Von Algier bis Amman: Wein aus Nordafrika erlebt einen neuen Boom - auch wenn strenge Muslime das gar nicht so gerne sehen.
Wein ist auf der ganzen Welt ein begehrtes Gut - und in Nordafrika etabliert sich nun ein neuer Markt. Foto: dpa
Es gab eine Zeit, da wurde ein bekannter ägyptischer Wein von leidgeprüften Zechern "Château Migraine" genannt. Tatsächlich hieß er laut Etikette nach dem ursprünglichen Eigentümer des Weingutes, der aus Griechenland stammte, "Château Gianaclis". Doch der Diktator Gamal Abdel Nasser hatte das Gut in den sechziger Jahren verstaatlicht, und es kam herunter.
Als es 1998 privatisiert wurde, begann unter dem libanesischen Direktor André Hadji-Thomas ein langsamer Neuaufstieg. Heute produziert das Gut 8,5 Millionen Flaschen im Jahr und rechnet bei steigender Qualität und Absatz mit einer Verdoppelung in den nächsten fünf Jahren. Drei Viertel der Flaschen werden von Touristen getrunken.
Wegen des koranischen Alkoholverbots wurde der meiste Wein im Nahen Osten seit altersher von einheimischen Christen produziert. Aber nicht nur. Der Kellermeister des Château ist ein frommer Muslim und hat in 20 Jahren Berufstätigkeit nie einen Tropfen verkostet.
Rotwein-Rationen für die Soldaten
Alljährlich verlangen die Muslim-Brüder im Kairoer Parlament ein Weinverbot - ähnlich wie konservative Glaubensbrüder in anderen Anbauländern -, kommen aber damit nicht durch. In Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten und Jordanien, überall hat der Wein Konjunktur. Insgesamt stehen in arabischen Ländern 80.000 Hektar unter Weintrauben-Kultur. Aus ihnen werden jährlich 1,3 Millionen Hektoliter gekeltert und auf 146 Millionen Flaschen abgefüllt. Das Gütesiegel "Appellation controlée" nehmen 15 Provenienzen in Anspruch.
Unter der französischen Kolonialherrschaft war Algerien der viertgrößte Weinproduzent der Welt. Damals wurden 18 Millionen Hektoliter gekeltert. Algerischer Wein wurde in Tankschiffen über das Mittelmeer transportiert.
Jene Schiffe folgten den französischen Truppen in diverse Kolonialkriege, um den "Pinard", die tägliche Rotwein-Ration der Soldaten zu sichern. Mit der Unabhängigkeit verschwanden die Franzosen und anderen Europäer, die in Algerien den größten Teil der Weingüter betrieben hatten. Den zweiten, diesmal tödlichen Schlag versetzte die europäische Wirtschaftsgemeinschaft in den Fünfzigern den nordafrikanischen Winzern, indem sie den Import von Wein-Verschnitten verbot.
Wie in Ägypten profitiert die algerische Weinwirtschaft, die auf die Phönizier, die Griechen und die Römer zurückgeht, inzwischen von der Abkehr vom Staatssozialismus. Mit besserer Qualität sind ihre Flaschen wieder in französische Supermärkte vorgedrungen. Algeriens Weine kommen vorwiegend aus dem Atlasgebirge zwischen Algier und Oran. Die anspruchsvollste Marke nennt sich "Cuvée du Président".
Genau so heißt kurioserweise auch einer der führenden Weine aus dem benachbarten Marokko. Zwar hat das Land keinen republikanischen Staatschef, sondern wird von König Mohammed VI. regiert. Doch da dieser sich Beherrscher der Gläubigen nennt und auf direkter Abstammung vom Propheten Mohammed besteht, darf sich kein berauschendes Getränk auf ihn berufen.
Rituelle Unbedenklichkeit
Der marokkanische Präsidentenwein kommt von der Domäne Ouled Thaleb bei Benslimane, nördlich von Casablanca, die in den zwanziger Jahren von Belgiern gegründet wurde. Die Gegend von Tlemcen bringt den koscheren "Rabbi Jacob" hervor, über dessen rituelle Unbedenklichkeit das Rabbinat von Casablanca wacht und der viel exportiert wird.
Von den einst ruhmreichen Weingütern des Libanon waren nach eineinhalb Jahrzehnten Bürgerkrieg nur drei übrig. Jetzt sind es wieder 18. Das 150 Jahre alte Gut Ksara ist stolz auf die Preise, die es in internationalen Wettbewerben gewinnt. Ein französischer Experte nennt drei Voraussetzungen, die den Weinkonsum begünstigen: Geld, Frieden und Demokratie. Jordanien musste nach der Besetzung des Westufers durch die Israelis im Jahre 1967 von vorne anfangen.
Zwei Unternehmen im Besitz von Christen legten nördlich von Amman neue Weinberge an. Ihr "Saint Georges" wird gern am Persischen Golf getrunken. Auch in Syrien war es die Politik, die vor 40 Jahren die Weinkultur durch Verstaatlichungen ruinierte. Bei Lattakia versucht nun ein Privatunternehmer mit einem großen Gut die Renaissance des syrischen Weines. In zwei Jahren sollen die ersten Flaschen abgefüllt werden.
(SZ vom 26.05.2008)

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