sueddeutsche.de: Sie finden es unbedenklich, über eine Todesanzeige zu lachen?

Sprang: Es ist doch toll, dass man mal über eine Todesanzeige lachen kann, die heiter formuliert ist. Man lacht ja dann nicht darüber, weil man sich lustig macht. Das schätzen die Leute völlig falsch ein.

sueddeutsche.de: Sammeln Sie nur lustige Todesanzeigen?

Sprang: Nein, ich sammle auch Anzeigen, bei denen man weinen muss, weil sie einem so unglaublich nahe gehen. Weil sie so ungewöhnlich gut gestaltet sind.

sueddeutsche.de: Was macht eine Todesanzeige zu einer guten Todesanzeige?

Sprang: Wenn sie sprachlich nicht auswechselbar und anonym ist, sondern individuell. Sie ist gut, wenn man merkt: Das ist eine Anzeige für einen ganz besonderen Menschen. Wenn darin mitschwingt, was einen mit dem Verstorbenen verbunden hat. Oder was ihn ausgemacht hat. Am liebsten lese ich tröstende Anzeigen.

sueddeutsche.de: Welche Worte können angesichts des Todes trösten?

Sprang: Wirklich tröstend sind die Anzeigen, in denen viel von der Liebe spürbar wird, die zwischen dem Verstorbenen und den Hinterbliebenen da war. Und die Texte, die die Hoffnung vermitteln, dass dies nicht das Ende von Allem gewesen sein kann.

sueddeutsche.de: Was kann man über das Verhältnis der Deutschen zum Tod sagen, wenn man so viele Todesanzeigen gelesen hat wie Sie?

Sprang: Die meisten Leute verdrängen den Tod nach Kräften. In der Situation sind dann viele völlig überfordert. Was ich stark wahrnehme ist der Versuch, mit Sprachbildern dieser Situation das Erschreckende zu nehmen: Statt "ist gestorben" oder "tot“ steht dann da: "Der Spediteur hat seine letzte Reise angetreten", "der Schornsteinfegermeister kehrt nie wieder", "die Reinigungskraft hat den Besen weggestellt". Das ist auf der einen Seite eine Anknüpfung an das Leben des Verstorbenen, auf der anderen Seite der Versuch, das Ereignis sprachlich zu verarbeiten und ihm den Schrecken zu nehmen.

(Sie sind jetzt auf Seite 2 von 3) nächste Seite

In diesem Artikel:

  1. "Man blickt in das Leben anderer"
  2. Sie lesen jetzt Ungewöhnlich gute Todesanzeigen
  3. "Es kann schnell vorbei sein"