9. Februar 2013, 16:59 Kontrollwahn in der Kindererziehung Die Wachablösung

Peilsender im Schulranzen, GPS im Handy: Viele Eltern würden gerne ganz genau wissen, wo sich ihre Kinder herumtreiben. Sie wollen sie beschützen, indem sie sie kontrollieren. Und nehmen ihnen damit die Eigenständigkeit.

Von Petra Steinberger

Wie es sich für einen ordentlichen amerikanischen Dad gehörte, begleitete Paul Wallich seinen kleinen Sohn, gerade Schulanfänger, jeden Tag zur Bushaltestelle, weniger als 400 Meter vom Heim der Familie entfernt. Aber die Wintermorgen in Vermont können kalt sein, und lieber wäre Paul Wallich daheim geblieben.

Also baute er sich aus einem ferngesteuerten Spielzeughubschrauber, einer Lithiumbatterie und einem Smartphone seine ganz private Überwachungsdrohne, steckte einen Sender in den Schulranzen seines Jungen - und konnte nun vom Computer aus verfolgen, ob der Bub die tägliche Strecke zum Schulbus schaffte, ohne erschöpft im Schnee zu erfrieren. Das inzwischen hinlänglich bekannte Bild der "Helikopter-Eltern", hier war es Wirklichkeit geworden.

Man könnte diesen Vater nun für übergeschnappt halten, für krankhaft kontrollsüchtig, so wie jene Bloggerin, die über ihn schrieb: "Ich HABE bereits eine Erfindung, die ihn schützen würde, während Dad drinnen im Warmen bleibt. Sie heißt VERTRAUEN." Aber neben Kopfschütteln gab es auch viel Anerkennung: für den Erfindungsgeist des Vaters genauso wie für seine Fürsorge.

Viel hat sich geändert seit jener Zeit, da die meisten Kinder noch allein zur Schule marschieren durften, unbewacht, sorgenfrei, dafür mit mancherlei Abkürzungen durchs Dickicht, bei denen sie stets hofften, verborgene Schätze oder richtig lebendige Wildtiere zu entdecken.

Heutzutage wartet im Dickicht vor allem eines: eine unbekannte, aber jedenfalls latente Gefahr. Das wird den Kindern eingeschärft wie einst Rotkäppchen, das allerdings genauso wenig auf dem richtigen Weg blieb wie alle anderen Kinder zu allen anderen Zeiten. Eltern wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist; also werden die Kleinen und nicht ganz so Kleinen vorsorglich mit immer neuen technischen Gadgets ausgestattet, mit kleinen GPS-Sendern, mit Smartphones und Armbanduhren. Die schlagen Alarm, sobald sich das Kind mehr als ein paar Meter vom vorgegebenen Weg entfernt, und Mama, in Panik, kann die Polizei rufen.

Mit dem guten alten Babyfon, der Urmutter aller Überwachungsgeräte, fing alles an. Es gab dann ein paar Jahre später einige ethische Bedenken, als Eltern begannen, die Kinderzimmer heimlich mit Kameras auszustatten, um Kinder, aber vor allem deren Babysitter zu überwachen. Das verletze das Recht auf Privatsphäre, konnte man damals oft hören. Doch das Thema Sicherheit hat solch zarten Einwürfe längst beiseitegeräumt. Inzwischen werden in manchen Geräten Geschwindigkeitsmesser eingebaut, die feststellen, ob der Sohn zu schnell über den Highway jagt; Melder, die feststellen, wann genau die Tochter von der Party zurückgekommen ist - und theoretisch können sie über das eingebaute Mikrofon ja auch noch herausfinden, mit wem.

Berg Insight, eine Firma, die Marktanalysen und Reports für die IT-Branche anfertigt, prophezeit, dass bis 2016 an die 70 Millionen Amerikaner und Europäer ihre Familienangehörigen mit solchen Tracking-Geräten überwachen werden.

Das Geschäft mit der Angst ist außerordentlich lukrativ - da stellt sich irgendwann die Frage, ob die Hersteller nur auf die Nachfrage reagieren oder ob es nicht auch in ihrem eigenen Interesse liegt, den Ängsten der Eltern um ihre Zöglinge ein wenig, nun ja, nachzuhelfen.

Sicher, manches ergibt Sinn. Sender wurden zunächst häufig eingesetzt, um autistische Kinder, die oft weglaufen, zu überwachen. Bei älteren Menschen, die etwa an Demenz leiden, kann ein Ortungssystem ebenfalls wichtig sein. Und auf kanadischen Farmen tragen viele Kids inzwischen Armbänder, die ein Radiosignal aussenden, das angibt, wie weit sie von laufenden Agrarmaschinen entfernt sind. Beliebt sind Tracking-Geräte auch bei lateinamerikanischen Eltern, die Angst vor Entführungen haben. Wobei nicht klar ist, wie diese verhindert werden sollten. Profis finden so einen Sender zweifellos schnell und werfen ihn weg. Vielleicht geht der nächste Schritt dahin, solche Sender gleich zu implantieren.

Bei solchen Überlegungen wird schnell klar: Wo hört die möglicherweise gerechtfertigte Sorge auf, wann beginnt der Irrsinn? Ist ein Sender in der Kindermatratze, der Alarm auslöst, sobald das Baby mehrere Sekunden nicht atmet, schon Panik? Oder löst er nicht gerade noch mehr Angst aus, weil man, wenn man nichts hört, nie sicher sein kann, ob das Ding überhaupt funktioniert? Ist eine Tracking-App, die gleich noch mit angibt, wo in der Gegend bekannte Sexualstraftäter wohnen, sinnvoll oder schon übergriffig? Denn eines muss klar sein: Absolute Sicherheit gibt es nicht, kann es nicht geben. Absolute Sicherheit, die Abwesenheit jeglichen Risikos, funktioniert nur in einer Welt, in der man sich am besten gar nicht mehr bewegt.

Aber vor allem: Was macht eine konstante Überwachung eigentlich mit den Überwachten? Ein alter Mensch mit schwerem Alzheimer wird wohl nie mehr in seinem Leben eine selbstgewählte Entscheidung fällen. Er muss und kann mit einem bewusst eingegangenen Wagnis nicht mehr allein umgehen. Ein Kind hingegen sollte gerade das lernen: eine Situation selbständig einzuschätzen, Gefahr zu erkennen und damit umzugehen. Das kann es aber nur, wenn man es auch lässt.

Und ja, es kann schiefgehen. Es kann sehr schlimm enden. Aber die Alternative wäre ein Leben ohne Selbstvertrauen, ohne Selbständigkeit, ohne eine gesunde Selbsteinschätzung.

Als übrigens Paul Wallich im Dezember auf der Webseite ieee Spectrum seine Helikopterdrohne vorstellte, kritisierten viele Leser seinen offenbar übersteigerten Überwachungsdrang zunächst. Doch andere Stimmen kamen der Wahrheit vielleicht näher: Der Mann brauchte einfach eine gute Ausrede, um mal was richtig Cooles zu bauen - natürlich nur der Sicherheit unseres Jungen wegen, Honey!