Interview: Marten Rolff

Die 75-jährige Helga Haucke aus Neu-Anspach kämpft seit Wochen dagegen, für tot erklärt worden zu sein

Helga Haucke sagt, dass sie für ihre 75 Jahre noch sehr "fit und mobil" sei. Sie ist im Vorstand des Seniorenbeirates von Neu-Anspach im Taunus, engagiert sich im Lesekreis einer Grundschule und hat Freunde und Verwandte, die ihr helfen. Das ist ein Glück, denn in den vergangenen Wochen hat sich die Rentnerin häufig gefragt: Wie wehren sich eigentlich einsame und gebrechliche Leute, wenn Behörden so mit ihnen umspringen wie mit mir?

SZ: Hallo Frau Haucke, seit wann genau sind Sie jetzt schon tot?

Haucke: Ich habe von meiner Bank erfahren, dass ich am 3. November verstorben bin. Also vor gut drei Monaten.

SZ: Die haben Ihnen geschrieben?

Haucke: Ja, ich bekam einen Kontoauszug von der Berliner Sparkasse, auf dem vermerkt war, dass meine Rente für Dezember und Januar von der Rentenstelle wegen meines Ablebens zurückgebucht worden ist. Das Konto war schon wegen Unterdeckung gesperrt.

SZ: Wird einem da ein wenig mulmig, wenn man so etwas liest?

Haucke: Das kann ich Ihnen sagen, ich war erstmal völlig geschockt.

SZ: Sie wollten das dann natürlich richtigstellen bei Ihrer Bank.

Haucke: Zuerst habe ich dort angerufen, aber das brachte nichts, weil die gesagt haben, da könne ja jeder kommen. Also bin ich drei Tage später nach Berlin gefahren. Ich habe das Konto da noch, weil ich früher mal dort gewohnt habe.

SZ: Sie wollten denen gewissermaßen mal zeigen, dass Sie noch leben.

Haucke: Das war gar nicht leicht. Erstmal haben die mich mit dem Satz begrüßt: "Warum kommen Sie erst heute? Sie sind doch schon seit dem 3. November tot!"

SZ: Spätestens da sind Sie hoffentlich ein bisschen pampig geworden.

Haucke: Na, ich wusste doch gar nicht mehr, was ich sagen sollte. Ich war ja sowieso schon aufgeregt. Denen war vor allem wichtig, dass ich mein Konto ausgleiche, damit es nicht gelöscht wird. Und um das Konto entsperren zu lassen, habe ich dann meinen Personalausweis vorgelegt, das reichte denen aber nicht. Den Ausweis könne ja jeder haben, haben die gesagt. Zum Glück hatte ich eine Lebensbescheinigung dabei, die ich mir vorsorglich beim Einwohnermeldeamt besorgt hatte.

SZ: Eine Lebensbescheinigung. . .

Haucke: Ja, eine erweiterte Meldebescheinigung zur Vorlage bei Rentenversicherung und Bund. Da steht drin, dass die Behörde mir bestätigt, dass ich zum Ausstellungsdatum noch gelebt habe.

SZ: Alles muss seine Ordnung haben.

Haucke: Die Sparkasse hat aber lieber nochmal nachgefragt, ob das auch wirklich so stimmt. Und bei der Frankfurter Volksbank, bei der ich auch ein Konto habe, gab es dasselbe Spiel. Die hatten einen Brief an meine "Erben" adressiert und baten um Vorlage des Testaments - zwecks Regelung meines Nachlasses. In der Filiale gab es zum Glück weniger Ärger, weil die mich dort persönlich kannten.

SZ: Und keine Entschuldigung?

Haucke: Ach was, bis heute nicht. Keiner will schuld sein, keiner sagt, wie das passieren konnte: Weder das Einwohnermeldeamt, noch die Banken, noch meine Rentenstelle, die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte in Berlin.

SZ: Braucht man nicht einen Totenschein, um jemanden für tot zu erklären?

Haucke: Das dachte ich bisher auch.

SZ: Und Ihre finanziellen Einbußen?

Haucke: Die muss ich wohl einklagen. Ich warte bis heute darauf, dass mir die beiden Monatsrenten zurückgebucht werden. Die Bank sagte mir, dass sie keinen Zugriff auf das Konto der Rentenstelle hätte. Die BfA sagte mir, ich solle mich an ihre Auszahlungsstelle in Stuttgart wenden. Die habe ich nun schon dreimal angeschrieben, zuletzt über meine Anwältin. Die haben sich bisher nicht gemeldet.

SZ: Und was machen Sie ohne Geld?

Haucke: Ich habe zuerst sogar am Essen gespart. Zum Glück können meine Kinder mir aushelfen. Die Februarrente habe ich durchsetzen können, um wenigstens die Miete zu zahlen. Es ist zum Verrücktwerden. Mit einem Federstrich werde ich einfach so ausgelöscht, und dann bin ich die Dumme - weil ich noch lebe.

(SZ vom 7.2.2007)

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Leserkommentare (7)



07.02.2007 18:39:28

Carbopdm: Habe genau dasselbe erlebt

Also ich habe vor 1,5 Jahren mit meiner 90'jährigen Oma genau das selbe erlebt. Sie wohnt in einem Heim für betreutes Wohnen, was aus mehreren Aufgängen a,b,c.... besteht.

Die Rentenversicherung hat dem Postrentendienst diesen Zusatz zur Hausnr. 1a nicht mit übermittelt, was jahrelang niemandem auffiel, da die Post den Brief immer in den richtigen Briefkasten steckte. Auf einmal hat wohl der Zusteller gewechselt oder die Postler dürfen nicht mehr von sichaus korrigieren, jedenfalls wurde der Brief "Absender unbekannt" zurückgeschickt. Darauf fragte der Postrentendienst beim Einwohnermeldeamt an, die genauso bescheuert reagiert haben, in dem sie antworteten: Frau K. ist in der Haus Nr. 1 nicht gemeldet". Logisch, sie wohnt ja in der Hausnr. 1a , aber dass hat das Einwohnermeldeamt natürlich nicht mitgeteilt. Daraus schlussfolgerte der Postrentendienst, dann muss sie wohl verstorben sein, und holte genau wie in diesem Fall 2 Renten zurück, und die Berliner Volksbank hat sich genauso bescheuert angestellt und obwohl Oma dort noch ein Sparbuch mit über 60.000 EUR + Wertpapierdepot und Genossenschaftseinlage unterhält sofort die Miete und Stromrechnung zurückgehen lassen, ohne Oma überhaupt zu kontaktieren. Es ist echt schlimm wie da mit alten Menschen umgegangen wird, die dann natürlich Angst bekommen, wenn sie hören, die Miete ist nicht bezahlt. Das Geld nehmen sie gerne, aber wehe man hat mal ein Problem...

Dann steht man in der Bank im Zweifelsfall nur Zeitarbeitsfirmenpersonal gegenüber, die keine Handlungskompetenz haben auch nur irgendwas zu entscheiden, oder gerade neu sind oder oder oder.

Und auch in diesem Fall hat sich niemand entschuldigt, weder der Postrentendienst, noch die Rentenversicherung oder die Bank.

Am schönsten war der Hinweis der Deutschen Rentenversicherung Bund auf die Frage, wann das Geld nun gezahlt wird: "Also für diesen Monat sind die Überweisungen grad raus, da kann sie sich im nächsten Monat ja über die vierfache Rente freuen. Hat sie den kein Vermögen mehr, von dem sie bis dahin leben kann? Sonst müssen sie halt zum Sozialamt gehen und Überbrückungsbeihilfe beantragen..."


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