Alltag im Altersheim Die Pfleger

Immer, wenn im Park das Käuzchen schreit, stirbt ein Mensch, sagen die Pfleger. Natürlich sei das Aberglaube, aber mit den Jahren bekomme man ein Gefühl für die Routinen des Sterbens. Im Sommer und in der Vorweihnachtszeit gibt es mehr Tote. Und wenn ein Bewohner geht, folgen ihm meist ein bis zwei, von denen man es nicht erwartet hat.

Rund 139.000 Pflegebedürftige leben in Sachsen. Jeder Dritte wird im Heim betreut. Damit liegt der Freistaat über dem innerdeutschen Durchschnitt. Wie angemessen umgehen mit den Menschen, die den Krieg überlebt, vor kurzem noch das gesellschaftliche Leben geprägt haben?

Vielerorts bleibt Pflegern nicht die Zeit, den Job nach ihren Idealvorstellungen zu machen. (Archivbild von 2007)

(Foto: dapd)

Frühschicht im Heim "Emanuel Gottlieb Flemming". Gummisohlen quietschen auf dem Linoleumboden. Kater "Caruso" streicht durch die Flure. Vor zehn Jahren brachte ein Pfleger ihn mit, damit die Bewohner etwas zum Streicheln haben. Weil das Tier viel miaute, gab man ihm den Namen eines italienischen Opernsängers.

Zum 75. Hochzeitstag von Hildegart und Walter Göhler im Mai schmückte das Pflegepersonal zwei Stühle mit Buchsbaum und Rosen. Von der Decke hingen Herzballons. Für die Männer und Frauen im Wohnbereich II gab es Sekt, Schnittchen und Abwechslung. Für die Pfleger noch mehr zu tun als sonst.

Einige von ihnen sind bereit, über ihre Arbeit zu sprechen. Seinen Namen nennen will niemand. In guten Zeiten betreut ein Pfleger sechs Bewohner. Am Wochenende, in der Urlaubs- und Erkältungszeit ist das Verhältnis mitunter eins zu zehn. "Es sind immer zu wenig Hände, die anpacken", sagen die Krankenpfleger. Auch wenn der Personalschlüssel sagt, es sind genug. Die Anzahl der einzusetzenden Pflegekräfte wird zwischen der Pflegekasse, den Sozialhilfeträgern und den Heimen ausgehandelt und richtet sich nach den Pflegestufen der Bewohner. Je höher der Anteil rüstiger Herrschaften in einem Heim, desto weniger Pflegekräfte dürfen eingestellt werden. Das hat zur Folge, dass ein ganzer Berufsstand das Gefühl hat, dauerhaft in der Unterzahl zu sein.

Die Entscheidung, in ein Pflegeheim zu gehen, macht sich niemand leicht. Die Senioren kommen immer später, sie sind älter und kränker als früher. Einmal eingezogen, greift in deutschen Heimen das Prinzip: sicher, sauber, satt. Die alten Menschen werden gelagert und gefüttert, gewendet und gewindelt. Begleitet werden sie nicht. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung hat ausgerechnet, wie lange ein Heimpfleger für einzelne Betreuungsschritte brauchen darf:

  • Waschen Oberkörper: 8 Minuten.
  • Waschen Unterkörper: 12 Minuten.
  • Kämmen: 1 Minute.
  • Rasieren: 5 Minuten.
  • Stuhlgang: 3 bis 6 Minuten
  • Mundgerechtes Zubereiten einer Hauptmahlzeit: 2 Minuten.
  • Ankleiden: 8 Minuten.
  • Entkleiden: 4 Minuten.
  • Stehen: 1 Minute

Aber lassen sich menschliche Bedürfnisse mit der Stoppuhr erfassen? Und was ist das für ein System, das Zeit fürs Wasserlassen vorgibt, aber nicht fürs Zuhören - dann am besten funktioniert, wenn die alten Menschen nichts mehr alleine machen? Wer einem Patienten den Waschlappen in die Hand gibt, damit er sich selbst waschen kann, braucht länger. Wer länger braucht, muss sich rechtfertigen: "Den halben Tag verbringe ich mit Protokollen und Papierkram, weil ich die Selbstständigkeit der Patienten erhalten will", sagt ein Pfleger. "In dieser Zeit würde ich lieber vorlesen."

Die Kluft zwischen dem eigenen Anspruch, anderen helfen zu wollen, und der Realität ist groß. Der Schichtbetrieb und die Konfrontation mit geistigem und körperlichem Verfall gehen nicht spurlos an den Betreuern vorüber - viele leiden unter Rückenschmerzen oder Burn-out. Nur wenige arbeiten bis zur Rente.

Wann ist der Tod eigentlich aus unserem Alltag verschwunden? Das fragen sich die Schwestern und Pfleger manchmal - wenn sie Freunden und Verwandten von ihrer Arbeit erzählen und immer denselben Satz hören: "Ich könnte das nicht."

In dieser Geschichte gibt es keine Verwahrlosung, kein himmelschreiendes Unrecht. Die Menschen im Heim an der Flemmingstraße werden so umsorgt, wie es das Gesetz will.

Vielleicht ist dann das Gesetz das Problem? Hannelore Stoltze liebt ihre Eltern, kann sie aber nicht allein pflegen. Die Pfleger lieben ihren Beruf, können ihn aber nicht so ausüben, wie sie es für richtig halten. Und Hildegart und Walter Göhler lieben einander und können nicht ohne den anderen. Darum geht es in dieser Geschichte: um Liebe - und das Nichtkönnen.

Vor kurzem hat eine Schwester das Ehepaar Göhler beim Mittagsschlaf überrascht: Beide lagen da und hielten sich an den Händen. "Nennen Sie mir einen Grund, warum ich sie hätte wecken sollen."

Ulrike Nimz, 30, hat Germanistik, Soziologie und Journalistik in Rostock und Leipzig studiert. Derzeit arbeitet sie im Reportage-Ressort der Freien Presse in Chemnitz.

Zur Autorin Ulrike Nimz

Die Begründung der Jury für den zweiten Platz beim jj-Reportagepreis 2013:

Ulrike Nimz hat, wie gleich mehrere Einsenderinnen und Einsender, das Thema Altern, Pflege und Sterben beschrieben. Ihr Text "Nur zu Besuch" aus der "Freien Presse Chemnitz" sticht jedoch heraus, weil es die Themen aus gleich drei wichtigen Perspektiven beleuchtet: Wie gehen Senioren mit ihrem baldigen Lebensende um? Wie ergeht es deren Kindern und wie erlebt das Pflegepersonal ihren Alltag zwischen Kümmern und Körperpflege, während die Stoppuhr erbarmungslos tickt? Ulrike Nimz hat ein hoch relevantes Thema gewählt und erzählt vor allem die anrührende Geschichte des Ehepaars Göhler sehr bewegend, in wunderschönen und zugleich angemessen zurückhaltenden Formulierungen. Die furchtbaren Rahmenbedingungen des Pflegesystems kommen besonders stark heraus, weil sie mit der menschlichen Dimension in Kontrast stehen: der starken Liebe der Eheleute, die nun ihren Lebensabend im Heim verbringen.