Alltagsrassismus Warum Alltagsrassismus keine Einbildung ist

Zu schaffen macht mir auch der subtile, alltägliche Rassismus. Microaggressions, kleine Gemeinheiten, mit denen mir Menschen zeigen, dass sie mir misstrauen, dass sie alles tun, um mir aus dem Weg zu gehen.

Wie der freibleibende Sitz neben mir in der Straßenbahn. Oder als ich bei Ikea an der Warenausgabe jobbe. "525!", rufe ich. Ein Kunde, der mit dem Rücken zu mir sitzt, steht auf, dreht sich um. Unsere Blicke treffen sich. Er sackt in sich zusammen. Vielleicht nicht seine Nummer? Doch. Als meine weiße Kollegin aus der Logistik kommt, stürzt er zu ihr an den Tresen und hechelt erleichtert: "Guten Tag, ich hätte gern die 525." Verärgert rufe ich dem Kunden zu: "Ich stehe hier drüben!" Der entgegnet: "'Tschuldigung, ich hab Sie nicht gesehen!" Wir wissen beide, dass er lügt. Dass er ein Rassist ist, weiß wohl nur ich.

Rassismus verängstigt. Weil man den Hass nicht begreifen kann, der einem grundlos entgegenschlägt. Weil Angriffe oft völlig überraschend kommen. Wie bei dem Typen aus dem Fernbus.

Rassismus schüchtert ein. Wer das Thema offen anspricht, erntet Widerspruch, wird ausgegrenzt, zusätzlich bestraft. Bei einem jährlichen Mitarbeitergespräch hatte ich angemerkt, dass ich vom Vorgesetzten genauso behandelt werden möchte wie die anderen Kollegen auch. Bei meiner Bitte habe ich alle Wörter vermieden, die etwas mit dem Thema Rassismus zu tun haben. Die Situation besserte sich tatsächlich. Aber meine Stelle wurde nicht verlängert und eine andere, für die ich in Frage kam, nachträglich eingespart. Selbst der Betriebsrat der Firma war über die Entschlossenheit, mir keine weitere Beschäftigung zu ermöglichen, erstaunt.

Rassismus geht an die Substanz, erschöpft. Immer schön lächeln, nur nicht ausrasten. Das kostet Energie, die für Wichtigeres fehlt: die Arbeit, die Hobbys, das eigene Leben. Es kostet auch Kraft und Nerven, immer wieder zu erklären, dass es sich um Rassismus handelt. Dass es keine Einzelfälle sind. Dass es keine Einbildung ist. Typische Reaktion weißer Menschen: "Das kann nicht sein, denn ich habe so was noch nie erlebt." Klar, ich ist ja auch nicht schwarz.

Falsche Entschuldigungen für Rassismus

Oder sie sagen Sätze wie: "Das kriegst du bestimmt nur ab, weil du ein Mann bist." Die seien schließlich aggressiver als Frauen. Die handelten mit Drogen, die vergewaltigten unsere deutschen Frauen und Töchter. Derlei Begründungen sind endlos. Allein: Sie tragen nicht. Sie sind Ausflüchte, die rassistisches Verhalten erklären, gar entschuldigen sollen. Es habe ja alles seine Berechtigung.

Natürlich mache ich als schwarzer Mann zum Teil andere Erfahrungen als etwa schwarze Frauen. An der Intensität der Übergriffe, die sie erleiden müssen, ändert das aber nichts. Auch sie erleben in der Straßenbahn, wie weiße Männer aggressiv gegen ihren Sitz hämmern und ihnen etwas in die Haare schmieren. Weiße Mütter schwarzer Kinder berichten, wie sie als "Negerschlampe" bezeichnet und mit Sätzen bedacht werden wie: "Ich würde kotzen, wenn ich ein Negerkind hätte." So etwas geschieht in den vollen Straßenbahnen Leipzigs. Niemand greift ein. Man ist sich offenbar einig: Was da passiert, geht schon in Ordnung.

Damals, an jenem Sommertag in den 90ern, hat man mir geholfen. Es war einer der wenigen Momente, in denen jemand für mich einstand. Dass es mir an dem Tag nicht so erging wie etwa Amadeu Antonio oder Alberto Adriano, hatte ich meinen Spielkameraden zu verdanken.

Die Nazis brüllten weiter: "Wo ist der Neger, wo ist der? Der war doch hier!" Ich konnte ihren Hass hören, verstehen konnte ich ihn nicht. Die Kinder antworteten: "Nö. Hier sind nur wir!" Die Nazis brüllten noch lauter, die Kinder blieben standhaft. Irgendwann zogen die Nazis ab.

Wir waren Kinder. Politisch ungefärbt.

* Der Autor schreibt unter Pseudonym, weil er sonst mit Veröffentlichung dieses Textes den Anfeindungen und Drohungen derer ausgesetzt wäre, über die er schreibt.

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