6. Februar 2013 11:18 Schmachtwort von Vicky Leandros "Der Partner sollte einem nicht zu ähnlich sein"

Gegensätze ziehen sich an, meint die Sängerin Vicky Leandros. Doch sind unterschiedliche Paare auf Dauer wirklich die besseren? Oder geht ihnen vielleicht sogar schneller die Luft aus - weil das, was man zunächst so aufregend fand, einen irgendwann nur noch aufregt.

Eine Kolumne von Violetta Simon

In wen man sich verliebt, kann man sich meist nicht aussuchen. Man muss sich nur in seinem Bekanntenkreis umschauen und überlegen, wie oft man sich schon gedacht hat: "Was will sie nur von dem?" oder "Was er bloß an der findet?" Vielen Menschen dürfte es so gehen, wenn sie Reiner Calmund und seine Frau Sylvia sehen. Er: ein "alter Sack", wie er sich selbst bezeichnet, ein Koloss von einem Mann, der stets zwei freie Hände braucht, um in regelmäßigen Abständen seinen Hosenbund hochzuziehen. Sie: jung genug, aber beinahe ein wenig zu attraktiv, um seine Tochter zu sein. Er nennt sie Liebchen, sie ihn Moby.

Alles begann, als sie als Assistentin bei Bayer Leverkusen anfing. Wer für Calmund arbeitet, so heißt es, freue sich aufs Sterben. Das könnte in den Augen der Zweifler ein Grund gewesen sein, warum sich Sylvia dazu entschloss, lieber seine Frau zu werden, als seine Sekretärin zu bleiben. Wie auch immer, auf jeden Fall hatten sich die beiden ineinander verliebt. Wenngleich Sylvia zunächst sehr zurückhaltend gewesen sein muss: "Da war unser Altersunterschied", sagte sie. Und, nicht zu vergessen: "der große Gewichtsunterschied". Mit anderen Worten: die perfekte Voraussetzung für eine glückliche Beziehung. Schließlich heißt es ja: Gegensätze ziehen sich an. Wer weiß, vielleicht steht sie einfach auf dicke Bäuche, weil sie selbst keinen hat.

Auch Vicky Leandros, Chansonnière mit mehrfacher Ehe- und Beziehungserfahrung, setzt auf die kleinen Unterschiede: "Wenn der Partner einem nicht zu ähnlich ist, ist das sehr spannend", sagte sie der Bunten in einem Interview. Weil man so viel Neues erfahren und lernen könne.

Dass sie damit nur sehr eingeschränkt recht hat, die Vicky, sieht man an zahlreichen Beispielen: Claudia Schiffer, Deutschlands ewiges Supermodel und Lagerfeldmuse, ist glücklich verheiratet mit Matthew Vaughn, ein kleingewachsener Filmproduzent mit lichtem Haar. Die elfengleiche Cate Blanchett bezeichnet Andrew Upton, Drehbuchautor und Regisseur mit hobbitartigem Knautschgesicht, als Liebe ihres Lebens. Das einstige Übergrößen-Model Sophie Dahl hat sich in den niedlichen Musiker Jamie Cullum verguckt. Die hühnenhafte Blondine und das wuschelhaarige Babyface trennen nicht nur 20 Zentimeter in der Länge: Er ist zierlich wie ein Vögelchen, ihr Körperbau erinnert eher an den einer Kugelstoßerin. Trotzdem funktioniert's. Weil der Unterschied nur äußerlich ist.

Selbst Marilyn Monroe und Arthur Miller hatten eine tolle Zeit, aber nur vorübergehend. Es konnte ja auch nichts werden - die wasserstoffblonde Sexbombe und der gesellschaftskritische Dramatiker harmonierten optisch perfekt und hatten inhaltlich nichts gemeinsam. Auch diverse Hollywoodschauspielerinnen oder Popdiven und ihre dekorativen Toyboys gönnten sich den Spaß, in die ungewohnte Welt des jeweils anderen einzutauchen. Bis ihnen klar wurde, dass sie dort nicht das Geringste zu suchen hatten. Und dass zu einer Liebe mehr gehört als guter Wille und die Faszination am Fremden.

Natürlich kann ein kleiner Mann eine große Frau, ein dünner eine dicke - oder umgekehrt - heiraten. Vorausgesetzt, es handelt sich nicht gerade um die Kombination Metzgermeisterin/Veganer oder Swinger/Zeugin Jehovas. Denn es stimmt zwar, dass Gegensätze sich anziehen. Doch ist gerade dieser Gegensatz nach einer gewissen Zeit Anlass für die Entfremdung. Weil das, was man zunächst so aufregend fand, einen irgendwann nur noch aufregt.

Eine ähnliche Einstellung, die gleichen ethischen Werte oder ein paar gemeinsame Interessen können also nicht schaden, wenn man mehr als drei Wochen zusammenbleiben will. Sicher kann eine anmutige Szenemieze wie Sophia Thomalla mit einem doppelt so alten Rohling wie Till Lindemann Spaß haben. Wenn sie damit klarkommt, dass er auf der Bühne in Kunstblut badet und sich hin und wieder anzündet, steht vielleicht sogar einem gemeinsamen Bausparvertrag inklusive Familienplanung nichts im Weg. Könnte aber auch sein, dass sie es schon bald leid ist, den Geruch seiner verkokelten Haare zu ertragen. Und dass er bei ihren gekünstelten Blitzlicht-Posings auf dem Roten Teppich das dringende Bedürfnis verspürt, die Kettensäge anzuwerfen.

Doch wer sagt eigentlich, dass eine Beziehung nur dann gut ist, wenn sie möglichst lange hält? Bis es so weit ist, können beide Seiten sicher viel voneinander lernen. Und eine Menge Spaß haben. Mit ein wenig Glück kann die Veganerin den Metzgermeister überzeugen. Und der Swinger die Zeugin Jehovas. Oder umgekehrt. Das wäre dann der Beginn einer wunderbaren - unter Umständen aber auch unerträglich langweiligen - Beziehung.