Berlin Twerk Battle Und der Hintern tanzt dazu

In der Hip-Hop-Szene von New Orleans kann Twerk eine Kunstform sein. In Berlin geht es um Kunst aber am allerwenigsten.

(Foto: Getty Images)

Ein Glück, dass wir hier nicht bei "Me Too" sind: In der Hip-Hop-Szene kann Twerking eine anmutige Kunstform sein, vom "Berlin Twerk Battle" kann man das weniger behaupten. Hier regieren eher Pole-Dance und dumme Sprüche.

Von Jan Kedves

So ein tanzender Hintern kann auch etwas Meditatives haben. Man überlegt dann zum Beispiel, während man dem Wackeln und Zucken der Pobacken zusieht, wie man so einen Tanz eigentlich übt. Vor dem Spiegel? Da müsste man sich ganz schön den Hals verrenken. Beim Twerking ist vorne ja hinten, beziehungsweise: Der Hintern ist vorne. Vermutlich lernt man Twerking am besten, wenn man sich vorne, also hinten, Youtube-Videos aus den USA ansieht und sich dabei von hinten, etwa vom eigenen Smartphone, filmen lässt.

"Ich gucke mir viele Twerking-Videos im Netz an, aus den USA, aber auch aus Finnland", sagt Rebecca, eine der zehn Teilnehmerinnen beim ersten "Berlin Twerk Battle" vor einigen Tagen. Sie ist 25, blond, hat 2016 mit Twerking angefangen, "weil's geil ist". Ihren Po, den Hauptakteur bei diesem Tanz, hat sie in eine weitmaschige Netzstrumpfhose gespannt. Darüber trägt sie Shorts, die fast wie ein String-Tanga aussehen. Damit ist Rebeccas Po fürs Twerking, diesen aus der schwarzen Hip-Hop-Szene von New Orleans stammenden Tanz, schon mal gut in Szene gesetzt.

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Mit dem Kopf zum DJ und ihrem Hintern zu den etwa tausend Zuschauern vor der Bühne geht es dann los: Rebecca geht in die Hocke, ihr Po übernimmt für eine Minute die Kontrolle. Zu schnellen Hip-Hop-Beats lässt Rebecca ihre kleinen und großen Gesäßmuskeln so zucken, dass nicht der gesamte Körper mitwackelt, sondern tatsächlich fast nur der Po. Darum geht es nämlich beim Twerking: um akkurat rhythmisierte und isolierte Muskelaktivität an Stellen, an denen der normale Schreibtischmensch nur Schwabbel hat. Twerking ist nicht einfach nur wildes Hüftschütteln. Wenn man es richtig macht, so wie Rebecca, kann es große Kunst sein.

Rebecca gewinnt den "Berlin Twerk Battle" aber nicht, sie kommt nicht mal ins Finale. Sie verliert im Duell gegen eine Mitbewerberin aus der Ukraine, die nicht besonders gut twerkt, dafür aber einen Mischmasch aus Breakdance und Sportgymnastik zeigt. Die Frage, ob Twerking zurück ist, oder ob es nie weg war, und warum hier tausend Leute im Festsaal Kreuzberg stehen und jubeln, ist also gar nicht leicht zu beantworten. Ein Großteil von dem, was hier als Twerking von der Jury gelobt wird, hat mit Twerking nämlich fast nichts zu tun. Was vor allen den Männern in der Jury - Halbprominente aus der Berliner Rap-Szene wie Bass Sultan Hengzt oder Rufmord der Boss - völlig egal ist. Ist das hier vielleicht einfach ein bisschen so wie auf der Sexmesse Erotica: Man kann auch in Zeiten der "Me Too"-Debatte vielen Frauen auf den Arsch starren, ohne aufzufallen?

Kurz: Vieles beim "Berlin Twerk Battle" ist ein Beweis dafür, wie kilometerweit die aktuelle Debatte um Sexismus und die fortwährende Debatte um Rassismus an manchen Teilen der Gesellschaft vorbeigeht, was sich auch daran zeigt, wie Twerking hier nach Kräften missverstanden wird. Das geht dem Tanz häufig so. Als die Popsängerin Miley Cyrus 2013 Twerking für sich entdeckte, dachten viele, sie habe den Tanz erfunden, dabei konnte sie ihn nicht mal besonders gut. Trotzdem machte sie mit ihrem Hintern eine solche Welle, dass man beim Oxford Dictionary entschied, man müsse das Verb "to twerk" nun in den englischen Wortschatz aufnehmen. Cyrus konnte für das Timing wenig, aber die Aktivistinnen und Aktivisten aus der "Cultural Appropriation"-Bewegung (sie prangern an, wenn die künstlerischen Praktiken von Minderheiten kommerzialisiert werden) schlugen Alarm. Verständlicherweise. Denn schwarze Popstars wie Beyoncé hatten den Tanz ja schon lange vor Cyrus in ihren Musikvideos gezeigt. Da läuft einmal ein weißer Popstar vorbei, und dann erst kommt diese schwarze Körperkunst, ins Wörterbuch. Ein Hohn.

In Berlin ist es dann ein Hohn, dass der Eindruck entsteht, Twerking sei reine Frauensache. In New Orleans tanzen auch Männer mit dem Hintern. Für wen Twerking dort das emanzipativere Potenzial hat, für Frauen, für Schwule und Transsexuelle, oder für Heteromänner, die einfach Po-entspannt sind, ist schwer zu sagen. Wichtig ist ohnehin nur zu wissen, dass in den USA eben nicht nur Frauen twerken.

Anders in Berlin. Da richtet Moderatorin Vero nach dem ersten Durchgang mit den zehn Bewerberinnen die Frage ins Publikum, wer denn auch gern mal spontan twerken würde. Und als sich dann ein Junge aus einer schwulen Clique vor der Bühne meldet, macht sie ein Witzchen, und dann traut sich der Junge nicht mehr, und dann beschimpft Vero ihn sogar: "Wie lahm bist du denn?" Buh!

Ein anderes Missverständnis in Berlin: Twerking ist komplett weiß. Alicia, 27, ist die einzige Teilnehmerin, bei der man sich da nicht ganz sicher ist. Sie hat helle Haut, aber ... und schon wird Alicia von der Moderatorin auf ihre "Powerlocken" angesprochen: "Sind das Extensions?" Als Alicia sagt, dass sie diese Locken von ihrem Vater habe, der stamme aus Afrika, da ulkt Vero: "Oh, zum ersten Mal Afrika hier! A-fri-kk-aaa." Buh? Nein, das Publikum lacht.

Der Horror geht noch weiter. Alicia twerkt wunderbar, aber auch sie kommt nicht ins Finale. Sie verliert gegen eine sonnenbankgegerbte Profi-Tänzerin, die nicht nur twerkt, sondern das komplette Lapdance- und Stripclub-Programm abzieht. Aus der Jury trieft es nur so vor miesen Macker-Sprüchen. Man sei hier ja zum Glück nicht bei "Me Too", und die Bewerberinnen dürften auch gern mal im feuchten Traum vorbeikommen. Deutsche Hip-Hop-Normalität, klar - und wahnsinnig notgeil.

Und was machen die Frauen, wenn es beim Twerking über Worte hinausgeht? Rebecca steht, nachdem sie rausgeflogen ist, mit Freunden an der Bar. Wie geht sie damit um, wenn mal eine Hand kommt? "Dann versuche ich die zu ignorieren." Und wenn die Hand aber richtig aufdringlich wird? "Dann konfrontiere ich den Typ." Man glaubt Rebecca sofort, dass das nicht lustig wird. Aber wäre es nicht besser, wenn die Hand erst gar nicht käme?

Normalität beim "Berlin Twerk Battle" im Februar 2018: Solange vorne die Pobacken kreisen, bleibt es hinten ziemlich kompliziert.

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