Bertelsmann-Studie Deutschland fehlt die Toleranz

Wie gut sind die Menschen untereinander vernetzt? Vertrauen sie einander? Und akzeptieren sie unterschiedliche Lebensstile? Eine internationale Vergleichsstudie hat herausgefunden, dass der Zusammenhalt in Deutschland nicht so schlecht ist wie gedacht. Und das, obwohl die Bundesrepublik in einem wichtigen Teilbereich ausgesprochen schlecht abschneidet.

Von Jan Bielicki

Es ist Wahlkampf, und so gut wie alle Parteien, ob CDU, CSU, SPD, Grüne oder Linke, sprechen von "sozialer Gerechtigkeit", sogar die FDP in der Variante "Leistungsgerechtigkeit". Überparteilich reagieren sie so auf das Gefühl vieler Wähler, dass es im Land eben nicht mehr gerecht zugeht. Und auf die laut Umfragen von drei Viertel der Bürger geteilte Sorge, dass diese Gesellschaft immer weiter auseinanderfällt: in oben und unten, reich und arm, Ost und West, Migrantenghettos und Wohlstandsenklaven, in Stämme, Gruppen und Grüppchen, deren Lebensstile und Lebensauffassungen kaum noch etwas miteinander zu tun haben, jeder gegen jeden und jeder für sich allein.

Es geht also um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland, und den halten die Deutschen mehrheitlich für gefährdet.

Eigener Index

Ganz so schlecht aber ist es um den Zusammenhalt im Land doch nicht bestellt. Deutschland steht im internationalen Vergleich zwar nicht top da, aber soeben noch im oberen Mittelfeld. Und in den Jahren der Schuldenkrise ist der Zusammenhalt der Bundesbürger sogar gestiegen. Das stellt ein neue, umfangreich angelegte Vergleichsstudie zur Lage des Gemeinsinns in 34 Industriestaaten fest.

Für dieses "Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt", das die Bertelsmann-Stiftung an diesem Dienstag vorstellt, haben Sozialwissenschaftler der privaten Jacobs University Bremen einen eigenen Index entwickelt, der anschaulich und vergleichbar machen soll, was wie stark eine Gesellschaft zusammenhält.

Ergebnis: Was den Zusammenhalt betrifft, stehen skandinavische Staaten im internationalen Vergleich ganz oben und Länder Südosteuropas ganz unten. In Dänemark hält die Gesellschaft demnach am engsten zusammen, sogar noch etwas besser als in Norwegen, Finnland oder Schweden. Auf den nächsten Plätzen folgen klassische Einwanderungsländer angelsächsischer Prägung wie Neuseeland, Australien, Kanada und die USA. In Rumänien, Griechenland und Bulgarien dagegen driften die gesellschaftlichen Gruppen am weitesten auseinander.

Freunde, Vertrauen, Akzeptanz

Deutschland findet sich zwischen Österreich und Großbritannien auf Platz 14 dieser Tabelle. Vergleicht man, wie es die Studie tut, Werte aus den vergangenen 25 Jahren, geht es mit den Deutschen und ihrem Zusammenhalt sogar leicht aufwärts.

Doch um diese Tabellenspiele geht es den Forschern um die Soziologen Klaus Boehnke und Jan Delhey erst in zweiter Linie. Vor allem versuchen sie, mit ihrem neuen Index messbar zu machen, was auf den ersten Blick eigentlich unmessbar zu sein scheint: eben das Maß, in dem eine Gesellschaft zusammenhält. Vorbilder sind Kennziffern wie der Index für menschliche Entwicklung, mit dem die Vereinten Nationen das Wohlergehen der Bevölkerung bewertet.

Worin besteht also das, was die Bremer Wissenschaftler die "Qualität des solidarischen Miteinanders in einem territorial abgegrenzten Gemeinwesen" nennen? Für die Forscher sind das drei Dinge: belastbare soziale Beziehungen zwischen den Menschen, deren emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen sowie die Verantwortung der Einzelnen für das Gemeinwohl.

Den Forschern geht es also erstens darum, wie die Menschen mit Freunden oder anderen Menschen vernetzt sind, wie sie ihren Mitmenschen vertrauen, und darum, wie bereitwillig sie unterschiedliche Menschen und deren Lebensstile akzeptieren - Einwanderer etwa. Gerade auch diese Toleranz zählen die Forscher zu den grundlegenden Faktoren, die moderne Gesellschaften, die ja vielfältig sind, zusammenhalten.