So wie beim Tod des 58-jährigen US-Fernsehmoderators Tim Russert im Juni. Der populäre NBC-Journalist war an einem Herzinfarkt gestorben. Dabei war er ein Vorbild an vorsorgender Lebensführung. Er nahm Aspirin, ließ sich jährlich durchchecken, unterzog sich dabei einem Belastungs-EKG und trainierte regelmäßig auf dem Fahrrad-Heimtrainer. Er starb trotzdem jung - und machte damit viele Amerikaner sehr nervös.

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Ihrer Verunsicherung machten sie in Briefen an die New York Times Luft, sodass sich die Zeitung zu dem Kommentar veranlasst sah: "Man glaubt nicht mehr, dass Menschen auf diese Weise sterben können - besonders dann nicht, wenn sie intelligent, gebildet, erfolgreich und gesundheitsbewusst sind und von Ärzten betreut werden."

Wellness beinhaltet zwar angeblich Gesundheit und Vergnügen, tatsächlich stellt es aber die Vorstellung von beiden Begriffen auf den Kopf. Wohlbefinden und Gesundheit werden gemeinhin als Gegenteil von Krankheit verstanden. Bevor der Wellness-Terror begann, war Gesundheit ein flüchtiger Zustand der Selbstvergessenheit, der sich - ähnlich wie Liebe oder Glück - nicht herstellen ließ.

In dem Moment, in dem man ständig argwöhnisch in sich hineinhorcht, ob man tatsächlich glücklich, verliebt oder eben gesund ist, ist man es schon nicht mehr. Die Unbeschwertheit macht einem nagenden Unbehagen Platz. Das selbstvergessene, beschwerdefreie Wohlbefinden ist einem seltsamen Zwischenzustand gewichen: Man fühlt sich allenfalls nur noch gesund auf Probe.

Eine der schönsten Beschreibungen von Gesundheit ist "Leben im Schweigen der Organe" von dem französischen Chirurgen René Leriche. Wellness ist das Gegenteil von unbeschwerter oder schweigsamer Selbstvergessenheit, denn das Ziel ist aktives Sichwohlfühlen, um das gerungen werden muss wie um den letzten freien Platz in der Sauna. Gesundheit und Wohlbefinden müssen in der verschwitzten Wellness-Welt systematisch erarbeitet werden, statt dass sie einfach vorhanden sind. So wird Wellness zu einem weiteren paradoxen Lebensmotto aus dem inneren Absurdistan - ähnlich der Aufforderung "Sei doch mal spontan!"

Die lärmende Suche nach Ruhe, die multitaskingfähige Dauernervöse in ihrer Freizeit veranstalten, hat dazu geführt, dass auch die Stille nicht mehr das ist, was sie mal war. Die Sehnsucht nach ungestörtem Für-sich-Sein zeigt sich in Angeboten wie Wellness-Urlaub im Kloster. Dort schweigen aber weder die Organe noch die erfahrungshungrigen Teilnehmer. Die Stille wird immer wieder thematisiert und so zum zerredeten Gesprächsstoff, der bewusst erlebt werden soll. "Damit hört die Stille auf, etwas zu sein, das sich ereignet, ohne dass man darüber nachdenkt", sagt die Soziologin Monica Greco von der Universität London.

Wo Klöster zu Wellness-Oasen umfunktioniert werden, mag zwar akustisch manchmal Stille herrschen. Der permanente Druck, sich selbst als Quell des eigenen Vergnügens zu erleben, lässt viele Erfüllungssuchenden jedoch unruhig werden. Dem Wellness-Jünger, der Ruhe und Entspannung erhofft, ergeht es ähnlich wie dem Reisenden, der rastlos nach der unberührten Idylle sucht. Er zerstört das, was er sucht, indem er es findet.

Die Wellness-Angebote in Klöstern zeigen denn auch die ganze religiöse Dimension des Gesundheitskultes. Wellness hat hier nun nichts mit Ausschweifung und Verausgabung zu tun, sondern mit Mäßigung und Askese. Sittsamkeit und Disziplin sind streng protestantische Tugenden, die in dem diffusen Wellness-Brei gerne mit fernöstlichen und esoterischen Praktiken vermischt werden.

Heraus kommt Quatsch mit Sauce mit typischen Zutaten wie Aroma-Sauna und Buddhismus light - inklusive Tibet-Aufkleber auf der Sporttasche. Pikanterweise trägt gerade die Kirche dazu bei, dass das Streben nach Gesundheit zur Ersatzreligion wird. Und auf der verzweifelten Suche nach verlorenen Schafen ist sich diese Kirche für keinen Wellness-Chichi zu schade. "Adressiert sind die Wellness-Rituale eher an das Selbst als an Gott", sagt Monica Greco.

Im Kloster Arenberg nahe Koblenz, dem "ersten Wellness-Kloster" Deutschlands, ist es längst vorbei mit "kargen Zellen, frugalen Mahlzeiten und einer strengen Tageseinteilung". Das würde die Selbstsucher nur abschrecken. Stattdessen wird ein "ganzheitliches Urlaubsprogramm für Körper, Geist und Seele nach dem Motto ,erholen, begegnen, heilen' geboten". Das Kloster ist nach eigenen Angaben "sensationell erfolgreich, denn es erlebt einen Ansturm: Gestresste, Naturgenießer und Sinnsucher aller Altersgruppen und Konfessionen aus ganz Deutschland suchen hier Entspannung".

Auf der Suche nach "sinn- und lebensstiftender, gesunder Spiritualität" ist erlaubt, was bequem ist: "Wer will, kann mit den Schwestern schon morgens um sieben in der Kirche die Liturgie feiern, oder eine Stunde später mit einem Morgenimpuls in den Tag starten oder aber ausschlafen", heißt es über das Wellness-Kloster. "Im Kurs ,Gott liebt Tango' tanzen sich die einen frei, während die anderen im Kräutergarten Riechübungen machen." Wellness macht dem unterfinanzierten Kurbetrieb ("Morgens Fango, abends Tango") längst Konkurrenz.

Spiritualität in Wellness-Klöstern ist aber keine höhere Form geistiger Erfahrung, sondern wird instrumentalisiert, um sich mit eingeübten Andachtsgesten für die Anforderungen des Alltags zu wappnen. Hier sollen keine Fett-Depots an Bauch, Beinen oder Po abgeschmolzen werden, sondern es geht um Problemzonengymnastik für das eigene Ego.

Gesundheit und Wohlbefinden zu vereinen, das ist möglich, verspricht der Deutsche Wellness-Verband, die "bis heute führende Wellness-Organisation in Europa". Es klingt einfach: "Gestalten Sie Ihr Leben so genussvoll wie möglich, aber behalten Sie dabei Ihre Gesundheit im Auge. Ob Essen, Trinken, Bewegung, Stressabbau, Arbeit, Freizeit, Liebe, Glauben: Sie können sich immer für eine gesunde und genussvoll Alternative entscheiden. Das ist der Wellness-Weg!"

Dieser Weg wird kein leichter sein, denn es geht ja um nichts weniger als die Vereinigung diverser Gegensätzlichkeiten: Genuss und Mäßigung, Freizügigkeit und Disziplin, Selbstvergessenheit und Planerfüllung. Yin und Yang würde hier der Westentaschen-Buddhist ergänzen und der Toskana-Freund: Jakobsweg und Jakobsmuscheln. Für den Soziologen Ulrich Bröckling von der Universität Leipzig ist die Erwartung an den modernen Menschen, ob im Beruf oder in der Freizeit, geprägt durch solche unerfüllbaren Paradoxien: "Widersprüche im Anforderungsprofil werden gesteigert, schlechtes Gewissen und Motivation werden deshalb noch größer - das treibt an, denn das Ziel ist die erfolgreiche Mischung der Extreme", sagt Bröckling.

So bietet Kloster Kostenz im Bayerischen Wald "Wellness für Körper, Geist und Seele". Gebucht werden kann das Programm "Zeit für mich - Eine Verwöhnwoche für die Sinne". Das Klassenziel ist vorgegeben: "Gönnen Sie sich in einer geborgenen Atmosphäre Zeit für sich selbst", heißt es in der Ankündigung. "Eine Zeit der Entspannung, des Energietankens und Wohlfühlens. Das Eintauchen in die Ruhe fördert Ihr Wohlbefinden, macht Sie ausgeglichener, zufriedener und glücklicher. Sie ermöglichen Ihrem Körper, Ihren Gefühlen und Gedanken, offen zu werden und auf Ihre Bedürfnisse besser zu hören. Genießen Sie bei sanften Körper-, Entspannungs- und Sensibilisierungsübungen, Meditation, Tanz, Musik, Gesprächen, Saunen und Schwimmen sich selbst und diese wunderbare gemeinsame Zeit."

Was, wenn man es in einer Woche nicht schafft, ausgeglichener, zufriedener und glücklicher zu werden, und dabei offen zu schwitzen?

Nach der Wellness-Maxime weigert sich der, der keine Vorsorge für ein besseres Ich betreibt, von seinem Recht auf freie Selbstbestimmung Gebrauch zu machen. Wellness-Gläubiger sind vernünftig, und mit Oberflächlichkeiten wie dem Plantschen in einer Wanne mit gefärbtem Wasser kann es ja nicht getan sein. "Das Vergnügen von Wellness besteht, zumindest bis zu einem gewissen Grade, aus einem Lernprozess, der darauf abzielt, Investitionen in das verkörperte Selbst, Aktivitäten, die das langfristige Wohlfühlen fördern, als Vergnügen zu erleben", sagt Monica Greco. Ein Wellness-Konsument weiß daher, dass er immer frisch und trainiert sein muss, um seine Arbeit gut zu machen.

Gleichzeitig bieten Wellness-Orte die Möglichkeit, die permanente Arbeit an Gesundheit und Wohlbefinden unter Gleichgesinnten zu vergleichen. Das ist der Grund, warum den Trimm-Dich-Pfaden kein Erfolg beschieden war: Wer keuchend das Niederwild aufscheuchte, konnte nie sicher sein, ob jemand in der Nähe sein würde, der sich ebenfalls schindete und die Qualen für ein höheres Ziel angemessen würdigte.

In modernen Wellness-Tempeln gibt es hingegen genug Mitleidende, die sehen und abschätzen können, wie am eigenen Profil gefeilt wird. Was sollte man daher mehr wollen, als sich schweigend ständig besser zu definieren?

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(SZ vom 05.07.2008)