Von Violetta Simon

Die vielgelobte Multitask-Fähigkeit der Frauen ist eigentlich gar keine Begabung. Sie ist das Produkt ihrer Unfähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren.

kolumne luft und liebe

Lenken, quatschen, schminken - Hauptsache, alle Sinne sind beschäftigt. (Foto: iStockphotos)

Was tut ein Mann, wenn er heimkommt? Er zieht seine Schuhe aus. Setzt sich erst mal hin. Dann liest er die Zeitung. Oder er spielt mit seinem Kind. Oder er ruft jemanden an. Wenn er damit fertig ist, bereitet er das Abendessen zu.

Was er niemals tun würde: Mit Einkaufstüten unterm Arm die Tür mit der Hüfte zuschubsen, in Schuhen und Mantel durch die Wohnung traben und sofort alles wegräumen, was vom Morgen noch herumliegt. Zwischendurch noch einen Topf Wasser aufsetzen und sich kurz über den Küchentisch beugen, auf dem die Tageszeitung liegt ("Hach, die hab ich auch wieder nicht gelesen!“).

So etwas tut nur eine Frau.

Wenn sie an ihrem Kind vorbeikommt, stellt sie zwei Bauklötzchen aufeinander und verschwindet mit den Worten "Mami muss nur schnell noch ..." ins nächste Zimmer, um die Post durchzusehen ("Oh nein, das Abo hat sich schon wieder ein Jahr verlängert!").

Später will sie sich "noch schnell" die Haare waschen, ein paar Muffins für den Kindergeburtstag backen und sich endlich im Internet das Buch über berufstätige Supermütter bestellen. Zuvor kämpft sie mit einem plärrenden Kind im Bad ("Sonst macht es ja wieder keiner gründlich!") und bringt es auch noch ins Bett ("Abends ist halt doch immer die Mama gefragt."). Anschließend will sie - unbedingt und endlich mal wieder - zum Yoga.

Am Ende sind die Muffins im Backofen verbrannt, weil sie sich beim Surfen im Internet verzettelt hat. Mit dem Wasser, das eigentlich zum Blanchieren von frischem Gemüse gedacht war, hat ihr Mann Nudeln gekocht, bevor es völlig verdampft wäre. Und die Yogastunde ist sowieso längst vorbei.

Frauen bezeichnen diese Unart, planlos durch die Wohnung zu schlingern, gern als Multitasking. Ein Mann würde diesen Zustand eher als geistige Verwirrung bezeichnen. So was kennt man von Menschen, die sich nicht auf eine Sache konzentrieren können.

Würde ein Schüler sich derart verzetteln, würde man ihm Ritalin geben.

Bürde des Universums

Im Grunde genommen ist es kein Wunder, dass Frauen mehrere Dinge gleichzeitig tun - hintereinander würden sie nie damit fertig werden. Schließlich glauben sie nicht nur den Job stemmen und einen perfekten Haushalt führen zu müssen. Auch die Kinder sollen genügend Zuneigung, Bildung und Vitamine erhalten. Sonst macht es ja wieder keiner.

Entgegen weiblicher Wunschvorstellungen wird der Tag den Frauen zuliebe jedoch nicht länger, die Notwendigkeit zu schlafen lässt sich nicht einfach abschaffen, nur weil sie täglich den Don Quichotte spielen und nicht einsehen wollen, dass sie sich wieder mal viel zu viel vorgenommen haben.

Sicher sind Frauen in der Lage, multitaskfähig zu handeln. Manchmal verzetteln sie sich dabei aber einfach nur, und heraus kommt: gar nix. Am Ende des Tages müssen sie sich viel zu oft eingestehen: "Ich habe wieder nichts geschafft!"

 
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Würden sie sich endlich einmal auf eine Sache konzentrieren, hätten sie zumindest die zu Ende gebracht.

Dabei können wir uns an den Männern ein Beispiel nehmen. Die lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Nehmen die Zeitung und lesen sie, einfach so. Auch wenn um sie herum der Teufel los ist. Würden sich nie martern mit Überlegungen wie "Ach Gott, die Fenster müssen auch noch. Und die Sachen da müssen noch dort hin. Und ich wollte ja noch unbedingt...!"

Wenn eine Frau wieder mal jammert: "Nie kann ich was für mich machen", fragt er nur verständnislos: "Warum tust du es dann nicht einfach?".
Wenn sie klagt: "Ich muss mich um alles kümmern!“, sagt er: „Wieso kümmern? Was du da treibst, ist nichts als blinder Aktionismus“.

Der reinste Zwang

Leider wird aus der Fähigkeit, sich parallel auf mehrere Aufgaben zu konzentrieren, zunehmend eine lästige Angewohnheit, ja, eine Art Zwang, stets nebenher noch irgendwo herumzupopeln oder mitzumischen. Inzwischen scheint es den meisten Frauen unmöglich, sich einfach nur einer Sache zu widmen. Das wäre eine Verschwendung ungenutzter Ressourcen.

Kein Wunder, dass Frauen beim Fernsehen so gern bügeln - sie würden sonst zwischendurch versehentlich davonlaufen, auf der Suche nach neuen Aufgaben.

Allein das Telefonieren! In der Tat ein physisches Wunder, wie man es schafft, 90 Minuten lang einen Hörer zwischen Ohr und Schulter einzuklemmen. Während sie mit ihrer Freundin sämtliche Bekannte und deren Befindlichkeiten durchkaut, ersteigert sie ein Fahrrad im Internet, räumt die Spülmaschine aus oder schraubt ein Ikea-Regal zusammen.

Männer haben längst erkannt, was es damit auf sich hat: Von wegen multitask - wer stundenlang an der Strippe hängt, kann es sich zeitlich einfach nicht leisten, dabei nur regungslos an die Decke zu starren.

Ein bisschen neidisch ist er ja schon, manchmal jedenfalls.
Wenn sie beim Fernsehen bügelt, fragt er sich: ist das jetzt schon multitask?
Oder nur, wenn sie beim Bügeln fernsieht?
Ist es multitask, wenn eine Frau beim Lesen Kaugummi kaut oder sich während der Nachrichten die Nägel lackiert?

Eins ist sicher: Männer und Frauen werden mit zweierlei Maß gemessen. Würde ihr Mann sich die Nägel schneiden, während sie ihm etwas erzählt, müsste er sich als desinteressierter Ignorant beschimpfen lassen.

Dabei würde er so etwas nie tun. Jedenfalls nicht gleichzeitig. Schafft er gar nicht. (Deshalb stellt er lieber das Zuhören vorübergehend ein. Damit hat er sehr gute Erfahrungen gemacht.)

Eigentlich ganz praktisch, wenn man diese zweifelhafte Multitask-Fähigkeit nicht besitzt. Niemand erwartet von einem, beim Essen zu plaudern. Oder zu Atmen und gleichzeitig das Bad zu putzen.

Ach Gott, heißt es dann, ein Mann. Der kann froh sein, wenn er Kauen und Schlucken nicht verwechselt.
Wunderbar, so ein Männerleben. Einfach und strukturiert.
Immer eins nach dem an ...

Leider endet die Kolumne für heute an dieser Stelle.
Die Autorin muss unbedingt noch die Meditations-CD "Finde Deine Mitte" zu Ende hören, die sie vorgestern wegen eines Marathonlaufs unterbrechen musste. Dabei kann man übrigens wunderbar die Balkonpflanzen umtopfen. Außerdem ist gerade das Nudelwasser übergekocht. Und was mit den doofen Muffins passiert ist, wissen Sie ja.

(sueddeutsche.de)

Die Kolumne "Luft und Liebe" erscheint jeden Mittwoch auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/luftundliebe.

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Leserkommentare (48)



29.09.2007 17:18:12

Peter27: Besser geht's nimmer...

.. und der Schluss mit der Medi-CD "Finde deine Mitte" ist der Brüller der Saison. Oh wie wahr..!

Der Hinweis, dass der Mann sowohl Nägel schneiden und zuhören kann, aber als Ignorant dasteht, hm, das pure Leben.

Wenn Zerfahrenheit bei der Frau als Multitasking bezeichnet wird und jede Chaotin sich damit schmückt, dann ist das so wie die Geschichten aus dem Bett. Jede hat einen tollen Lover als Mann zuhause und doch wird fast in jedem Haushalt der Orgasmus vorgespielt..!


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