Ashley Graham "Sports Illustrated"-Cover: Dürfen Frauen jetzt dick sein?

Ashley Graham präsentiert ihre Lingerie-Kollektion.

(Foto: AFP)

Erst die Kurven-Barbie, nun ein Plus-Size-Model im Bikini: Wandelt sich gerade unser Schönheitsideal? Leider nicht.

Kommentar von Barbara Vorsamer

Hurra, hurra, die dicken Frauen sind da! Endlich verabschiedet sich diese Gesellschaft vom anorektischen Hungerhakenideal. Heroin-Chic ist so Neunziger Jahre, heutzutage dürfen Frauen auch Speck auf den Hüften haben, einen Busen oder sogar einen Hintern wie Kim Kardashian. Oder nicht?

Der Beweis für diesen angeblichen Trend: Sogar Barbie hat im Alter von 57 Jahren endlich zugelegt und die berühmte Bademodenausgabe der Sports Illustrated hat mit Ashley Graham ein Übergrößenmodel auf das Cover genommen.

Dick ist in? Stimmt leider gar nicht.

"Das ist einer der größten Momente in meinem Leben", twitterte die 28-Jährige nach der offiziellen Bekanntgabe des Titels. Sie dankte dem Magazin dafür, "Frauen in allen Formen und Größen" zu zeigen.

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Leider stimmt das kein bisschen. Wer sich die Sports-Illustrated-Cover der vergangenen Jahre und Jahrzehnte anschaut, sieht lange Haare, Beine, Pos und Brüste und von all dem meistens reichlich. Von Magermodels und Heroin-Chic keine Spur, auch in den Neunzigern nicht. Fast alle Sports-Illustrated-Girls sind: attraktiv. Groß. Weiß. Langhaarig. Kurvig. Und ziemlich schlank.

Ashley Graham ist nicht so schlank, das ist tatsächlich neu. Auf dem Coverbild sind sehr ausgeprägte Oberschenkel zu sehen und sie hat einen Bauch, der sich - anders als bei Unterwäsche- und Bikinimodels üblich - nicht nach innen ins Nichtvorhandensein wölbt, sondern ein ganz kleines bisschen nach außen. Sieht so eine dicke Frau aus?

Wenn Ashley Graham dick ist, sind wir es alle

Das hängt wohl davon ab, was mit dick gemeint ist. Angeblich trägt Graham Größe 44. Ihre Agentur gibt ihre Maße mit 97-76-116 bei einer Größe von 1,75 Metern an, ihr Gewicht wird auf irgendwas zwischen 83 und 91 Kilo geschätzt. Damit wäre sie nach dem gängigen Body Mass Index (BMI) übergewichtig. In diesem Sinne also: Ja, dick.

Der BMI ist als taugliches Kriterium jedoch umstritten. Und das Wort "dick" ist in unserer Gesellschaft keine wertfreie Beschreibung eines Menschen, der mehr Masse hat als andere, sondern eine Beleidigung, in der die Urteile hässlich und unfit mitschwingen. Das kennt jede Frau, die Größe 42 hat und zu ihrer Freundin (Größe 36) sagt: "Ich bin dicker als du." Diese wird - wenn sie nett ist - die offensichtliche Tatsache sofort bestreiten und antworten: "Ach Quatsch, stimmt doch gar nicht, du bist doch nicht dick!" Graham ist auch keineswegs unfit und hässlich, in diesem Sinne also: Nein, nicht dick.

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So dick oder nicht dick wie Graham sind wir eigentlich alle. 42, nur eine Größe kleiner als die des Plus-Size-Models, ist die durchschnittliche Konfektionsgröße der deutschen Frauen, der durchschnittliche BMI liegt bei knapp unter 25. Damit sind sie gerade so nicht übergewichtig. Weit außerhalb der Norm liegt Ashley Graham also keineswegs.

Vielfalt ist im Trend, ein Wandel findet nicht statt

Der Modewelt ist derzeit ein großes Anliegen, zumindest so zu tun, als wären ihr Vielfalt und Toleranz wichtig. H&M fuhr vergangenes Jahr eine Werbekampagne, in der Schwarze, Dicke, Alte, Behinderte und ein Model mit Hijab mitspielten. Auf der New York Fashion Week 2015 lief ein beinamputiertes Model mit Prothese über den Laufsteg, bei einer anderen Show trat Jamie Brewer, ein Model mit Down-Syndrom, auf. Chantelle Young-Brown modelt trotz Weißfleckenkrankheit. Das Model Tess Holliday ist ziemlich dick und die Trans-Models Andrejy Pejic und Stav Strashko sind schon länger das heißeste Ding in der Branche.

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Doch es sind diese immer gleichen Namen, die einem begegnen, wenn es um Schönheit, Mode und Vielfalt geht. Noch sind 80 Prozent der Models weiß, fast alle sind extrem dünn und im klassischen Sinne hübsch. Sie sind cisgender (also nicht transsexuell) und haben weder Behinderungen noch Hautkrankheiten. Wenn von den "anderen" auch jeweils einer oder eine im Modezirkus mitmachen darf, sorgt das zuverlässig für Schlagzeilen, weil es eben noch lange nicht Standard ist.

Grün, pink oder ganz bunt

Nach Greenwashing (der Versuch, ökologisch zu wirken) und Pinkpainting (der Versuch, frauenfreundlich zu wirken) geht der Trend nun dahin, sich komplett bunt anzumalen: Guckt mal her, wie tolerant und vielfältig wir sind, wir haben sogar eine Frau im Vorstand, einen Ausländer als Sprecher, eine Dicke auf dem Cover!

Muss man das schlecht finden, nur weil eine Marketingstrategie dahintersteckt? Ganz und gar nicht. Ein Plus-Size-Model im Bikini ist immer noch besser als gar keins. Es ist ein erster Schritt.

Erste Schritte sind allerdings nur gut, wenn weitere folgen. Viel zu oft verharren Unternehmen und Medien auf dieser Stufe, weil sich nur diese vermarkten lässt. Das erste Übergrößenmodel macht Schlagzeilen und kurbelt die Verkäufe an. Das zweite, dritte und vierte tut das nicht mehr - aus Marketingsicht reicht also eines. Wenn es darum gehen soll, "Frauen in allen Formen und Größen" zu zeigen, ist es nicht mehr als ein kümmerlicher Anfang.

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