhängt, schmeicheln tun sie ihr allerdings schon. Sie zwitschert, wie sie mit Karl Lagerfeld über Diäten gesprochen habe und beschwört, dass sie nach dem letzten Versuch im Alter von 14 Jahren nie mehr fasten will. Stilredakteure in New York, Rio, Tokio machen sich Gedanken über den Erfolg Dittos, Psychologen reden von Authentizität, andere glauben, dass in Krisenzeiten mollige Frauen in sind. Vielleicht ist es aber auch nur einfach so, dass einer Branche am Abgrund langweilig geworden ist.

Flucht aus dem "Bible Belt"

Wenn Karl Lagerfeld oder Alexander McQueen Kreationen schicken, sind es XL-Modelle, in die Ditto sich zwängt, oder Maßanfertigungen. In Serie geht da nichts. Ditto mag en vogue sein, die mollige Frau ist es nicht. Vor Jahren ließ John Galliano Dicke und Bucklige defilieren. Eine Nanosekunde lang berauschte sich Paris an so viel Realität, dann ging's mager weiter. Dittos Kür als Stilikone ist ein einsamer Sieg über das Dünndiktat.

Abseits des Catwalks aber wirkt sie: Im Juni kommt ihre Kollektion für Evans heraus. Die britische Übergrößenkette ist so sehr Punk wie die Sparkasse. Singlejersey, Rüschenblusen und Softjeans sind das Kerngeschäft. "Meine Linie ist sehr relaxed", sagt Ditto, mehr verrät sie nicht, nur, dass Schachbrettmuster eine Rolle spielen und knallbunte T-Shirt-Stoffe. Eine zweite Kollektion sei in Planung, "eine wildere", fügt sie entschuldigend hinzu.

Aufgewachsen ist Beth Ditto in Searcy, einer Kleinstadt in Arkansas, sie lebte mit ihren Eltern und Geschwistern in einem Trailer Park, die Mutter ernährte die Familie. Ditto trägt ein Tattoo auf dem Oberarm, auf dem "Mama" steht. Ihre Homosexualität versteckte sie nicht, was ihr in ihrer Heimat nicht gut bekam, sagt Ditto. "Im Bible Belt denken sie an Hexenverbrennung, wenn sie eine wie mich sehen." Die Mitschüler hänselten sie wegen ihrer Figur, beim Schwimmen bat die Mutter sie, ein T-Shirt anzubehalten. Trost fand Ditto in der Musik, zuweilen schoss sie Eichhörnchen vom Baum und grillte sie. Yeah. Mit 18 zog sie nach Olympia in Washington und gründete, inspiriert von den Riot Grrrls, 1999 Gossip.

Mitte Juni erscheint die vierte Platte, die erste mit Drummerin Hannah Blilie und Gitarrist Nathan Howdeshell auf einem Majorlabel. Produziert wurde "Music for Men" von Rick Rubin, Co-Chef von Columbia Records, der auch Johnny Cash und Metallica veredelt. Derzeit läuft die Single "Heavy Cross" im Radio, ein Poptanzstück mit schwerer Gitarre. Über allem liegt Dittos markante Stimme, die fast so klingt wie Cyndi Lauper plus Debbie Harry.

Mit expliziten Texten machte Gossip Schlagzeilen, vor allem mit "Standing in the Way of Control", eine Attacke gegen George W. Bush, der sich gegen die Homoehe aussprach. Das Lied war 2006 für Gossip der Durchbruch. Und doch ordneten sie ihre Musik einer anderen Frage unter, sagt Beth Ditto: "Werden die Leute dazu tanzen?" Wer tanzt, sei frei für Botschaften. In Mannheim wird viel getanzt.

Dort macht sich Beth Ditto nach dem Konzert mit verrutschtem Mieder auf zur Garderobe. Mit den inszenierten Fotos in Hochglanzmagazinen hat das nichts mehr zu tun, sie schwitzt Fontänen, mit ihrem verlaufenden Eyeliner sieht sie aus wie ein Pandabär. Fans drängen sich um sie, einer ruft ihr zu: "You are sexy!" Beth Ditto bedankt sich mit einem Knicks.