Mehr als ein Phänomen
Tokio Hotel
23.10.2007, 10:42
Tokio Hotel: vom Phänomen zu Superstars. (Foto: dpa)
Es gibt einen Song der amerikanischen Rapband Cypress Hill, in dem das Leben eines Musikstars beschrieben wird. "Rock Superstars" handelt von einem Jungen, der davon träumt, eine große Karriere zu starten. Das Lied erzählt von den Problemen, von korrupten Plattenfirmen, von verrückten Fans. Es gipfelt in der Nachricht an den jungen Musiker: "Pass auf dich auf! Eine Single hält sich nicht besonders lang."
Die Bandmitglieder von Tokio Hotel kennen dieses Lied mit Sicherheit - und doch können sie über diese Textzeile wohl nur schmunzeln. Im Juli 2005 kam ihre Debütsingle "Durch den Monsun" in die Plattenläden - und stürmte sofort auf Platz eins in den deutschen und österreichischen Charts. Mehr als zwei Jahre später ist das Lied immer noch in den Charts vertreten, allerdings in den portugiesischen, französischen und italienischen. Eine Single kann sich also doch besonders lang halten.
Bei Tokio Hotel von einem Phänomen zu sprechen, würde der Band nicht gerecht werden - erst recht nicht, seit sie zwei Nominierungen für die MTV Europe Music Awards erhielt. Nun ist eine Nominierung noch nicht zwingend eine Ehre, wenn man bedenkt, dass jedes Land in der Kategorie "Bester Nationaler Act" fünf Kandidaten ins Rennen schicken darf. Die Kategorien "Band" und "Interact" sind prestigeträchtiger, und genau dort ist Tokio Hotel nominiert.
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Ein Blick auf die anderen Nominierten genügt, um die Qualität des Preises zu erkennen. Bill Kaulitz und seine Kollegen treten an gegen My Chemical Romance, Fall out Boy, Depeche Mode und Linkin Park. Tokio Hotel darf sich mit internationalen Spitzenbands messen, während andere deutsche Gruppen wie Juli und die Sportfreunde Stiller untereinander konkurrieren.
Woran liegt es, dass die Band international - sieht man vom erfolglosen Versuch ab, auch die britischen Charts zu stürmen - einen ähnlichen Hype auslöst wie in Deutschland? Französische Lehrer berichten, dass Deutschkurse an Schulen überbelegt sind, weil die Schüler versuchen würden, die Texte von Tokio Hotel zu verstehen. Das Goethe-Institut bezeichnet die Band als unvorhersehbaren Glücksfall und plant begleitende Maßnahmen. "Wir bauen das Phänomen Tokio
Hotel als Thema in die Lehrerfortbildung ein“, sagt Günter Kipfmüller, Leiter der Sprachabteilung des Goethe-Instituts in Paris.
Mehr denn je muss man Popstars als Einheit von Musik und Image betrachten: Die Skandale um Britney Spears lassen Zeitschriften eigene Britney-Ressorts entwickeln, Robbie Williams verkauft sich nicht als Liedermacher, sondern als letzter echter Popstar, der auch mal ein Hotelzimmer auseinandernimmt. So auch Tokio Hotel: Sänger Bill Kaulitz ist eine der charismatischsten Figuren der Musikwelt. Nicht nur wegen der kajalisierten Augen, sondern auch wegen der Rockstar-Attitüde bei Interviews und Konzerten. Er hebt sich ab von anderen deutschen Sängerinnen und Sängern, die mit ihrer Eigentlich-komm-ich-von-nebenan-Attitüde kokettieren. Bill Kaulitz hat die besten Voraussetzungen, um es mit Robbie Williams und Britney Spears in der Kategorie Durchgeknalltheit aufzunehmen - und damit auch auf dem Gebiet Popstar.
Auch Zwillingsbruder Tom fällt auf - und doch ist er eine andere Art Star: Sein Aussehen erinnert an die Gitarristen der 1990er - Steven Goddard von Pearl Jam etwa oder Tom Morello von Rage Against the Machine. Die eher biederen Gustav (Drums) und Georg (Bass) müssen weniger Star sein - die Kaulitz-Brüder genügen. Mehr kann eine einzelne Band nicht vertragen.
In zehn Tagen werden die Mitglieder der Band in München sein und gespannt dasitzen, ob sie einen der Awards bekommen. Sollte es tatsächlich der Fall sein, werden sie sich überrascht geben - obwohl sie es gar nicht müssten. Sie wissen genau, dass sie zu den größten Stars der Musikszene gehören. Nicht nur in Deutschland, sondern europaweit.
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