Interview: Charlotte Frank

Die Zahl der Adoptionen in Deutschland ist auf einem Tiefstand angekommen. Ein Adoptionsvermittler sucht nach Gründen für den Abwärtstrend.

Die Zahl der Adoptionen in Deutschland ist auf einem historischen Tiefstand angekommen. Im Jahr 2007 haben die Deutschen laut Statistischem Bundesamt nur noch 4509 Kinder adoptiert und damit fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Im Vergleich zum Jahr 1993 ist die Zahl sogar um 48 Prozent eingebrochen. Jochem Kotthaus von der Bochumer Adoptionsstelle Findefux versucht, den Abwärtstrend zu erklären.

Die Zahl der Adoptionen in Deutschland ist auf den tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung gesunken. (© Foto: AP)

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SZ: Herr Kotthaus, nicht genug damit, dass in Deutschland die Geburtenrate zu niedrig ist - die Deutschen adoptieren auch immer seltener. Will einfach keiner mehr Kinder haben?

Jochem Kotthaus: Zumindest bei den Adoptionen ist das Gegenteil der Fall: Es gibt deutlich mehr Eltern, die ein Kind annehmen wollen, als Kinder, die zur Adoption gegeben werden. Im vergangenen Jahr lag das Verhältnis bei eins zu zehn.

SZ: Wenn aber der Adoptionswunsch vieler Paare ungebrochen ist, warum sinkt dann die Zahl der Vermittlungen so stark?

Kotthaus: Darüber kann man nur spekulieren. Der naheliegendste Grund ist, dass die Zahl der Adoptionen dem bis vor kurzem rückläufigen Trend der Geburten gefolgt ist. Anders ausgedrückt: Wenn weniger Kinder geboren werden, können weniger freigegeben und weniger adoptiert werden.

SZ: Und das erklärt schon einen Rückgang von 48 Prozent binnen 14 Jahren?

Kotthaus: Nein, es gibt es mehrere Erklärungsansätze. Entscheidend könnte auch sein, dass werdenden Müttern in den Jugendämtern verstärkt zur Unterbringung in Pflegefamilien geraten wird.

SZ: Weil dieser Schritt nicht so endgültig ist wie eine Adoption?

Kotthaus: Zum einen deshalb, ja. 2007 wurden gerade mal sieben von 4509 Adoptionen in Deutschland rückgängig gemacht. Dies ist im Wesentlichen nur aus streng formalen Gründen möglich. Dahingegen werden jährlich etwa 10000 Kinder an Pflegefamilien gegeben - und im gleichen Zeitraum fast ebenso viele Pflegeverhältnisse beendet

SZ: Die Unterbringung in der Pflegefamilie verdrängt also die Adoption?

Kotthaus: Jedenfalls gibt es einen klaren Trend zur Pflegefamilie. Das könnte auch mit der Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes zu tun haben, durch das 1991 die Elternrechte in der Jugendhilfe gestärkt wurden. Seitdem haben die Eltern bei der Unterbringung in Pflegefamilien deutlich mehr Mitsprache. Das macht diesen Weg attraktiver.

Lesen Sie weiter, wie das Bild der Rabenmutter die Zahl der Adoptionen beeinflusst...

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