Von Werner Bartens

Medizin könnte eine schöne Disziplin sein. Wenn nur die Patienten nicht wären, lästern die Ärzte. Unser Autor war einer von ihnen. Ein Essay aus dem SZ-Magazin.

Der Patient: der Fluch des Hippokrates. (Foto: Marion Blomeyer)

Die Frau würde sterben, das wussten wir. Sie war seit fast dreißig Jahren zuckerkrank, seit sieben Jahren musste sie dreimal in der Woche an die künstliche Niere. Obwohl sie erst 61 Jahre alt war, sah sie schon aus wie achtzig. Diabetiker altern schnell, Dialysepatienten noch schneller. Vor vier Wochen hatte die Frau einen Herzinfarkt erlitten. Seitdem lag sie auf der Station, auf der ich als junger Assistenzarzt im ersten Ausbildungsjahr eingeteilt war. Es sah nicht gut aus für die Frau: Ihr drohte auch eine Blutvergiftung – über die Infusion in ihrer Halsvene und den Blasenkatheter konnte sie sich leicht infizieren.  
 
Täglich bekam sie Besuch von ihrem Mann. Er wollte sich nicht damit abfinden, dass die Frau, die ihm so nahestand, nicht mehr ansprechbar war. Hilfe suchend rief er auf dem Stationsflur hinter uns Ärzten her. »Herr Doktor, Herr Doktor, nur eine kurze Frage!« Wenn er einen von uns erwischt hatte, sagte er jedes Mal: »Warum? Sie hat doch den Zucker jetzt schon so lange. Warum nur?« Er fragte nach dem Warum, als glaubte er an einen göttlichen Strafkatalog oder einen tieferen Grund für das Sterben seiner Frau. Dumme Frage.


   Weiterlesen? - Im SZ-Magazin



"Das Ärztehasserbuch. Ein Insider packt aus" von Werner Bartens ist soeben bei Droemer Knaur erschienen.

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Leserkommentare (16)



12.05.2007 13:30:23

hefe60:

"Arzt meines Vertrauens?" - Der muss wohl erst noch geboren werden!


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