Von Christiane Langrock-Kögel

Yeah, yeah, yeah: In Hamburg eröffnet der Beatles-Platz mit Denkmal - aber einen Ort für neue Beatles gibt es nicht.

Sie haben vier Spuren Stadtverkehr im Rücken, aber ihr Blick nach vorn fällt auf die Große Freiheit. Seit ein paar Tagen stehen fünf lebensgroße Metallfiguren an der Einmündung der Reeperbahn in ihre berühmteste Nebengasse, die Große Freiheit. Die fünf Männer, verhüllt mit gelben Stoffsäcken, unter denen sich Gitarren und ein Schlagzeug abzeichnen, schauen auf die Leuchtreklamen von Bordellen, Sexshops, Discos, Bars, Imbissbuden. Anfang der 60er Jahre spielten die fünf Liverpooler Jungs in Musikclubs wie dem "Indra", dem "Kaiserkeller" und später dem "Star-Club", alle an der Großen Freiheit. Die Statuen stellen die Beatles dar.

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Ein Denkmal für die Beatles - einen neuen "Star-Club" gibt es nicht. (© Foto: dpa)

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Die metallenen Konturen von John Lennon, George Harrison, Ringo Starr, Paul McCartney und Stuart Sutcliffe, die ein bisschen wie Ausstechförmchen aussehen, zieren den ersten Beatles-Platz der Welt. Das zumindest behaupten die Initiatoren, die Hamburger Geschäftsmänner Frank Otto und Uriz von Oertzen sowie der Radiosender Oldie 95. Am kommenden Donnerstag wird Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust das Band um den Beatles-Platz durchschneiden. Die Stadt ist dankbar auf die private Initiative aufgesprungen, trägt die Hälfte der Kosten von 550000 Euro. Auf dem Plakat neben dem Bauzaun nennt sich die Hansestadt stolz an erster Stelle als Finanzier. Bislang hat noch nicht einmal eine städtische Gedenktafel an die bekannteste Band der Welt erinnert.

Die Beatles verbrachten zwischen 1960 und 1962 insgesamt neun Monate in Hamburg, standen Abend für Abend auf den Bühnen der Großen Freiheit und fanden so zu dem Stil, der ihnen 1963 den internationalen Durchbruch bescherte. An der roten Hauswand des "Indra" erinnert ein kleines, von den Betreibern angebrachtes Schild an den 17. August 1960, als die Beatles zum ersten Mal in Deutschland auftraten - damals noch mit dem Schlagzeuger Pete Best anstelle von Ringo Starr und dem 1962 gestorbenen, auf dem Beatles-Platz der Vollständigkeit halber rechtsaußen im Abseits platzierten Stuart Sutcliffe.

Auch am "Kaiserkeller", Große Freiheit Nummer 36, wo die Liverpooler später engagiert waren, findet sich nur ein schmuckloses Metallschild als Erinnerung. Der "Star-Club", nicht nur für die Beatles Sprungbrett in das internationale Showgeschäft, existiert seit 1969 nicht mehr. Im heruntergekommen Hinterhof sind heute ein Asia-Imbiss und eine Thai-Karaoke-Bar eingezogen. Auch den Grabstein aus indischem Granit, der an den Club und seine wichtigsten Bands erinnert, hat nicht die Stadt aufgestellt.

Und nun ein Denkmal für die Beatles. Das Architekturbüro Dohse und Stich aus Hamburg-Altona hatte, sagt Carsten Dohse, nur "eine hässliche Straßeneinmündung als Rohmaterial." Es entstand ein großer Kreis aus dunkelgrauem Granit, der aus der Vogelperspektive wie eine riesige Schallplatte aussieht. An deren Rand verlegt ein Experte für LED-Lichtsysteme die letzten Kabel für eine Stroboskop-Anlage. Die um den Kreis rotierenden Lichter sollen den Eindruck erzeugen, als ob sich die Platte drehe. Eine halbe Stunde vor der Straßenbeleuchtung schalten sich die vielen kleinen Lichter des Beatles-Platzes automatisch an, werden die fünf Musiker-Figuren angestrahlt, damit ihre Gitarren blitzen. Sie Körper bestehen nur aus Konturen, damit man sich für ein Erinnerungsfoto hineinstellen kann.

Es ist ein Platz für Touristen ist es geworden und doch mehr. Denn es ist auch ein Denkmal für die längst vergangene Zeit, als auf der Reeperbahn die musikalische Subkultur blühte. Die Zahl der Live-Konzerte ist heute auf einem Tiefststand angelangt, Disco-Partys und Mainstream-Musik bestimmen das Programm auf dem Kiez. Ein einziger Inhaber-geführter Club versucht sich noch an einem eigenen Programm, die Finanzspritze eines unbekannten Musikfreunds hat ihn gerade vor dem fürs Jahresende angekündigten Aus gerettet. Der "Kaiserkeller", einst Kultbühne, macht heute "Studentenfutter-Partys, 100 Kilo gratis".

Vor 45 Jahren war der Hunger auf musikalische Aufbrüche größer. Andrea Rothaug, Chefin des von der Kulturbehörde unterstützten "Zentralorgans der Hamburger Musikschaffenden" Rock City, sagt, das Unterhaltungsprogramm habe sich enorm verändert: "Musik wird konsumiert, und gefeiert wird nicht in den Clubs, sondern auf der Reeperbahn gern da, wo Alkohol billig und Rauchen gestattet ist, nämlich auf der Straße". Der Beatles-Platz mache Musik zum Thema, das sei gut, sagt Rothaug. Ein Denkmal habe aber natürlich "keine strukturfördernde Wirkung".

Der kreative musikalische Muskel Hamburgs, zur Zeit der Beatles gut trainiert, ist ziemlich außer Form. Die kleinen Konzerte unbekannter Nachwuchsbands können sich die meisten Clubbesitzer kaum leisten. Tino Hanekamp vom "Übel & gefährlich" glaubt, dass im Rückblick auf die 60er Jahre aber auch Vieles glorifiziert wird. "Trotzdem findet heute ganz klar ein musikalischer Abbruch statt. Die Räume für die Subkultur-Szene werden immer kleiner. Von Aufbruch ist nichts zu spüren." Hanekamp, dessen Club am Rand von St. Pauli liegt, lässt dennoch immer wieder kleine Bands spielen. "Wir hauen auch mal 400 Euro für eine Band auf den Kopf, die keiner kennt." Aber er legt jedes Mal drauf und kann das nur durch gut laufende, große Techno-Partys finanzieren.

Die Musiker, die bei ihmspielen, fragen Hanekamp oft nach den Clubs, in denen die Beatles als noch unbekannte Nachwuchsband auftraten. Und auch er hat all diese Orte abgeklappert, als er nach Hamburg kam. Was bedeutet ihm ein Beatles-Platz? "Der hat mit uns gar nichts zu tun. Das ist etwas für Touristen und Musical-Besucher." Er will von der Stadt lieber Räume, strukturelle Unterstützung, kein Geld. Ein leerstehendes Haus zum Beispiel, das neuen Clubs zur Verfügung gestellt wird, Platz für die Subkultur. Vielleicht für neue Beatles.

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(SZ vom 09.09.2008/jüsc)