Von Hanno Charisius

Forscher aus Tübingen finden Hinweise darauf, wie Alzheimer ausgelöst oder gar übertragen werden kann.

Zu den vielen Rätseln, die sich um den Morbus Alzheimer ranken, zählt die Frage, ob die Krankheit auch durch äußere Faktoren ausgelöst werden kann. Lange Zeit stand etwa Aluminium im Verdacht, Alzheimer zu verursachen.

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Auch Rauchen und hohe Blutfettwerte galten einst als mögliche Auslöser. Letztere sind heute aber nur noch als Risikofaktoren anerkannt. Dass der Hirnverfall theoretisch ansteckend ist, hat jedoch Matthias Jucker, Direktor am Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen, kürzlich mit seiner Arbeitsgruppe im Wissenschaftsblatt Science dargelegt (Bd. 313, S. 1781, 2006).

Die Zellbiologen injizierten Extrakte, die sie aus dem Hirngewebe soeben verstorbener Alzheimer-Patienten gewonnen hatten, in die Gehirne von Mäusen. Die Tiere entwickelten daraufhin zerebrale Beta-Amyloidose-Klumpen aus dem Eiweißstoff Beta-Amyloid, wie sie im Gehirn von Alzheimer-Patienten wachsen. Diese Amyloid-Klumpen führen bei Alzheimer auf rätselhafte Weise dazu, dass vor allem in dem für das Lernen zuständigen Hippocampus und in der Großhirnrinde Nervenzellen absterben.

Mit diesem recht einfachen Experiment haben die Forscher gezeigt, dass es im Gehirn von Alzheimer-Patienten einen infektiösen Stoff geben muss, der die Amyloid-Verklumpung befördert. Das kann im eigenen Organismus geschehen, aber eben auch, wenn man ihn auf einen anderen überträgt.

Ähnlicher Mechanismus wie bei BSE?

Ob es sich bei dem Auslöser für die Verklumpung um infektiöse Proteine handelt wie bei den Prionen-Erkrankungen (BSE) oder der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die Menschen befallen kann, ist allerdings noch unklar. Es könnte auch ein bislang unbekannter Stoff in der Hirnflüssigkeit von Alzheimerpatienten schwimmen, der die Plaques-Bildung auslöst.

Jucker vermutet einen ähnlichen Mechanismus wie bei den Prionen-Erkrankungen. Dabei prägt ein verändertes Eiweiß seine fehlerhafte Form den normalen Molekülen auf und löst so eine Kettenreaktion aus, die bis zur Hirnschrumpfung führt.

Jucker hält es für möglich, dass Stoffe aus der Umwelt die Proteinverklumpung auslösen können: "Es müsste ein Stoff sein, der das normale Beta-Amyloid in seine krankhafte, klebrige Form überführen kann", sagt Jucker. "Auf jeden Fall muss man sich von der Vorstellung verabschieden, dass Alzheimer nicht durch einen äußeren Einfluss ausgelöst werden kann."

Vor einer Ansteckung durch den Kontakt mit Alzheimer-Patienten müsse sich jedoch kein Mensch fürchten, betont Jucker. Auch eine Übertragung durch verschmutztes Operations-Besteck hält Alzheimer-Forscher Tobias Hartmann von der Universität Heidelberg aufgrund der gängigen Sicherheitsmaßnahmen für ausgeschlossen.

Die Experimente Juckers hätten aus seiner Sicht "keine klinische Relevanz". Sie seien für das Verständnis des Leidens aber außerordentlich interessant. Mit Hilfe des Mausmodells will Jucker nun versuchen, den Auslöser der krankhaften Verklumpung auf die Spur zu kommen.

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(SZ vom 3.11.2006)