Knapp 900 Beratungskontakte im Jahr registriert die Einrichtung, manchmal nur eine Frage, schüchtern am Telefon gestellt. Da sind Migrantinnen, die sich kaum verständigen können. Es sind Frauen mit psychischen Erkrankungen darunter, es geht um HIV-Infektionen, Alkoholismus und Obdachlosigkeit. Und immer wieder um das gleiche Problem: fehlendes Denken an die Zukunft. Es gibt durchaus Prostituierte, die etwa durch eine Eigentumswohnung oder eine Lebensversicherung vorsorgen. Meist sind das Edelhuren oder Dominas, die "empfohlen" werden und sich die Freier quasi selbst aussuchen. "Je professioneller die Berufsausübung, desto gezielter wird vorgesorgt", sagt Carmen Jörg.

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Dirnen, Drogen, Dreharbeiten: Retrospektive auf das älteste Gewerbe und ihre Gesichter. (© Foto: dpa)

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Der Regelfall sei das nicht. Viele junge Frauen würden, wenn das Geschäft gut läuft, "sehr konsumorientiert leben". Die Arbeit auf dem Strich geht körperlich und seelisch an die Substanz, als Entschädigung dafür wollten viele zumindest ein gutes Leben führen. "Teurer Schmuck, Kleidung, Autos, Urlaube", zählt Jörg auf. Wenn die goldenen Zeiten vorbei sind, ist meist nichts mehr übrig - außer die tiefen Spuren des Jobs, Armut oder Krankheiten.

Jörg und Skutella halten die Intention des Prostituiertengesetzes für gelungen, es habe den Strich aus der Sittenwidrigkeit und damit aus der Tabuisierung herausgeholt. Die Erwartungen der Politik seien aber zu hoch gewesen. "Da gibt es kein Hopp oder Topp von heute auf morgen", meint Jörg. Viele Huren wollten für ihre Arbeit gar keinen offiziellen Charakter, sie befürchteten weniger Selbständigkeit und den Verlust der Anonymität. Und kaum ein Bordellbetreiber wünsche sich wohl eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, wenn die Sexarbeiterinnen nichts für ihn einbringen. Arbeitsverträge bedeuten mehr Kosten und Pflichten. Das sind auch Gründe, warum das Gesetz kein Renner wurde.

Hilfe für den Ausstieg

Auch bei der Bundesregierung weiß man nicht so recht Rat. "Hinsichtlich des Zugangs zur gesetzlichen Sozialversicherung und der Möglichkeiten der freiwilligen Absicherung sind Prostituierte rechtlich gegenüber anderen Arbeitnehmerinnen nicht mehr benachteiligt", heißt es in der Studie des Familienministeriums. Insoweit bestehe "kein weiterer gesetzgeberischer Handlungsbedarf", wohl aber für Verbesserungen. Zunächst müsse die Regierung, so heißt es, "politischen Willen" zeigen, ob man die Ziele überhaupt weiter realisieren wolle.

Zumindest ein Anfang ist in Sicht: Im Familienministerium wird derzeit an einem Modellprojekt gebastelt, das Huren beim Ausstieg unterstützen und dann in den Arbeitsmarkt bringen soll. An drei bis vier Standorten bundesweit sollen Programme zur Qualifizierung angeboten werden. Bis jetzt existiert das alles nur auf dem Papier, Ende März war Schluss mit der ersten Bewerbungsphase, in der Projektskizzen dafür beim Ministerium eingereicht werden konnten.

Für die Münchnerin Ingrid dürfte dies alles ohnehin zu spät sein. "Na klar", sagt sie, "würde ich die Zeit gerne zurückdrehen." Ihr fallen viele Fehler ein, wenn sie über ihre Zeit auf dem Strich nachdenkt. "Ich hab da halt als junges Mädel falsch gedacht." Von ihrer Betreuerin Sabine Skutella verabschiedet sie sich am Ende mit einer Umarmung. Man müsse die Schicksale der Frauen "stets professionell behandeln", hatte Skutella zuvor gesagt, und dennoch sieht die Szene ein wenig so aus, als würden sich zwei Freundinnen nach einem Plausch verabschieden. Mit Brot und Blumenkohl im Gepäck macht sich Ingrid auf den Nachhauseweg. Nächsten Dienstag um die Mittagszeit wird sie wiederkommen.

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(sueddeutsche.de/vs)