Berliner Club "Berghain" Die Mitte der Welt

Schön war's: Kunst und Globalisierung geben dem Nachtleben der Hauptstadt den Todeskuss.

Von Gustav Seibt

Außerordentlich suggestiv ist, was der Musikkritiker Tobias Rapp in seinem Buch "Lost and Sound" über den Berliner Club "Berghain" schreibt: Das erwartungsvolle, ja furchtsame Schlangestehen in den frühen Morgenstunden - keine VIP-Hierarchie, sondern egalitäre Türsteher-Willkür entscheidet über den Zutritt - lehrt den Einlassbegierigen "Identifikation mit dem Peiniger, gemischt mit Vorfreude und Angst".

Dann am Eingang: Drogencheck als "rituelle Reinigung". Man entrichtet einen Obolus, "auch ein religiöser Akt", vollzogen unter einem riesigen Wandgemälde, das "Rituale des Verschwindens" heißt. "Die Lichtarchitektur unterstützt das Gefühl einer Initiation: draußen ist es dunkel, im Kassenraum schummrig, in der Garderobe hell."

Endlich ist man drin, nach einem freimaurerisch anmutenden Stufenweg: "Wenn man die letzte Schwelle überschritten hat und die große Halle betritt, aus der man es schon vorher wummern gehört hat, dann wird es auf einmal wieder dunkel (...). Es ist jedes Mal aufs Neue ein kurzer Schock, vor der Tanzfläche zu stehen und sich von der Musik anbrüllen zu lassen (...) Die Schallwellen der Musik greifen einen ja ganz körperlich an."

Kathedralenarchitektur des ehemaligen Heizwerks am Berliner Ostbahnhof, durch Scheinwerfer ins Undeutlich-Unendliche erhöht, Stroboskopblitze, ein System von Bars, Nebenräumen zum Ausruhen und zur Lust, und mitten drin auf erhöhten Kanzeln der jeweilige Meister des Geschehens, ein charismatischer DJ - sein "kantiges" Gesicht leuchtet über der Szenerie -, im Kontakt mit seiner "crowd": Das ist die "Berghain"- Welt.

Alles an dieser Raum-Zeit-Lärm-Installation dient einem einzigen Ziel: "Das Berghain öffnet ein eigenes Raum-Zeit-Kontinuum. Andere Läden betritt man, bleibt eine Weile und fährt dann anderswohin. Hier bleibt man. Der Rest der Welt verschwindet. Im Berghain ist man out of area.

Man muss an Religion denken bei solchen Sätzen, aber ebenso geht es um Kunst und Lust. Die Sprache dieser Beschreibungen erinnert an die orphisch-bacchischen Seiten archaischer Kulte, die für heutige Zivilisationskinder durch eine höchst geschickte Mobilisierung fortdauernder Stammhirnreflexe wiederhergestellt wird - die Probe des Gelingens ist hier der Umstand, dass der ganze Zauber wirkt. Daran kann übrigens kein Zweifel bestehen. Rapp übertreibt kaum. Sein Text kann all denen, die schon einmal dabei waren, als künftige Erinnerungsschrift dienen. So war das also, als man noch jung war und feierte.

Seit mehr als zehn Jahren wächst nun die ästhetische Faszination vor allem des Berliner Nachtlebens. Seit den Büchern von Rainald Goetz aus den späten neunziger Jahren ("Rave", "Celebration") ist der Berliner Techno in seiner besonderen Umwelt - rostige Industriearchitekturen, symbolische Niemandsländer - zu einem erregenden Gegenstand des kulturellen Gesprächs geworden.

Mit Wolfgang Tillmans' berühmtem Foto "outside Snax Club", 2001 vor dem Vorläuferclub des "Berghain", dem "Ostgut", aufgenommen, entstand ein inzwischen kanonisches Werk der bildenden Kunst. Er war auch der einzige Fotograf, der je im Inneren des "Ostguts" tätig werden durfte - der Beste seiner Generation war hier gerade gut genug.

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