Alice Schwarzer in der Prostitutionsdebatte Käufliche Körper, käufliche Seelen

- TO GO WITH AFP STORY BY ELOI ROUYER German journalist and feminist publisher Alice Schwarzer gestures during a press conference on November 15, 2013 in Berlin. A decade after Germany legalised prostitution, a debate has kicked off to again ban the trade, with leading feminist Alice Schwarzer labelling the country 'a paradise for pimps'. AFP PHOTO / JOHANNES EISELE

Nicht nur anachronistisch, sondern geradezu frauenfeindlich: Die bekannteste Feministin des Landes, Alice Schwarzer, führt derzeit einen Feldzug gegen die Prostitution. Erschreckend dabei ist ihr Verständnis von der weiblichen Sexualität.

Von Meredith Haaf

Es gibt gegen den Feldzug, den die Feministin Alice Schwarzer derzeit gegen die Prostitution und alle führt, die in das Geschäft involviert sind, und der die öffentliche Debatte derzeit prägt, einiges einzuwenden: Zum Beispiel, dass all diejenigen, die in den vergangenen Wochen in der Öffentlichkeit von der Prostitution als menschenfeindlichem Gewerbe gesprochen haben, dabei mit Zahlen argumentieren, die keine empirische Basis haben.

Wenn Alice Schwarzer in der ARD bei Sandra Maischberger sagt, "95 Prozent der Frauen" in der Prostitution arbeiteten dort ungern, dann ist das eine Größe, die nirgends statistisch nachvollziehbar ist. Wenn anderswo mit Millionen deutschen Männern gehadert wird, die sich Sex kaufen, wie andere Leute Unterhosen "Made in Bangladesh", dann hat das einen beklemmenden Effekt auf den Leser, aber wenig Substanz.

Schwarzer spricht viel von "Sexualpolitik", aber wenig über sozialpolitische Fragen. Sie möchte nicht diskutieren, warum sich Frauen prostituieren, sondern verhindern, dass es irgendeine tut. Warum das so ist, betont sie immer wieder: Allein die Existenz der Prostitution werfe einen dunklen Schatten auf das Verhältnis der Geschlechter. Jede Frau sei dadurch für jeden Mann potenziell käuflich. Das eigentlich Bemerkenswerte an der Offensive der Feministin Schwarzer ist also ihr Sexualitätsbegriff. Denn dieser zeigte sich in den vergangenen Wochen als im Kern nicht nur anachronistisch, sondern geradezu frauenfeindlich.

Zuletzt besonders deutlich wurde das in einem Essay, den die Zeit in der vergangenen Woche veröffentlichte. Titel: "Prostitution Pädophilie". Er handelt von der "Parallele" ,die Schwarzer zwischen den beiden P-Worten sieht. Diese liege im Umgang "des Zeitgeistes" damit: Ebenso skandalös, wie die Gesellschaft das Unrecht Kindesmissbrauch lange Zeit ignoriert und bagatellisiert habe, verharmlose sie nun die Tatsache, dass Frauen sexuelle Dienstleistungen verkaufen.

Erschreckende Nonchalance

Und Schwarzer geht noch weiter: Der entscheidende Faktor, schreibt sie, sei "das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern und (zahlendem) Mann und (bezahlter) Frau". Sexuelle Gewalt gegenüber einem Kind, das keine reale Möglichkeit hat, einzuwilligen oder abzulehnen, und ein Sexualakt zwischen zwei Erwachsenen, die sich in der Regel auf Basis eines Geschäftsvertrages auf diesen Akt geeinigt haben, ist für Alice Schwarzer offenbar dasselbe. (Man darf an dieser Stelle nicht vergessen, dass Schwarzer eben ausdrücklich nicht von Opfern von Menschenhandel spricht, wenn sie das Thema behandelt, sondern nur von Prostitution im Allgemeinen.)

Erschreckend ist hier die Nonchalance, mit der Gewalt gegen Kinder relativiert wird. Und bedrückend ist das Bild einer grundsätzlich dunklen, grausam-gierigen Sexualität der Männer, das hier gezeichnet wird. Wirklich erstaunlich jedoch ist, dass Schwarzer mit der Parallelisierung den Frauen im Gewerbe der "Sex Worker" eine Sexualität zuweist, die mit der von Kindern vergleichbar ist. Also nicht erwachsen ist, nicht auf erwachsene Männer oder Frauen orientiert und sehr, sehr leicht zu beschädigen.

Das ist auch der Grund, warum Prostituierte, die sich in Organisationen wie dem jüngst gegründeten "Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen" als politische Akteurinnen organisieren, für Alice Schwarzer nicht glaubwürdig sind. In einem Interview sagte Schwarzer über junge Frauen, die sich zum Beispiel das Studium durch Einsätze im Escort-Bereich finanzieren: "Damit zerstört eine Frau sich natürlich jede Unbefangenheit in der Sexualität. Doch vermutlich war sie schon vorher zerstört. Über 90 Prozent aller Prostituierten erlitten schon als Kinder Missbrauch. Frauen, denen das erspart geblieben ist, haben Glück. Als ich 21 Jahre alt war, habe ich als Sprachstudentin in Paris gelebt. Damals habe ich für drei Francs die Stunde geputzt. Ich bin nicht einmal auf den Gedanken gekommen, stattdessen meinen Körper zu verkaufen."

Patriarchalische Ideologie

Man kann fragen, ob die sexuelle Unbefangenheit all derer, die sich nicht prostituieren, wirklich so hoch ist. Wichtiger ist, dass in Schwarzers Welt ein weiblicher Mensch erst dann seinen Körper verkauft, wenn er ihn sexuell einsetzt - und nicht wenn er putzt, oder pflegt oder Journalismus betreibt. Und das ist umso verwirrender aus feministischer Perspektive. Schließlich galt es immer als ausgemachtes Ziel der Frauenbewegung, die Frau eben nicht auf ihren Körper zu reduzieren, und in ihrer Körperlichkeit eben nicht auf ihre Sexualität.

Schwarzer hält Frauen offensichtlich nicht für fähig, den Sex, den sie haben, von sich selbst zu trennen. Wer eine sexuelle Dienstleistung gegen Geld - einen Strip, einen Blowjob, eine Sado-Maso-Sitzung - vollziehe, biete "Körper und Seele" als Ware an. Das Wort "Frauenkauf", das von Schwarzer und ihren Mitstreitern oft verwendet wird, ist besonders deutlicher Ausdruck eines Essentialismus, laut dem eine Frau dasselbe ist wie ihr Sex.

In dieser Idee verschmilzt die weibliche Person mit ihrer Geschlechtlichkeit so stark, dass ihr - anders als dem Mann - keine sexuelle Autonomie möglich ist. Es sei denn, man hilft ihr. Dieses Denken motiviert Mullahs in Saudi-Arabien, Frauen nicht ohne Niqab auf die Straße zu lassen. Dieses Denken motiviert christliche Fundamentalisten, Enthaltsamkeit zu fordern und gegen Abtreibungsrechte zu kämpfen. Und eben dieses Denken motiviert seit Jahrtausenden die Marginalisierung von Frauen, deren Sexualität nicht sittenkonform ist.

Mit anderen Worten: Die Feministin Alice Schwarzer, deren wichtigste Unterstützung schon seit geraumer Zeit aus dem konservativen Lager kommt, egal ob es um "Islamismus" geht oder eben um "Frauenkauf", macht Politik mit einer Ideologie, die man auch ganz einfach patriarchalisch nennen kann.