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Von Alexander Runte

Kuscheloffensive oder doch Protest? Dieses Jahr sind Fusselbart, Zottelhaare und vor allem Strickstrickstrick Trend. Über die neue Masche der Mode.

Strick, Wolle ddp

Wenn es nach den Designern geht, tragen Herren demnächst hauptsächlich Gestricktes. (Foto: ddp)

Es ist nicht ganz klar, wer genau die grandiose Idee als Erster hatte. Manche haben Salvatore Ferragamo in Verdacht oder den amerikanischen Designer-Sunnyboy Michael Bastian, der sich gerade an Grunge abarbeitet. Natürlich könnten auch die Skandinavier schuld sein, die offenbar beschlossen haben, dass zu ihren eng sitzenden Jeans obenrum am besten übergroße Monster aus Strick passen.

Eigentlich ist es aber auch egal, wer genau damit angefangen hat, als ästhetisches Leitbild dieses Herbstes einen Look wie vom Gründungsparteitag der Grünen zu verbreiten, es sind am Ende doch wieder alle dabei. So scheinen sich die Designer darauf verständigt zu haben, dieses Jahr Fusselbart, Zottelhaare und vor allem Strickstrickstrick als hippes Vorbild auszugeben. Was im Vergleich zu einem Gründungsparteitag der Grünen zwar weniger revolutionär klingt, aber es lässt sich nicht leugnen, egal, wohin man schaut: Gestricktes in allen Variationen in einem Ausmaß, das weit über die üblichen Wollberge der kalten Jahreszeit hinauswächst.

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Während für die Damen Designer wie Peter Jensen auf ihren Pullovern eine neue Niedlichkeit mit Schneeflocken, Eisbärenmotiven und Naturromantik in Form von übergroßen und sperrigen Wolljacken propagieren, wurden für die Männer im Grunde genommen alle Küstenstreifen der Nordsee von Norwegen bis Island geplündert. Die Beute besteht aus Cable Knit und klassischen Crewnecks, vor allem aber aus Norwegermotiven und Elchen auf Schalkragenpullovern (Denim Demon), Schneeflocken-Cardigans (Engineered Garments), isländischen Troyern und Shetlandpullovern mit Schneeflocken (Nigel Cabourn) und eher geometrisch angeordneten Fair Isle-Mustern (Hackett). Vereinzelt finden sich auch Legofiguren wie bei Folk Clothing und gut gelaunte Gaga-Farben bei Paul Smith.

Auch der wieder verdächtig gut gelaunte Robbie Williams tigert im beigefarbenen Schalkragencardigan grinsend durch London. Was bei Mister Williams natürlich reine Berechnung sein dürfte, denn selten ist Mode als Zeichen leichter zu verstehen als bei Strick. Das Bild, das dabei hervorgerufen werden soll, ist das eines Seefahrers aus dem hohem Norden, dem ein bloßer Troyer gegen Wind, Meer und Wetter reicht: erdverbunden, authentisch, irgendwie realer und unaufgeregter als sonst in der Mode. Und nebenbei wirkt nichts harmloser, netter und vor allem ungefährlicher als jemand in einer Strickjacke.

Deswegen ist es auch noch gar nicht so lange her, dass Norwegerpullis und Fair-Isle-Troyer als spießig und langweilig galten oder zumindest als Ausweis mangelnden Modebewusstseins. Da aber in der Mode gerne immer wieder das Gegenteil des Angesagten hochgejubelt wird, gibt man sich nun eben grün, korrekt und harmlos. Zumindest als vorläufige Pose.

Strickexzesse des Winters

Dabei liegt der Verdacht nahe, dass diese Kuscheloffensive ihren Ursprung mal wieder in der Krise hat, die bei vielen die Sehnsucht nach realen und vermeintlich authentischen Dingen befördert. Im besten Fall wirkt das auf sympathische Art so altmodisch wie das umjubelte englische Label House of Weardowney. Bei den Londonern dürfte außer ihren Strickjäckchen vor allem die Tatsache interessant sein, dass sie ihren Kundinnen wie Sienna Miller und Sarah Jessica Parker auch Starter-Sets mit Wolle und Anleitung zum Selberstricken anbieten und ihre Entwürfe ausschließlich von mutmaßlich sehr reizenden älteren Damen aus ganz Großbritannien stricken lassen, die dies wahrscheinlich finanziell gar nicht mehr nötig hätten.

Doch die größten Strickexzesse dieses Winters dürften sich vor allem knapp unterhalb der Köpfe abspielen, wo sich monströse Riesenschals um den Hals schlingen und ihn unter dicken Wollschichten begraben. Besonders clever gibt sich hier Christopher Bailey von Burberry, der ja schon immer latent unter Streberverdacht stand. Innerhalb seiner aktuellen Kollektion nimmt der sogenannte Snood eine zentrale Position ein; ein gestrickter Schlauch, halb Schal und halb Rollkragen, den man sich einfach über den Kopf stülpen soll. Eben eine Art Muff für den Hals, oder wie Bailey es nennt: "eine innovative Re-Interpretation des Schals".

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Das ist in seiner Durchsichtigkeit zwar ein etwas bemühtes Verkaufsargument, trotzdem trifft Bailey damit einen interessanten Punkt. Denn die Verstrickung der Welt ist vielleicht sogar mehr als nur subtiler Ausdruck eines gewissen Unbehagens mit der kalten Jahreszeit im Allgemeinen und der Krise im Besonderen. Das demonstriert die englische Bloggerin Yuvinia Yuhadi, die den Blog "Knitted Chairs" betreibt, auf dem sie vorführt, wie sie hässliche weiße Gartenplastik-stühle unter selbstgemachten bunten Überwürfen aus Wolle verschwinden lässt. Doch so niedlich der Ansatz von Knitted Chairs auf den ersten Blick auch sein mag, so gefährlich könnte er für die Modeindustrie werden, wenn man ihn so konsequent durchdenkt, wie in dem im November erscheinenden Dokumentarfilm "Handmade Nation" von Faythe Levine geschehen.

In ihrem Film porträtiert Levine die Anhängerinnen einer Bewegung für subversives Stricken in den USA, die sich in Folge der Finanzkrise zusammengeschlossen haben und sich als handgemachten Gegenentwurf zu den Verwertungszyklen im Kapitalismus verstehen. In dem Film zeigt sie, wie sich Masche für Masche eine Bewegung bildet, die sich nach einem eigenen Muster die Welt zurechtstrickt. Am Ende soll ein hübsch umhäkelter Bumerang für die Modeindustrie daraus werden.

(SZ vom 24.10.2009/aro)

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