Beth Ditto Lagerfelds dickste Freundin

"Wer legt fest, dass ich hässlich bin?" Die Sängerin Beth Ditto wird trotz ihrer Leibesfülle sogar von der Modewelt gefeiert.

Von Claudia Fromme

Nach 14 Minuten ist das Kleid runter. Ruck zuck hat sich Beth Ditto des Dings entledigt, sie ist beim dritten Lied, für ihre Verhältnisse hat sie heute spät mit dem Ausziehen begonnen. In schwarzen Miederwaren springt sie über die Bühne, schmiegt sich an die Hände in der ersten Reihe.

Mit voller Stimme gegen den Schlankheitswahn: Punksängerin Beth Ditto wird von der Modeszene als Stilikone gefeiert

(Foto: Foto: ddp)

Beth Ditto, 1,55 Meter groß und 95 Kilo schwer, informiert die Konzertbesucher in der Alten Feuerwache in Mannheim, dass sie eine riesige Vagina hat und überdies gerade ihre Tage. Sie brüllt, verschwitzt ihr Make-up, und irgendwo auf der versifften Bühne liegt ihr Kleid, das ihr Popdesigner Jean-Charles de Castelbajac geschenkt hat.

Das also ist Beth Ditto, das fleischgewordene Feuchtgebiet und der wohl ungewöhnlichste Neuzugang in der von internationalen Hochglanzmagazinen hingebungsvoll geführten Rubrik "Stilikone".

Wer will in Krisenzeit noch Perfektion?

Einige Stunden zuvor in der Garderobe der Konzerthalle: Die 28-jährige Sängerin der US-Band Gossip, deren Sound zwischen Punk, Disko und Achtzigerpop mäandert, empfängt. Ihr Händedruck ist weich. Sie sagt: "Yeah." Ditto trägt Jeansleggings, ein schwarzes Lycrashirt und rote Gummiballerinas von Vivienne Westwood, die nach Kaugummi riechen. Ihr schwarzes Haar ist asymmetrisch geschnitten, auf den Lidern lastet ein kleopatrischer Strich.

Natürlich gibt es bei einer Sängerin, einer beeindruckenden sogar wie Ditto eine ist, Wichtigeres als Äußerlichkeiten, gleichwohl ist es das, womit sie seit geraumer Zeit Aufsehen erregt. Aktuell posiert sie auf dem Cover von Dazed & Confused, die Popgazette NME hob sie nackig auf den Titel wie auch das neue Modemagazin Love. "Wer will in Krisenzeiten noch mit Perfektion behelligt werden", fragt Chefredakteurin Katie Grand. Der breiten Masse stellte sich die Sängerin bei den Pariser Defilees im März vor.

Ausgerechnet Ditto, die sich als "fette Lesbe aus Arkansas" bezeichnet, saß in der front row. Eigentlich würde sich die Magerbranche eher einen Arm abhacken, als Typen wie Ditto mit ihren unrasierten Achseln eines Blickes zu würdigen. Und doch saß sie bei allen wichtigen Schauen vorn, bei Chanel wie bei Gaultier.

Bei der Fendi-Party trat sie mit Gossip auf, und Silvia Fendi sagte: "Es ist ein Genuss, ein kleines Risiko einzugehen." Der wohlige Grusel bleicher Fettpolster. Beim Auftritt riss sich Ditto ein weißes Kleid des Couturiers vom Leib. Für sie ist das Punk: "Das ist die Freiheit zu tun, was ich will - überall."

Karl Lagerfeld honorierte die Missachtung seiner Kreation, indem er Ditto herzte. Vogue-Chefin Anna Wintour kicherte mit ihr, Kate Moss war stramm an ihrer Seite und Twiggy, Mutter aller Magermodels, blickte ungläubig auf das Wesen, das sich in ein Bandagenkleid von Hervé Léger gepresst hatte.

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Mit voller Wucht

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