Von Titus Arnu

Mangels Pflegepersonals sollen elektronisch aufgerüstete Wohnungen Senioren durch den Alltag helfen - und irgendwann menschliche Nähe ersetzen.

Kuschelroboter Japan; Getty

Der Kuschelroboter, ein Freund für den Rest des Lebens? (Foto: Getty)

Das seniorengerechte Haus der Zukunft sieht alles, hört alles und weiß alles. Es entscheidet, wann geheizt wird, wann die Rollos Schatten spenden, wer die Haustür passieren darf, wie laut die Musik im Wohnzimmer klingt, wann das Licht ausgeht und wie heiß das Wasser in der Badewanne sein soll. Es weiß auch, ob der Bewohner ein paar Kilo zugenommen hat, wie lange er schläft, was er im Fernsehen anschaut, ob sein Ruhepuls in Ordnung ist - oder ob er vielleicht schon tot ist.

Eine kafkaeske Szenerie aus einem Science-Fiction-Film? Überhaupt nicht: Das smarte Haus ist ein ziemlich naheliegendes Zukunftsmodell. Beim Kongress "E-Home", der gerade in Berlin zu Ende ging, war viel die Rede von "vernetztem Wohnen" und "intelligenten Häusern". Diese Schlagworte sind nicht neu, bemerkenswert scheint eher, dass Fachleute sich zunehmend für elektronische Helfer für Senioren interessieren. Mit Sensoren, Kameras und Chipkarten, die in die Wohnung integriert sind, soll der Alltag älterer Menschen angenehmer und sicherer gestaltet werden.

Der virtuelle Patient

Technische Lösungen für die Betreuung von Senioren scheinen ein wachsender Markt zu sein, sonst würden sich große Konzerne wie Nokia, Siemens oder Sony nicht um das Thema kümmern. Das Statistische Bundesamt schätzt, dass bis zum Jahr 2050 ein Drittel der Menschen in Deutschland 60 Jahre oder älter sein wird - zugleich herrscht beim chronisch unterbezahlten Betreuungspersonal Nachwuchsmangel. Die Folge wird voraussichtlich sein, dass immer mehr alte Menschen von immer weniger jungen Leuten betreut werden müssen. Zudem gibt es zu wenig altengerechte Wohnungen.

Auf dem E-Home-Kongress präsentierten Erfinder, Architekten, Mobilfunkbetreiber und Medizintechniker jetzt Lösungsansätze, mit denen sie die Versorgungslücke beim Personal technisch überbrücken wollen.

Jörg Draeger vom Fraunhofer Institut für Software und Systemtechnik kann sich vorstellen, dass die medizinische Überwachung von Senioren in Zukunft per Internet möglich ist. Er stellte ein System vor, bei dem der Arzt von seiner Praxis aus Blutdruck, Puls, Gewicht und andere Daten misst, ohne dass er den Patienten aus der Nähe sieht. Vorausgesetzt, der Patient ist dazu bereit und technisch versiert genug, sich selbst an einen Pulsmesser anzuschließen und die Daten anschließend ins Internet hochzuladen.

Einen Schritt weiter geht die Hamburger Firma Topologix. Sie hat ein umfassendes Überwachungssystem für Wohnungen, Büroetagen oder Heime entwickelt, das jeden Schritt der Bewohner registriert. Der Nutzer trägt eine Karte bei sich, die Ultraschall-Signale sendet; über kleine, in den Räumen angebrachte Mikrophone ist der Aufenthaltsort der Person jederzeit feststellbar. Die Karte kann auch als Zugangskontrolle für die Haustür verwendet werden.

Auf externen Kontrollmonitoren sind die Personen als kleine Punkte dargestellt. Wenn sich der Punkt eine Weile lang nicht bewegt, wird ein Alarm ausgelöst - dann ist der Kartenträger gestürzt oder möglicherweise gestorben. Oder der Nutzer hat die Karte verloren, vielleicht auch absichtlich abgelegt. Um sicherzugehen, dass demente Personen ihren Chip immer bei sich haben, müsste man ihn letzten Endes implantieren.

Ist so ein System nicht purer Zynismus? Und gleicht es nicht bis ins Detail den Horror-Phantasien, die George Orwell vor einem halben Jahrhundert von seiner damaligen Zukunft hatte?

"Jede Technik kann man zum Guten und zum Schlechten verwenden", sagt Jens Timmermann, Geschäftsführer der Firma Topologix. Es gehe nicht um Kontrolle und Entmündigung, sondern um höhere Lebensqualität und ein bisschen Unterstützung im Alltag von Senioren, sagt Timmermann, der das System erfunden hat.

"Wir wollen nicht, dass uns jemand überwacht", bekam Minna Vehvilainen, die für Nokia arbeitet, immer wieder zu hören, als sie Senioren ein neues System näherbringen wollte, mit dem jüngere Menschen ältere per Handy, Webcam und Internet aus der Ferne beobachten können.

Auf der nächsten Seite: Tamagotchis für Senioren.

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Leserkommentare (3)



21.10.2008 09:07:22

M.Meester:

Wer braucht denn schon menschliche Nähe, wenn es Sensoren, Chipkarten und Kameras gibt?

Zugegeben, technische Lösungen haben sinnige Seiten. Allerdings haben technische Lösungen, so wie sie im Artikel beschrieben sind, auch unglaublich unmenschliche und technokratische Seiten. Warum die Oma besuchen? Sie bewegt sich doch noch!


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