Alltagsrassismus Unter Weißen

Einer unter vielen, wie hier auf dem Leipziger Hauptbahnhof? Für einen schwarzen Deutschen schwierig.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Unser Autor ist in Leipzig geboren, spricht - wenn er will - Sächsisch und ist schwarz. Fremde Menschen pöbeln ihn an, bespucken ihn. Umstehende tun, als würden sie nichts bemerken. Wie lebt es sich mit Rassismus im Alltag?

Von Alex Müller*
14aus2014

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Es war an einem Sommertag Anfang der 90er Jahre, als ich das erste Mal Todesangst hatte.

"Alex, versteck dich! Da sind Nazis!" Wir waren Kinder, acht, vielleicht auch zehn Jahre alt, als meine Freunde diese beiden Sätze riefen. Was Nazis sind, wusste ich bis zu diesem Tag nicht. Doch der alarmierte Ton in den Stimmen meiner Spielkameraden und der Schreck in ihren Augen sagten mir: Wenn du nicht sofort verschwindest, dann geht's dir an den Kragen.

Nazis kannte ich nicht. Aber dieses eine Wort, das sie brüllten, sehr wohl. Neger. Ich wusste, dass Menschen wie ich damit gemeint sind. Ich wusste, dass das ein herabwürdigendes Wort ist. Denn schon viele Male zuvor war ich als Neger beschimpft worden und habe auf diese Weise erfahren, dass ich nicht hierher gehöre, dass ich nicht dazugehören darf.

Dabei bin ich in Leipzig geboren und aufgewachsen. Ich bin deutsch und schwarz. Auch heute lassen mich viele spüren, dass ich nicht erwünscht bin. Alle zwei bis drei Monate werde ich von wildfremden Menschen angespuckt. Nicht von Klischee-Nazis, die in Grüppchen rumstehen und auf Streit aus sind.

Autoreninfo

Alex Müller ist schwarzer Deutscher, 32 Jahre alt und lebt in Leipzig. Seit er sich erinnern kann, ist er mit der Gedankenlosigkeit, vor allem aber den Vorurteilen und der Feindseligkeit von weißen Mitmenschen konfrontiert.

Es sind Menschen wie der Metal-Typ, der zwei Stunden lang im Fernbus von Erfurt nach Leipzig regungslos hinter mir sitzt. Nachdem wir ausgestiegen sind, spuckt er mir seinen Hass auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle entgegen. Er trifft. Mehrmals wöchentlich rammen mich Menschen mit Einkaufswagen oder anderen Gegenständen zur Seite. Es ist nicht dieses Gerempel, das man aus vollen Passagen kennt. Es ist der "Verpiss dich!"-Schubser. Man spricht mir das Recht auf menschlichen Umgang ab. Sie halten mich für einen Störfaktor. Mein Vergehen: Ich existiere. Ich bin sichtbar.

"Vielfalt und Vorurteile: Wie tolerant ist Deutschland?" Diese Frage hat unsere Leser in der siebten Abstimmungsrunde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur Toleranz-Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

In öffentlichen Verkehrsmitteln ist neben mir immer Platz, denn hier sitzen viele nicht so gern neben schwarzen Menschen. Da bleibt viel Raum für Aggressionen. Eines Abends, nach der Arbeit, in einer übervollen Straßenbahn: Der Platz neben mir ist wie üblich frei. Ich habe Kopfhörer auf, denn ich will mich nicht mit den Feindseligkeiten meiner Mitmenschen auseinandersetzen müssen. Drei Typen steigen ein und steuern direkt auf mich zu. Einer setzt sich neben mich, die beiden anderen bauen sich vor mir auf. Sie fangen an zu pöbeln. Ich mache meine Musik extralaut, ich will die Typen nicht hören. Sie brüllen über die Musik hinweg, sie wollen, dass ich jeden ihrer verbalen Stiche spüre. Sie beleidigen und beschimpfen mich. Die Hasstiraden sind so demütigend, dass ich sie nicht wiederholen möchte.

Niemand hilft.

Unsichtbarsein als Überlebensstrategie

Im Gegenteil: Alle in der Bahn drehen sich weg, starren nach unten. Tun so, als würden sie nichts mitbekommen. Es ist das typische Verhalten, um jemanden nicht mehr sehen zu müssen. Ich will schreien, brüllen, aufrütteln. Ich will ihnen zeigen: Hey, ich bin noch da. Aber ich bleibe stumm, wehre mich nicht. Ich werde unsichtbar. Irgendwann steige ich aus. Ich habe Angst. Dass die drei Typen mitkommen könnten. Dass sie mir Schlimmeres antun. Womöglich berauscht von der Erfahrung, dass die Masse ihr Verhalten billigt. Vielleicht sogar gutheißt? Sie fahren weiter, und doch begleiten sie mich.

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Unsichtbar sein. Das ist zu einer Überlebensstrategie geworden. Das ist wichtig, um nicht übermäßig angegriffen zu werden. Das ist nötig, um nicht andere auf die Idee zu bringen, es jetzt mal dem Afrikaner, Asylanten, Neger - und was sie sonst noch in mir sehen - richtig zu geben, ihm die Leviten zu lesen.

Unsichtbar wurde ich auch an jenem Sommertag, als ich zum ersten Mal Nazis begegnete.

Meine Freunde und ich spielten damals in einem verlassenen Haus. Vielleicht hatten mich die Nazis gesehen, als ich an einem Fenster stand. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß noch, wie einer meiner Freunde die rettende Idee hatte. In dem Haus standen noch einige Möbel und er bedeutete mir, mich in einem Schrank zu verstecken. Ich war noch so klein, dass ich mich im unteren Teil des Schranks verkriechen konnte. Kaum lag ich drin, standen sie schon da. Zusammengekauert hörte ich, wie sie immer und immer wieder brüllten: "Der Neger! Wo ist der?" Sie waren fest entschlossen.

Unsichtbar sein heißt auch, überangepasst durchs Leben zu gehen, nicht aufzufallen und sich keine Fehler zu erlauben, die in irgendeiner Weise mit meiner Hautfarbe verknüpft werden könnten. Genaugenommen heißt das: sich gar keine Fehler zu erlauben. Denn verknüpft werden sie sowieso. Zu laut? Ganz klar, typisch Afrikaner. Fehler im Text? Der kann ja kein Deutsch. Ärgert sich über rassistische Sprüche und Witze? Die Afrikaner sind halt kindisch und impulsiv.

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Ich protestiere nicht, wenn mich abends auf dem Heimweg grundlos zwei Polizisten in Schrittgeschwindigkeit verfolgen. Ich nehme das hin. In einem Land, in dem besoffene Prügelpolizisten nach einer Hatz auf Schwarze mit nur wenigen Tausend Euro Strafe davonkommen (siehe hier), müsste ein schwarzer Mensch schon lebensmüde sein, wollte er sich wehren.