Armut in Deutschland Hunderttausende Rentner sind auf gespendetes Essen angewiesen

Ehrenamtliche Mitarbeiter der Nürnberger Tafel verteilen Lebensmittel.

(Foto: dpa)
  • Immer mehr alte Menschen sind auf das Angebot der Tafeln angewiesen.
  • Die Hilfsorganisation mit mehr als 900 Einrichtungen gibt Lebensmittel kostenlos oder für einen symbolischen Minimalbetrag an jährlich etwa 1,5 Millionen Menschen weiter.
  • Die Vorsitzende des Sozialverbands VdK bezeichnet die aktuellen Zahlen als "beschämend".
Von Thomas Öchsner

Immer mehr alte Menschen in Deutschland holen sich bei den Tafeln Lebensmittel. Nach Angaben des Bundesverbands der Hilfsorganisation ist bereits jeder vierte Kunde ein Rentner. Die Zahl der Senioren, die zu einer Tafel gehen, habe sich damit innerhalb von zehn Jahren auf 350 000 verdoppelt. Die meisten von ihnen dürften Frauen sein. "Für viele reicht das Alterseinkommen nicht. Manche gehen auch zur Tafel, um von dem ersparten Geld für den Einkauf im Supermarkt ihren Enkeln Geschenke kaufen zu können", sagte Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland, der Süddeutschen Zeitung.

Die Tafeln sind gemeinnützige Hilfsorganisationen, die Lebensmittel an Bedürftige verteilen. Brühl nannte mehrere Gründe für die steigende Zahl der hilfesuchenden Rentner: "Wir merken, dass die Mieten vielfach stärker als die Renten zulegen und sich mehr alte Menschen abgehängt fühlen." Viele Besucher wollten "ihren Kindern nicht zur Last fallen". Außerdem suchten die Rentner soziale Kontakte. Zu spüren sei außerdem der demografische Effekt. Es gebe mehr alte Menschen, folglich kämen auch mehr Rentner zu den Tafeln. Darunter seien viele Witwen. Eine Statistik nach Geschlechtern werde darüber aber aktuell nicht geführt. Über die Zahlen des Verbands hatte zuerst die Neue Osnabrücker Zeitung  berichtet.

Ulrike Mascher, Vorsitzende des Sozialverbands VdK, sagte: "Altersarmut ist weiblich." Sterbe der Ehemann oder sei eine Frau als Rentnerin alleinstehend, seien die Altersbezüge häufig sehr gering. Mascher bezeichnete es als "beschämend, dass die Tafeln notwendig sind". Sie sprach von einem "Armutszeugnis für Deutschland".

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Bei den mehr als 900 Tafeln gibt es Lebensmittel wie Nudeln, Gemüse oder Obst kostenlos oder für einen symbolischen Minimalbetrag. Die Lebensmittel werden als Spenden im Handel und bei Herstellern gesammelt und an jährlich mehr als 1,5 Millionen Menschen weitergegeben.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes erhielten 2016 etwa 526 000 Menschen in Deutschland die Grundsicherung im Alter, sozusagen das Hartz IV für Senioren. Seit Einführung dieser Leistung im Jahr 2003 hat sich die Zahl der Empfänger im Rentenalter mehr als verdoppelt. Derzeit ist der offizielle Anteil der Armen unter allen Rentnern noch gering: 2015 waren 3,2 Prozent der Menschen ab 65 Jahren auf Grundsicherung angewiesen. In mehreren Studien wird aber vorausgesagt, dass sich das Risiko, im Alter arm zu sein, in Zukunft stark erhöhen wird. Dies gilt besonders für Selbständige ohne Altersvorsorge, Langzeitarbeitslose und Geringverdiener.

"Wichtig ist, dass die Politik die künftige Entwicklung bei der Altersarmut sehr genau im Auge behält", sagte der Sprecher der Rentenversicherung. Die geschäftsführende Bundesarbeitsministerin Katarina Barley (SPD) sprach sich für eine Solidarrente aus. "Menschen, die viel geleistet und lange Beitragszeiten erworben haben, sollen nicht zum Sozialamt gehen müssen." Die Solidarrente wird ein Thema für die Sondierungsgespräche von Union und SPD sein.