Abstinenz auf der Wiesn Vom Ende des Dirndl-Booms

Dirndl und Lederhosen sind auf der Münchner Wiesn die vorherrschende Garderobe. Noch. Der Trachten-Boom hat seinen Zenit überschritten.

(Foto: REUTERS)

Discounter Kik verkauft 50-Euro-Dirndl und bei Aldi liegen Lederhosen auf den Wühltischen. Doch der Markt an Billig-Wiesn-Outfits ist gesättigt. In den Festzelten sind wieder öfter Jeans und T-Shirt zu sehen. Der Zenit scheint überschritten.

Von Kathrin Hollmer

An der Rolltreppe auf der U-Bahn-Station Theresienwiese, dort, wo in diesen Tagen im Drei-Minuten-Takt riesige Menschenschlangen ausgespuckt werden, kann man es gut beobachten. Man sieht: Viele, viele Lederhosen und viele, viele Dirndl. Kurze, sehr kurze, wadenlange und bodenlange. Aber man sieht auch: Von zehn Wiesnbesuchern sind, anders als in den Jahren zuvor, nicht mehr neun in Trachtenmode gekleidet, sondern vielleicht noch fünf oder sechs. Der Rest trägt, was man im Herbst eben trägt: Jeans, Pulli, T-Shirt und Strickjacke, Regenjacke oder auch Jackett.

Auch viele Gruppen, die übers Festgelände schreiten und stolpern, treten nicht mehr homogen in Dirndl und Lederhosen auf. Offizielle Zahlen gibt es zwar nicht dazu, aber der Trend ist unübersehbar: Die Trachten-Abstinenten, diejenigen, die lieber in Freizeitkleidung auf die Wiesn gehen, werden wieder mehr. So war es auch schon vor einigen Wochen auf dem Gäubodenvolksfest in Straubing, einem der größten Volksfeste in Bayern.

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Das Volksfest in Straubing Mitte August ist so etwas wie das Stimmungsbarometer fürs Oktoberfest. Sind auf dem Gäubodenvolksfest die Dirndl kürzer, pinkfarbener, rüschiger, sind sie das Ende September in München auch. Tragen die Straubingerinnen hochgeschlossenere Blusen und längere Röcke, beobachtet man das auch ein paar Wochen später auf dem Oktoberfest. Und der Eindruck aus Straubing und den ersten Oktoberfesttagen entspricht auch der Stimmung in den Münchner Geschäften.

Melanie Oberhauser ist Abteilungsleiterin im Verkauf beim Kaufhaus Ludwig Beck. "Wir haben bemerkt, dass der Dirndlandrang vor dem Oktoberfest abgenommen hat", sagt sie. Bei Trachten Angermaier lässt die Nachfrage nach Dirndln besonders in unteren Preisklassen nach: "Die mittleren und höheren Preislagen nehmen hingegen zu", sagt Einkäuferin Nina Munz. Anna Tostmann, Geschäftsführerin von Tostmann Trachten aus dem österreichischen Seewalchen, die ihre Dirndl auch in München verkaufen, sieht ebenfalls einen Rückgang: "Auf den Trachtenmessen sind wieder weniger Aussteller und die vielen, die plötzlich auftauchten und auch vom großen Trachten-Kuchen naschen wollten, scheinen wieder zu verschwinden."

Der Markt für Billig-Dirndl ist gesättigt

Woher kommt das plötzliche Ende des Booms? In den vergangenen Jahren gab es häufig Diskussionen um Billig-Dirndl, die in den Geschäften für weniger als 50 Euro zu haben sind. Sonja Ragaller, Geschäftsführerin von Almliebe.com, bezeichnet solche Dirndl als "Einstiegsdroge" und betont, dass sie das nicht abwertend verstanden wissen will. Oft folge dem Billig-Dirndl ein hochwertigeres Modell.

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"Durch den Trachtenhype und die 'Billigtracht' haben viele Menschen die Tracht für sich entdeckt", sagt Katharina Gössl von Gössl Trachten, einem Traditionsunternehmen, das hochwertige Dirndl herstellt. Ein Dirndl mit Bluse und Schürze für 49,99 Euro kann man sich leisten, auch wenn man es nur für einen Wiesnbesuch braucht - und das Kleid danach im Schrank verstaubt.

Die günstigen Dirndl fanden einen riesigen Markt, und das über Jahre hinweg - doch inzwischen ist die Nachfrage gesättigt. Dirndl gibt es heute von s.Oliver, Esprit und C&A, und sogar bei Tchibo, Zalando und Kik. Bei Aldi lagen Lederhosen (für Damen 39,99 Euro, für Herren 49,99 Euro) in diesem Jahr sogar in den Wühltischen direkt neben den Gefriertruhen mit Tiefkühl-Hähnchenschenkeln und Eiscreme.

Die Käufer scheinen die Lust an der "Billigtracht" zu verlieren. Viele Hersteller, darunter Ludwig Beck, Gössl, Loden Frey und Julia Trentini, beobachten, dass stattdessen hochwertige Ware gefragt ist. "Die Kunden sparen nicht und kaufen oft Komplett-Outfits. Sie achten stark auf Qualität", sagt Melanie Oberhauser von Ludwig Beck. Doch die Kleider in der gehobenen Preisklasse erreichen nicht die Masse, die die Billig-Dirndl erreichen konnten: Nicht jede Kundin, die sich ein günstiges Einstiegs-Dirndl gekauft hat, besorgt sich, wenn es nach zwei, drei Saisons - also nach zwei, drei Mal Waschen - nicht mehr sitzt, einen hochwertigen Nachfolger, nicht jeder kann sich ein Dirndl oder eine Lederhose für 300 Euro und mehr leisten. Und nicht jeder will das.

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