Interview: M. Rolff

Die Fotografin Naomi Harris hat fünf Jahre lang Swinger-Partys in den USA besucht und die bizarre Welt der Teilnehmer dokumentiert.

Bildband

Naomi Harris in ihrer Berufskleidung. (Foto: Taschen Verlag)

Fünf Jahre lang ist die Fotografin Naomi Harris, 35, mit der Kamera durch die Swingerclubs der USA getourt. Ihre Erfahrungen als Beobachterin von mehr als 80 Sexpartys in 15 Bundesstaaten hat die Kanadierin im Bildband "America Swings" festgehalten, der jetzt im Kölner Taschen-Verlag erschienen ist. Mit der SZ sprach Harris über schiefe Amerika-Bilder, die Komik von kommerziellem Gruppensex und die Libertinage der christlichen weißen Mittelklasse.

SZ: Ms Harris, welchen fotografischen Erkenntniswert bieten Swinger-Partys?

Naomi Harris: Für mich einen anthropologischen. Das Reizvolle ist doch, dass die Gäste dort Stunden zuvor noch mit dir an der Supermarktkasse gestanden haben könnten. Es gibt ein Riesen-Buffet. Alle stopfen sich voll, und zwanzig Minuten später fallen sie im Hinterzimmer übereinander her. Ich war erst ohne Kamera dort und dachte: Wow, das musst du irgendwie dokumentieren! Und ich musste mich bemühen, nicht zu lachen. Seien wir ehrlich: Menschen, die Sex haben, sind komisch.

SZ: Wieso das?

Harris: Der Ernst der Partygäste ist unglaublich. Da läuft ein alberner Porno, und alle sind wahnsinnig konzentriert bei der Sache. Ihre demonstrativen Blicke. Ihre Geräusche. Jede Geste drückt aus: Seht her, wie phantastisch es ist! An keiner Stelle wird eine Distanz dazu erkennbar. Muss man sich dermaßen ernst nehmen?

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Bildband "America Swings" Der echte Amerikaner ist ein Swinger Rahmen
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SZ: Die Leute auf Ihren Fotos scheinen aber auf seltsame Art ihre Würde zu wahren. In den unmöglichsten Posen. Trotz Pickel, Zellulitis und Schwabbelbäuchen.

Harris: Viele kritisieren, dass die Menschen auf den Bildern hässlich sind. Aber ich halte mich nur an die Realität. Ich liebe es, die alltägliche Schönheit im Durchschnitt zu suchen. An Swingern interessierte mich auch, dass sie sich annehmen in ihrem Mangel an Perfektion. Erotikfotografen lassen sich ja gern mit Sätzen zitieren wie: "Ich liebe Bilder von Leuten, die meine Nachbarn sein könnten." Dann sieht man die Fotos und denkt: Wie schön, dass du neben einem Supermodel wohnst.

SZ: Ist Ihr Bildband eine Art Gegenprogramm zum sauberen Amerika-Image?

Harris: Nicht absichtlich. Aber der Erfolg von so angesagten Fotografen wie Ryan McGinley ist auffällig: Er hat gerade junge, schöne Models für eine Roadshow durch Amerika gemietet und sie nackt an absurden Orten fotografiert. Sowas wird dann bejubelt. Aber diese Leute sollen Amerika repräsentieren? So ein Quatsch!

SZ: Würden nicht viele Amerikaner sagen, dass sie sich in Ihrer Swinger-Roadshow viel weniger wiedererkennen?

Harris: Das Problem ist doch, dass alle Leute fasziniert sind von Sex, aber nicht wollen, dass das jemand weiß. Es ist Teil unseres Lebens, aber rede darüber, und du bist eine Schlampe. Immer noch!

SZ: Wer Ihre Fotos anschaut, bekommt den Eindruck: Amerika ist eine Orgie.

Harris: Das wäre übertrieben. Aber die Swingerkultur hat sich wegbewegt von Privatveranstaltungen. Natürlich gibt es das noch, aber die Leute heute finden die Idee eines Kurzurlaubs offenbar aufregender. Auch weil sie dort Gleichgesinnte aus den ganzen USA treffen. Mein Projekt habe ich auf dem Swingstock-Festival in Wisconsin begonnen. Tausend Teilnehmer. Vier Tage nur Camping und Sex. Organisiert wird es von einem Paar und seinen erwachsenen Kindern, die keine Swinger sind. Die Familie war sehr entspannt.

SZ: Ist das Hobby oder Business?

Harris: Ein riesiges Business mit unglaublicher Logistik. Zudem haben die sich gerade vergrößert und ein Jagdgebiet dazugekauft, das sie in ein Camp für jagdinteressierte Swinger und Nudisten umgewandelt haben. Dort finden auch Valentinstag-Partys statt. Sehr speziell! In Florida, Kalifornien oder Nevada laufen ähnliche Veranstaltungen mit bis zu 2000 Gästen. Es gibt Leute, die ein ganzes Jahr für die Swinging-Convention in Las Vegas sparen. Der Markt expandiert. Das Neueste sind Kreuzfahrten. Oder Luxushotels.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wer ist der typische Swinger?

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Leserkommentare (17)



22.12.2008 11:56:03

Graswurzel: Ich wüsste gerne mal...

...warum "kultivierte Sexualität" ein Oxymoron sein soll ???


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