Von Violetta Simon

Sie haben peinliche Motive, dienen als Meditationshütte oder machen Menschen zu Dieben. Handtücher verraten viel über ihre Besitzer - aber nur über ahnungslose. Eine Frottee-Typologie.

Das Strandtuch
Es soll ja Menschen geben, die lieben Strände, hassen aber Sand. Wie Störche im Salat kehren sie aus dem Wasser an ihren Platz zurück, in der Hoffnung, nur die Fußsohlen mit den feinen Körnchen zu bedecken. Sie stehen so lange aufrecht in der Brise, bis der Wind sie getrocknet hat und verbliebene Sandkörnchen erbleichen und abfallen lässt. Anschließend legen sie sich bäuchlings auf die Decke, heben ihre Beine an und klopfen die Fußsohlen aneinander. Für solche Menschen ist das Wichtigste an einem Handtuch, dass kein Sand an ihm hängenbleibt. Daher empfiehlt sich am Strand ein möglichst glattes Material, beispielsweise eine samtweiche Version aus Jacquard-Velours. Das Baumwollmaterial nimmt zwar kaum Feuchtigkeit auf, dafür lässt es die feinen Körnchen eiskalt abrutschen. Was die Optik betrifft, so darf es ruhig ein wenig farbenfroher sein als im Alltag. Das Einzige, was jetzt noch passieren kann, ist höhere Gewalt in Form eines Sandsturms – oder ein Idiot, der nebenan sein Handtuch ausschüttelt, nachdem man sich gerade mit Sonnencreme einbalsamiert hat.

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Bildstrecke Immer das richtige Handtuch Rahmen
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Das Gästehandtuch
Jeder Mensch hat ein Recht auf sein eigenes Handtuch. Das gilt auch für einen Gast. Um zu vermeiden, dass sich Kurzzeitbesucher die Hände mit ihrem Gesichts-, Fuß- oder Duschhandtuch abtrocknen, muss ein Gästehandtuch als solches gekennnzeichnet sein. Ein Plastikhaken mit der Aufschrift „Gäste“ erfüllt seinen Zweck ebenso wie ein entsprechend besticktes Handtuch – falls man Retro-Chic und Klorollen-Häkelhauben gut findet. Zeitgemäßer – und zudem weitaus hygienischer - ist es, immer einen Vorrat an kleinen, weißen, quadratischen Frotteehandtüchern zur einmaligen Benutzung bereitzuhalten. Sie lassen sich falten oder rollen. Darüber hinaus sollte man einen kleinen Weidenkorb oder ähnliches zur Entsorgung bereitstellen. Von niedlichen Applikationen wie aufgestickte Satin-Bärchen ist abzusehen. Auch witzige Aufschriften wie „Hotel Mama“ haben auf dieser Form des Handtuchs nichts zu suchen.

 
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Das Saunatuch
An alle Handtuch-um-die-Hüfte-Wickler: Füße gehören nicht aufs Holz! Wer das Bedürfnis verspürt, sich zu bedecken, sollte dafür ein eigenes Tuch verwenden. Ansonsten muss ein Saunatuch folgende Eigenschaften besitzen: Es sollte so groß sein, dass alles darauf Platz hat, was zum eigenen Körper gehört und so klein, dass sich andere Besucher nicht zum Picknick eingeladen fühlen. Es muss weich sein, um unschöne Abdrücke in der aufgeweichten Haut und Juckattacken im Pobereich zu vermeiden. Es muss Kochwäsche aushalten. Wer verhindern möchte, dass das Handtuch im Duschbereich vom Haken rutscht und in einer Mischung aus Haaren, Duschgel und Fußpilzbekterien landet, sollte beim Kauf unbedingt an einen Aufhänger denken oder nachträglich befestigen.

Das Sportler-Handtuch
Auf dem Tennisplatz wird das Handtuch nur selten seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt. Was es aufzusaugen hat, ist kein Bade- oder Duschwasser, sondern Adrenalin-getränkter, prominenter Schweiß. Darüber hinaus dient es in den kurzen Pausen immer wieder als Zelt oder Meditationsstätte, um sich vor Sonne oder den Blicken anderer Menschen zu schützen. Dabei ist es wichtig, dass das Handtuch nicht zu dunkel ist, weil sonst ein Hitzestau zu einem unerwünschten Ergebnis führen kann. Wichtig ist auch die Größe: Je größer das Handtuch, desto mehr Werbung passt auf die Fläche. Das freut den Sponsor.

Das Dirigenten-Handtuch
Ebenfalls als Sportler-Handtuch könnte man dieses Exemplar bezeichnen. Die klassische Farbe und seine dezente Größe passen zum festlichen Anlass. Wenngleich der Austragungsort sich schon allein durch die Abwesenheit von Sonnenlicht und Zwischenapplaus von einem Tennis-Court unterscheidet, dient auch dieses Handtuch der Absorption von Promi-Schweiß. Für die Benutzung eines solchen dürften nicht zuletzt die Musiker unter dem Pult dankbar sein: Ein Dirigent versprüht bei seiner Tätigkeit leider nicht nur Charme...

Im Fitnessstudio
Ähnlich wie in der Sauna ist die Benutzung eines Handtuchs im Fitnessstudio eine Frage der Nächstenliebe. Wer möchte sich schon auf einer Bank niederlassen, in die gerade der Schweiß vom Vorgänger sickert. Das Tuch sollte nicht zu groß sein, da man selbst oder jemand anders sonst versehentlich mit den Schuhen drauftritt. Die Qualität spielt in diesem Fall keine große Rolle, gerne darf es auch etwas farbiger sein. Besonders beliebt sind Modelle mit starkem Nostalgie-Faktor. Obwohl die Muckibuden der Achziger lange ausgestorben sind, tauchen in einigen Fitnesscentern nach wie vor Handtücher mit Coca-Cola-, Sahra-Key- oder Truck-Motiven auf. Manche Studiobesucher signalisieren mit Hilfe von Logos privater TV-Sender auch gerne auf subtile Art, dass sie einen wichtigen Beruf ausüben. Da Relikte aus dieser Zeit über eine wunderbare Qualität verfügen, ist mit einem Aussterben nicht zu rechnen. Die Anschaffung eines Handtuchs mit FC-Bayern-Logo oder einer Bulldozer-Applikation lohnt sich also.

Hotel-Handtücher
Das beliebteste Urlaubs-Souvenir ist nach wie vor das Hotel-Handtuch. Gerade weil es meist weiß und schlicht ist, scheint der Gast keine Notwendigkeit zu sehen, für eine derart unspektakuläre Aufmachung zu bezahlen. Aber eben aus demselben Grund kann man so ein Handtuch auch immer brauchen, denn es passt in jedes Badezimmer. Nur dem Hotelbesitzer, dem passt das ganz und gar icht. Deshalb bitten inzwischen immer mehr Hoteliers ihre Gäste nachträglich zu Kasse, indem sie ihnen dezent eine Rechnung nach Hause schicken. Es soll schon vorgekommen sein, dass diese Rechnung noch vor dem Gast in die heimatliche Wohnung flattert. Ohne jemanden ermutigen zu wollen, sei an dieser Stelle lediglich angemerkt: Wenn man schon seinem kleinkriminellen Hang nachgeben muss, sollte man wenigstens auf zwei Dinge achten. Erstens hat man an einem Hotel-Handtuch mehr Freude, wenn man ein möglichst unbeschädigtes, unbeflecktes Exemplar wählt. Zweitens sollte man sich auf Hotels spezialisieren, deren Schriftzug nicht so eindeutig ist, dass sie den Entwender sofort als Dieb outen. Die folgende Preisliste kann - je nach Veranlagung - als Abschreckung oder zur Beruhigung des schlechten Gewissens dienen: Handtücher kosten ein Hotel im Einkauf etwa 2,40 Euro pro Stück, Duschtücher kommen auf rund 4,50 Euro, Saunatücher auf 6,50 Euro.

Friseur-Handtuch
Wer schon einmal die Dummheit begangen hat, seine frisch getönten Haare in ein weißes Handtuch zu wickeln, versteht, warum die Dinger bei den meisten Friseuren dunkelblau, braun oder schwarz sind. Auch wenn die Farbe aus den dunklen Exemplaren ebensowenig rausgeht wie aus den weißen: Man sieht es wenigstens nicht. Nun zur Größe: Damit der Friseur nach dem Waschen das Handtuch bequem zu einem Turban schlagen kann, ohne die Höhe des Eiffelturms zu erreichen, genügt eine Durchschnittsgröße von 50 auf 100 Zentimeter völlig. Ebenso ist auf das Material zu achten, da man aus einem Teppich keinen Turban drehen kann. Besser also mitteldicke, saugfähige Baumwolle. Schafft es der Friseur ihres Vertrauens, bei der Turban-Nummer keine Haare auszureißen, sollten sie ihm treu bleiben.

Geschirrtuch
Kleinkariert und aus hundertprozentigem Leinen hatten sie zu sein: die Geschirrtücher der guten alten Zeit. Ganz klassisch in rot-weiß oder blau-weiß, haben sie es ohne Aufhebens ins Zeitalter der modernen Küchentechnologie geschafft – wenngleich nicht konkurrenzlos. Die Geschirrtücher der Gegenwart sind aus Microfaser und sehen nicht so aus, als ob die dazu taugen, damit Gläser zu polieren. Doch sie können. Sie können es sogar so gut, dass sich viele Hausfrauen inzwischen fragen, wie sie nur ohne Microfasertuch überleben konnten. Ganze Seiten in Internetforen füllen ihre Lobeshymnen. Doch auch wenn die moderne Technologie in Sachen Hochglanz die Nase vorn hat: Es gibt Dinge, die kann nur ein klassisches Geschirrtuch aus Leinen. Oder hat man schon davon gehört, dass jemand Quittengelee oder rohen Kartoffelteig durch ein Vileda-Tuch gepresst hat? Eben. Dazu sind seine Fasern nämlich zu micro.

Baby-Handtuch
Daran kommt keine Mutti vorbei: Wer keine Ahnung hat, was er zur Geburt des Babys schenken soll, überreicht ein Baby-Badetuch. Das ist ein Stück Frottee, das an einer Ecke in einer Kapuze mündet. Als besonders ulkig gelten Modelle, auf deren Kapuzenecken dreidimensionale Tierköpfe, Ohren oder Schnäbel angenäht sind. In den ersten Wochen wird sich das Kind darin verwickeln und schreien, weil ihm die zu große Kapuze beim Abtrocknen über die Augen rutscht oder es sich beim Anblick der großen Entenaugen erschreckt. Wenn es größer ist, stellt die Kapuze kein Problem mehr dar, leider ist nun das Handtuch nicht mehr groß genug, um auch den Rest des Kindes einzuhüllen. Nun hat man – je nach Verzweiflung der Schenker – drei bis zehn solcher Exemplare daheim, die man weder als Gästehandtuch, noch als Strandtuch, keinesfalls ins Fitnessstudio oder gar zum Dirigieren verwenden kann. Doch keine Sorge – die Dinger sind ja wie neu, und warum soll die nächste Mutti nicht auch eine Freude daran haben?

(sueddeutsche.de)

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Leserkommentare (3)



25.05.2007 11:12:48

CarstenH: @soylentyellow

"Zugegeben, abtrocknen geht damit nicht so einfach aber die Vorteile überwiegen trotzdem. "

Ich dachte immer, ein Trockentuch heiße so, weil es zum Abtrocknen da ist; nach deiner Meinung scheint es ja Trockentuch zu heißen, weil es - wenn feucht - ganz rasch wieder trocknet ...


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