Als Bankkunde muss man in New York umdenken. Die Geldinstitute drängen einem ihr Vermögen derart auf, dass sich asozial vorkommt, wer noch keine Schulden hat.
Aufdringliche Banken: Der Verbraucher wird täglich mit Kreditangeboten bombardiert. Foto: AP
Als Bankkunde muss man in New York umdenken. Die meisten Sparkassen und Banken, mit denen ich bisher in Deutschland zu tun hatte, wollten vor allem eines: mein Geld. Sie boten mir lauter nette Anlageideen an, manchmal drängten sie mir diese richtiggehend auf.
In Amerika ist es gerade umgekehrt: Hier wollen die Banken zwar auch mein Geld, sie versuchen aber dadurch dranzukommen, dass sie mir zunächst ihres aufdrängen. Ich werde so sehr eingedeckt mit Kreditangeboten, dass ich mir fast asozial vorkomme, weil ich noch keine Schulden gemacht habe. Man braucht nur das Online-Portal meiner Bank zu öffnen, schon springt einem das erste Angebot ins Auge: "Ihr persönlicher Kredit: 5000 Dollar für nur 107 Dollar im Monat". Dahinter verbergen sich durchaus beachtliche Zinsen von 10,05 bis 25,99 Prozent.
Vorige Woche rief ich die Hotline meiner Kreditkarten-Gesellschaft an. Der Anrufbeantworter dirigierte mich zu Michael, einem freundlichen Mann, der in einem Call-Center in Indien saß.
"Können Sie mir erklären, woher der Betrag X auf der Abrechnung kommt?", fragte ich. "Ich mache das außerordentlich gerne" ("I’m more than happy to do this"), sagte Michael.
Dann legte er richtig los: "Ich merke, dass Sie besorgt sind wegen der Summe auf Ihrer Kreditkarten-Abrechnung?" - "Ich bin gar nicht besorgt, ich wollte die Summe nur wissen."
"Darf ich Ihnen trotzdem von unserem neuen Angebot XYZ berichten? Das setzt Sie in die Lage, die Rückzahlung ihrer Schulden um bis zu drei Monate zu strecken." - "Ich will aber gar nichts strecken."
"Darf ich Sie fragen, was Sie zögern lässt?" - "Ich habe keine Gründe. Mir reicht es, wenn Sie mich ab und zu über einen Kontostand informieren." - "I’m more than happy to do this."
Bis heute erstaunt mich immer wieder, wie sehr der Alltag hier vom Thema Schulden bestimmt wird. Das Erste, was die Leute von der Telefongesellschaft von mir wissen wollten, war meine "Kreditgeschichte". Erst danach waren sie bereit, über Handys und Gebühren mit mir zu reden.
Im Fernsehen werden die Verbraucher tagtäglich mit Kreditangeboten bombardiert. "Payday Loans" zum Beispiel, bei denen man sein Monatsgehalt verpfänden kann. Oder die ARMs, die im Zuge der Finanzmarktkrise der vergangenen Wochen traurige Berühmtheit erlangt haben.
ARMs - Adjustable Rate Mortgages - sind Hypothekenkredite, bei denen der Zins zunächst deutlich unter dem Marktniveau festgeschrieben wird, was ihn sehr billig aussehen lässt. Nach zwei Jahren jedoch steigt der Zins dramatisch, wobei der Schuldner durch hohe Strafgebühren daran gehindert wird, zur Konkurrenz zu wechseln.
Aber ist die Kreditkultur in Amerika wegen solcher oft grotesker Missbräuche komplett verkehrt? Viele Amerikaner konnten sich dank Krediten ihren Traum erfüllen, vor allem den vom eigenen Haus. Über sechzig Prozent aller Familien wohnen in den eigenen vier Wänden - viel mehr als in Deutschland
Die derzeitige Krise wird hoffentlich etliche Missbräuche im amerikanischen Kreditwesen beseitigen. Aber ich bin sicher, dass sich die Amerikaner auch danach noch mehr mit Schulden als mit Sparbüchern befassen werden.
Weiter zum Eintrag vom 17. September 2007: "Oktoberfest im Central Park"
(Sie sind jetzt auf Seite 1 von 4) nächste Seite
In diesem Artikel:





Die beliebtesten Vornamen
Gentleman oder Rüpel?
Weinisch für Angeber
Woher kommen die Schönen?
Hauptsache schön
Durchdrehen oder cool bleiben?
Wie ist Ihr Selbstbild?
Lippen-Erkenntnisse
Sind Sie fit für den Opernball?
"Bösartig sind die wenigsten"
Das Leben der Deutschen
Im Bikini zum Erfolg
Baust du noch?
Das Haar sitzt
Ausrutscher nach rechts
Keine Sterne in Athen
Vater und Sohn
Balzen beim Bananenweizen
"Sex ist ein Tabuthema"
Macht und Muse
Geschenkt ist geschenkt