Ängste der Deutschen "Kriminalstatistik und Sicherheitsgefühl passen oft nicht zusammen"

Mehr Polizeipräsenz führt bei vielen zu einem erhöhten Maß an subjektiver Sicherheit.

(Foto: Florian Peljak)

Die Deutschen haben Angst vor Terror, vor Gewaltakten. Aber wie bedroht sind sie wirklich? Es gebe eine Entkopplung von Wahrnehmung und Fakten, sagt der Sozialpsychologe Ulrich Wagner.

Interview von Oliver Klasen

Wie hat sich die Sicherheitslage in Deutschland verändert - und welche Herausforderungen ergeben sich daraus für Polizei? Welche Konsequenzen soll die Justiz aus den Silvester-Übergriffen in Köln ziehen? Und wie sicher fühlen sich die Bürger? Über solche Fragen diskutieren von diesem Mittwoch an Experten auf Einladung des Bundeskriminalamts in Mainz. Unter den Rednern ist auch Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie an der Philipps-Universität in Marburg. Er ist Experte für Konfliktforschung und Sicherheit im öffentlichen Raum.

SZ.de: Herr Professor Wagner, die Übergriffe an Silvester, der Amoklauf in München im Sommer, die Anschläge in Würzburg und Ansbach kurz danach. Wer viel Nachrichten konsumiert, bekommt den Eindruck, um das Sicherheitsgefühl der Deutschen kann es derzeit nicht gut bestellt sein.

Ulrich Wagner: Insgesamt verändert sich das Niveau der Verunsicherung und Verängstigung wenig. Was sich verändert, sind die Dinge, vor denen die Deutschen sich ängstigen. Die Furcht vor Terroranschlägen hat im Verlauf des vergangenen Jahres sicher zugenommen. Auch um die Folgen der Migrationsbewegungen machen sich die Menschen in Deutschland jetzt stärkere Sorgen. Die Angst vor Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichem Abstieg spielen dagegen gerade eine untergeordnete Rolle.

Stichwort Terrorangst. Als in München klar war, dass es sich um einen Amoklauf handelte und nicht um einen Anschlag, da stellte sich - in all dem Schrecken - bei einigen auch ein Gefühl der Erleichterung ein. Wie erklären Sie sich das?

Beides, eine Amoktat und ein Terroranschlag, sind schockierende Ereignisse. Aber die Tat des 18-Jährigen im Einkaufszentrum sehen wir eher als singuläres Ereignis. Der islamistische Terrorismus erscheint uns als ständige Bedrohung, hinter der eine anonyme Masse potenzieller Täter steht. Wie groß diese Masse ist, darüber haben wir keine oder nur sehr unzureichende Informationen und das verursacht Angst.

Ulrich Wagner ist Professor für Sozialpsychologie an der Philipps-Universität in Marburg.

(Foto: J.Laackman PSL-Studios Marburg; Privat)

Die Polizei ist in dieser Woche mit Razzien in mehreren Bundesländern gegen die radikale Salafistenszene vorgegangen. Es war bereits der zweite solche Großeinsatz innerhalb weniger Wochen - und er wurde offensiv kommuniziert. Erhöhen solche Aktionen das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung oder vergrößern sie eher die Furcht?

Dass die Polizei durchgreift, sehe ich positiv. Den islamistischen Vereinigungen wird signalisiert: Wenn ihr in Deutschland Straftaten begeht und gegen unsere demokratische Ordnung kämpft, wird das unmittelbar geahndet. Und den Bürgerinnen und Bürgern wird signalisiert, so etwas tolerieren wir nicht.

Führt mehr Polizeipräsenz automatisch zu mehr Sicherheit?

Ein Teil der Terrorangst hängt sicher damit zusammen, dass es bei der Polizei in den vergangenen Jahren drastische Einsparungen gab. Das hat sich in Köln gezeigt. Es wird ja untersucht, ob die Übergriffe auch deshalb stattfinden konnten, weil nicht genug Polizei vor Ort war und auch nicht sein konnte, weil es schlicht zu wenig verfügbare Kräfte gab. Natürlich wünscht sich niemand eine Gesellschaft, in der einen jedes Mal ein Polizist verhört, wenn man auf die Straße gespuckt hat. Aber wenn mehr Streifenwagen patrouillieren und die Beamten sich zeigen, dann erhöht das tatsächlich das subjektive Sicherheitsgefühl.

Führen härtere Strafen zu mehr Sicherheit?

Das ist aus sozialpsychologischer Sicht nicht entscheidend. Wichtiger ist, dass die Strafe sehr schnell auf die Tat folgt.

Die Zahl der Gewaltverbrechen sinkt seit Jahren. Die Furcht vor Morden, Raub und Vergewaltigung wird trotzdem größer.

Das stimmt. Ein Beispiel: Die Übergriffe in Schwimmbädern waren im Sommer ein riesiges Thema, obwohl die Zahl der Fälle gemessen an allen Schwimmbadbesuchern und im Vergleich zu anderen Straftaten extrem gering war. Das ist ein typisches psychologisches Phänomen. Die Kriminalstatistik und das subjektive Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung passen oft nicht zusammen. Es gibt geradezu eine Entkopplung zwischen Wahrnehmung und Fakten.

Woran liegt das?

Wir neigen dazu, Ereignisse als größer und bedrohlicher wahrzunehmen, wenn es eindrückliche Bilder gibt, die wir leicht aus unserem Gedächtnis abrufen können. Beispiel Köln: Jeder kann sich an diese Szenen erinnern. Sie führen zu einer kognitiven Verzerrung, dann tendieren wir dazu, uns an jeder Ecke gefährdet zu fühlen, obwohl es sich nur um ein, wenngleich drastisches, Einzelereignis handelt. Außerdem neigen wir dazu, sämtliche Leute, die den Tätern in irgendeiner Weise ähnlich sehen, in einem Akt der Übergeneralisierung auch als potenzielle Täter anzusehen. Es ist richtig, die Täter waren Nordafrikaner mit krimineller Vergangenheit und teilweise unsicherem Aufenthaltsstatus. Das muss gesagt werden. Aber diese Männer haben mit der syrischen Familie, die in Deutschland Schutz vor Krieg sucht, nichts zu tun. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht große Gruppen herausgreifen, von denen nur ein winziger Teil tatsächlich Täter ist.

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