Im Nordflügel des Brandenburger Tores wartet auf die Heerscharen von Touristen ein Ort, der ihnen etwas abverlangt, was nur wenige geben können: Ruhe.
Deutsche, Franzosen, Südamerikaner, Niederländer: Menschen aus vielen verschiedenen Ländern betreten den Raum der Stille im Brandenburger Tor. Foto: sueddeutsche.de
Eine Frau wischt sich mit zwei Fingern Tränen von der Wange. Dann atmet sie ein, so wie beim Arzt, wenn er ein Stethoskop auf den Brustkorb drückt. Ein paar Minuten verharrt sie noch, dann nimmt die Dame, eine Argentinierin Mitte 40, ihre schwarze Handtasche, rückt die Steppjacke mit Pelzbesatz zurecht und verlässt den Raum. Fragen, was sie betrübt, geht hier nicht.
Im Berliner "Raum der Stille" ist reden nicht erlaubt. Nicht, dass es irgendwo geschrieben stünde oder jemand den Besuchern das Reden untersagen würde. Es ist irgendwie der Raum selbst, der gebietet, die Stille zu wahren.
In den Raum im Brandenburger Tor führen zwei Glastüren. Es ist schummrig hier, ein Halogenstrahler wirft Licht auf einen sonst dunklen Wandteppich. Ein älterer Mann mit braunem Mantel und karierter Mütze steht in der Mitte des vier mal fünf Schritte großen Zimmers, den Kopf nach unten geneigt.
Nichts, das ablenkt von der Stille
Die Wände sind weiß getüncht, die Vorhänge geschlossen. Zehn graue, stapelbare Holzstühle, zwei graue Sitzkissen, zwei niedrige Holztischchen, ein heller Stein am Boden. Das ist alles. Nichts, das ablenken könnte von der Stille hier drinnen.
Vor einigen Jahren wurden schalldichte Fenster eingebaut. Nur gedämpft dringen die Rufe holländischer Schulbuben an das Ohr. Es sind Deutsche, Franzosen, Südamerikaner und Niederländer die an diesem regnerischen Vormittag den Weg an diesen Ort der Stille finden. Mal findet nur ein Mensch Ruhe hier, mal drei, mal zehn. Ein junger Spanier reißt die Tür auf und stürmt polternd seinen Freunden hinterher. Er scheint die gedämpfte Atmosphäre nicht zu bemerken. Sofort zischen ihm die anderen ein erbostes "Pssst!" zu.
Mehr als 800.000 Menschen haben diesen Ort seit seiner Eröffnung im Jahr 1993 aufgesucht. Täglich kommen etwa 100 Menschen, um dort zu entspannen, nachzudenken oder ihre von der langen Sightseeing-Tour schmerzenden Füße auszuruhen. Manche beten auch.
Die Vision einer solchen Einrichtung inmitten Berlins gibt es seit 1988. Nach der Vereinigung machte sich schließlich eine Initiative auf die Suche nach einem geeigneten Ort. Als Vorbild sollte der Meditationsraum dienen, den UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld 1954 im Gebäude der Vereinten Nationen in New York einrichten ließ.
Fündig wurden die Organisatoren, als ihnen der Berliner Senat den Nordflügel des Brandenburger Tores zur Verfügung stellte. Seit dem Mauerfall 1989 gilt es als Symbol des Friedens. Nun soll der Raum der Stille, als Ort der Nachdenklichkeit und der Friedfertigkeit, die Idee des Friedenstores wieder aufnehmen.
Im zweiten Abschnitt: Was Besucher im Gästebuch verraten.
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