Interview: Sarina Pfauth

Ungewöhnliches Hobby: Christian Sprang sammelt Todesanzeigen, die anders sind. Ein Gespräch über tröstende Worte - und ob man über Todesanzeigen lachen darf.

Aus: Christian Sprang/Matthias Nöllke: Aus die Maus. Ungewöhnliche Todesanzeigen © 2009 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln.

Aus: Christian Sprang/Matthias Nöllke: Aus die Maus. Ungewöhnliche Todesanzeigen © 2009 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln.

sueddeutsche.de: Herr Sprang, Sie sammeln Todesanzeigen. Wann haben Sie dieses doch eher außergewöhnliche Hobby für sich entdeckt?

Christian Sprang: Ich lese Todesanzeigen schon, seit ich Schüler bin. Und zwar heute wie damals mit großer Faszination, weil ich finde, dass sie viel über Leben und Tod sagen.

sueddeutsche.de: Todesanzeigen lesen viele Leute, die wenigsten aber schneiden sie auch aus.

Sprang: Angefangen habe ich zu WG-Zeiten im Studium. Da hatte ich eine Todesanzeige gesehen, in der eine Firma den Tod eines Mitarbeiters beklagte, der "unverhofft" im Alter von 46 Jahren gestorben sei, und das heißt im ursprünglichen Sinne ja: "wie wir nicht zu hoffen gewagt hatten". Das fand ich so bemerkenswert, dass ich die Anzeige ausgerissen habe. Sie lag dann länger in der WG-Küche und die Freunde sahen sie und brachten selbst Anzeigen mit, die sie gefunden hatten. Das ist jetzt ungefähr 20 Jahre her.

sueddeutsche.de: Haben sich die Anzeigen im Lauf der Jahre verändert?

Sprang: Ja, am auffälligsten ist das bei den Selbstanzeigen. Früher gab es kaum Todesanzeigen in Ich-Form. Jetzt findet man sie schon relativ häufig, in unserer Lokalzeitung so zwei, drei Mal pro Monat und wenn Sie noch 20 Jahre weiterdenken, wird das normal geworden sein.

sueddeutsche.de: Sind das Leute, die keine Freunde haben?

Sprang: Zum Teil. Es gibt viele, die niemanden haben, der eine Anzeige für sie aufgeben würde. Andere wollen den Leuten über den Tod hinaus eine Botschaft mitteilen. Mal sind dies Sachmitteilungen à la "Ich bin tot", häufig Dankesbotschaften an die ehemalige Mitwelt, erstaunlich oft aber auch Nachtritte wie "Von Beileidsbekundungen wollen bitte alle Abstand halten, da ich das Pharisäertum nicht dulde."

sueddeutsche.de: Haben Sie eine Lieblingsanzeige?

Sprang: Das wechselt immer ein bisschen. Sehr schön finde ich die Anzeige: "Der Herr hat einen Steinhäger zu sich genommen", die ein Sohn für seinen Vater, der in Steinhagen bei Gütersloh geboren wurde, veröffentlicht hat. Sie ist auf der einen Seite witzig, weil man denkt: Da hat sich der liebe Gott mal einen Schnaps gegönnt – weil Steinhäger der Name einer Spiritouse ist. Zweitens vermittelt sie: Mein Vater ist beim lieben Gott aufgehoben. Und drittens steckt darin dieses urchristliche Motiv, dass man den Tod verlacht. Man muss ihn als Christ ja nicht fürchten, weil der Tod überwunden ist. All das steckt in dieser Anzeige! Die finde ich extrem gelungen.

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In diesem Artikel:

  1. Sie lesen jetzt "Man blickt in das Leben anderer"
  2. Ungewöhnlich gute Todesanzeigen
  3. "Es kann schnell vorbei sein"