Von Bastian Obermayer und Alexander Runte

Annette Jacobi starb einsam. Was zurückblieb, waren eine verwaiste Wohnung, ein paar Briefe und die Spur zu ihrem verschollenen Sohn.

In der verwaisten Wohnung von Annette Jacobi fanden wir ein ganzes Leben. (Foto: SZ-Magazin/Peter Neusser)

In den Fünfzigerjahren leuchtet die Zukunft für Annette Burglar* hell. 1930 in einem beschaulichen Nest im Schwarzwald geboren, wo die Eltern ein Café führen, geht sie mit 21 Jahren nach Karlsruhe und dann 1954 weiter ins große München. Dort lernt sie Karl Jacobi kennen, einen Speditionskaufmann, den sie am 11. August 1958 auf dem Standesamt IV heiratet. Gemeinsam ziehen sie nach Duisburg. Es ist die Zeit des Wirtschaftswunders, die Exporte steigen, im Ruhrpott gibt es viel zu tun, so viel, dass die ersten Gastarbeiter ins Land geholt werden.

Speditionskaufmänner sind gefragt. Ein gutes Jahr nach der Heirat bringt Annette Jacobi am 22. August 1959, morgens um 9.30 Uhr, in der städtischen Frauen- und Kinderklinik Essen den gemeinsamen Sohn zur Welt. Das junge Paar nennt den Beweis seines Glücks Martin, der Standesbeamte Müller beurkundet. Aber es wird nicht halten, das Glück.

Von dieser besten Zeit in ihrem Leben kann weder Annette Jacobi selbst berichten noch jemand anderes; sie ist aber dokumentiert in ihrer Wohnung: durch Geburtsurkunden, die Heiratsurkunde, Sozialversicherungsnachweise, Fotos und Briefe von Freundinnen. Eine Wohnung kann viel erzählen, ein ganzes Leben kann sie erzählen, wenn sonst keiner mehr da ist, der das könnte.

Annette Jacobi ist einsam am Ende ihres Lebens, sie hat keinen Lebensgefährten, keine Verwandten, keine beste Freundin, keine Kaffeeklatschgesellschaft. Nur einen toten Ex-Mann und einen verschollenen Sohn. Auf Beamtendeutsch: »Es konnte kein anderer Erbe als der Staat ermittelt werden.« Diesen Erben, den Fiskus, interessiert nur eines: Geld. Deswegen wird alles, was sich nicht zu Geld machen lässt, in den nächsten Wochen auf dem Müll verschwinden. Die vielen, überall gestapelten Bücher, die Porzellanweihnachtsmänner und der Kratzbaum von Paula, der Katze. Und all die Briefe, Postkarten, Fotos und Dokumente. Alles, was von einem Leben bleibt. Alles, was daran erinnern kann.

Fast ein Jahr nach Annette Jacobis Tod riecht ihre Mietwohnung nach alten Zeitschriften und Staub. Überall angebrochene Medikamentenschachteln, auf dem Wohnzimmertisch eine halb leer gerauchte Schachtel Marlboro, ein Telefon, ein paar Kugelschreiber, eine SPD-Tasse mit der Aufschrift »Für gute Inhalte« und zwei maschinell erstellte Glückwunschschreiben einer ortsansässigen Apotheke und der Sparkasse zum 75. Geburtstag, die Annette Jacobi nicht mehr öffnen konnte. Es war lange keiner mehr hier, die Wohnung war versiegelt. Hinter dem Glas der dunklen Schrankwand blickt ein junger Mann – wilde schwarze Locken, fein geschnittenes Gesicht – von einem vergilbten Foto aus ins Wohnzimmer. Auf die Rückseite schrieb Annette Jacobi mit blauem Stift, in großen, verschnörkelten Buchstaben: »Mein einzig geliebter Sohn«. Er, Martin Jacobi, war nicht auffindbar, als seine Mutter starb und beerdigt wurde.

»Annette Jacobi, Rezitatorin« hat sie auf ihre Visitenkarte drucken lassen, die zwischen Fotos und anderen Erinnerungsstücken in einer Schublade steckt. Darüber gefaltete Plakate und schlecht kopierte Handzettel ihrer Gedichtabende: »Liederliches und Lyrisches. Ein Abend mit Annette Jacobi« steht auf manchen Ankündigungen, »Annette Jacobi liest anständige und unanständige Texte« auf anderen. Als Diva schaut sie vom Papier, mit dunklen Locken, mondäner Sonnenbrille und Zigarette, deren Rauch sich vor ihrem geöffneten Mund kräuselt. Auch ein paar Zeitungsausschnitte der Lokalpresse hat sie dort aufgehoben; »mit Wohlgefallen« hätten die Zuschauer Jacobis Auftritt hingenommen, schreibt ein Reporter.

Fortsetzung:

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