24. Dezember 2012 15:48 Knigge für die Feiertage So kommen Sie gefahrlos durch Weihnachten

An Weihnachten kann man ganz viel richtig machen, aber auch alles falsch: Dürfen Nichtgläubige in die Christmette? Sollte man sich zum Fest fein machen? Muss man bei missglückten Geschenken Freude heucheln? Wir haben gefragt - Experten haben geantwortet.

Missbraucht man die Kirche als Eventbude, wenn man nur zu Weihnachten hingeht?

"Ich freue mich über jede einzelne Person, die zu Weihnachten in die Kirche kommt. Wenn Gott für alle da ist, dann muss es demütig und bescheiden erst recht unsere Kirche sein. Mir tut es sehr weh, dass die Kirche so viele Menschen verliert. Sie muss die Leidenschaft für die Menschen neu entdecken, ganz besonders in unserem Land. Kommen Sie in die Räume der Kirche, die großen, die bescheidenen. Lassen Sie sich rühren von den vielen, die sich versammeln. Einem jeden von uns, besonders denen in den fernen Ecken, soll das Herz aufgehen: Gott schaut mich an, er traut mir etwas zu."

Dr. Hans-Jochen Jaschke ist Weihbischof des Erzbistums Hamburg.

Darf man Weihnachtsgrüße per E-Mail versenden?

"Grundsätzlich kann man Weihnachtsglückwünsche in jeder Form übermitteln, ob telefonisch, persönlich, per Mail, per Facebook oder per Post. Ich würde aber zur Karte raten, weil gerade im Zeitalter der elektronischen Kommunikation die Post viel mehr Wertschätzung ausdrückt. Derjenige, der die Weihnachtsgrüße sendet, hat sich eine Karte ausgesucht, sie von Hand beschrieben, eine Briefmarke gekauft, den Weg zum Briefkasten auf sich genommen. Das alles drückt eine enorme Wertschätzung aus in unserer schnellen Kultur. Alternativ kann man auch anrufen - das ist viel charmanter, als wie Millionen andere eine Sammel-E-Mail rauszuhauen. Wenn es aber partout eine Mail sein soll, dann bitte mit persönlicher Anrede und einem Text, der so wenig floskelhaft ist wie möglich. Weihnachtswünsche per SMS finde ich ganz schrecklich. Für mich markiert eine SMS zum Fest das Ende der Skala der Unpersönlichkeit."

Rainer Wälde ist Mitbegründer und Vorsitzender des Deutschen Knigge-Rates.

Sollte jemand, der mehr Geld hat, auch mehr Geld für Geschenke ausgeben?

"Wäre es denn gut, wenn alle immer gleich viel ausgeben? Was sollten dann Kinder ihren Eltern unter den Baum legen? Im Gegenzug zur Eisenbahn oder zum neuen Smartphone etwas im gleichen Wert? Das hieße lange sparen; strahlende Kinderaugen wären vermutlich schnell passé, das Ganze also nicht sehr weihnachtlich. Nun liegt dem Schenken hier von Anfang ein asymmetrisches Verhältnis zugrunde, und darin scheint mir auch das Problem zu bestehen: Ungleiche Geschenke werden oft als Ausdruck eines ungleichen Verhältnisses empfunden. Aber nur dann, wenn man im Schenken einen Austausch sieht - wie es leider zu Weihnachten sehr oft der Fall ist. Geht es beim Schenken hingegen mehr um die beim Gegenüber ausgelöste Freude oder gar darum, gemeinsam möglichst gut zu leben, wären diese Überlegungen gar kein Thema. Deshalb spricht viel dafür, dass die, denen es leichter fällt, mehr geben. Außer es besteht die Gefahr, dass die großzügig Beschenkten beschämt werden und sich womöglich mit Gegengaben übernehmen. Dann sollten sich lieber beide zurückhalten. Wann das der Fall ist? Das wissen wohl am ehesten die Beteiligten. Vorausgesetzt, sie versuchen ein Gespür füreinander zu entwickeln. Aber das ist ohnehin keine schlechte Übung."

Der Kolumnist Rainer Erlinger beantwortet jede Woche die "Gewissensfrage" im SZ-Magazin.

Sollte man alleinstehende Verwandte an den Festtagen zu sich einladen, obwohl sie einem nicht nahestehen?

"Gegenfrage: Haben Sie wirklich Lust auf Tante Hildegard? - Wenn ja, nur zu. Wenn nein, lassen Sie es. Weihnachten ist das Hochamt der Wir-sollten-Tage: Geschenke, Festessen, besinnliches Familienleben im Hauruck-Modus. Was für ein Stress! Aber vielleicht ist Tante Hildegard ja sogar eine Bereicherung, und durch die Einladung entsteht ein netter Kontakt. Entscheidend ist: Sprechen Sie mit den anderen Familienmitgliedern und dann mit dem potenziellen Besuch. Wer wünscht sich was? Offene Kommunikation ist die beste Enttäuschungsprophylaxe."

Hartwig Hansen ist Paar- und Familientherapeut in Hamburg und Autor verschiedener Fachbücher.

Darf man Muslimen ein frohes Fest wünschen?

"Jeder Muslim würde diesen Wunsch positiv aufnehmen, weil er ja nett gemeint ist. Dennoch wäre es so, als würde man jemandem zum Geburtstag gratulieren, der an dem Tag nicht Geburtstag hat. Passender wäre es, schöne Feiertage zu wünschen, das spricht alle gleichermaßen an. Die Frage, ob Angehörige einer Religion Feste einer anderen Religion feiern dürfen, wird von Theologen unterschiedlich beantwortet. Einhellig wird ein gemeinsames Feiern abgelehnt, wenn man dabei die Glaubenssätze der anderen Religion, die konträr zur eigenen stehen, durch die Teilnahme am Fest bestätigt. Es kommt also auf die Absicht an, mit der man teilnimmt. Sieht man als Muslim das Weihnachtsfest als Fest der Christen und als gesellschaftliches Ereignis an, spricht meiner Ansicht nach nichts dagegen, als Gast teilzunehmen. Es würde aber zu weit gehen, von Muslimen das Aufstellen von Weihnachtsbäumen als Zeichen der Integration zu erwarten."

Nurhan Soykan ist Generalsekretärin des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Sie arbeitet als Rechtsanwältin.

Müssen Geschwister gleichwertige Geschenke bekommen?

"Wenn ,gleichwertig' den Preis meint, dann ist das egal. Kinder achten nicht darauf, wie viel ein Geschenk gekostet hat, sondern darauf, ob ihr Wunsch erfüllt wurde. Natürlich haben Eltern das Bedürfnis, ihre Kinder einigermaßen gleich zu beschenken. Wenn ein Kind einen teureren Wunsch als seine Geschwister hat, können Eltern versuchen, das größere Hauptgeschenk durch weitere kleine Geschenke für die anderen auszugleichen - meistens liegt ja mehr als ein Päckchen pro Kind unter dem Baum. Insgesamt sollte man natürlich darauf achten, dass es einigermaßen ausgewogen ist, damit sich niemand benachteiligt fühlt. Allerdings muss man auch Altersunterschiede berücksichtigen: Wenn etwa die Tochter 14 Jahre alt ist und der Sohn erst acht, kann sie auch ein teureres Geschenk bekommen."

Michael Winterhoff ist Kinder- und Jugendpsychiater und hat mehrere Erziehungsratgeber geschrieben.

Soll man auch Haustieren etwas zu Weihnachten schenken?

"Es ist eigentlich eine schöne Sache, ein Haustier in die Atmosphäre des Weihnachtsfestes mit einzubeziehen. Wenn man etwa dem Hund einen extragroßen Knochen schenkt, ist das ein Zeichen, dass er zur Familie gehört. Beim Kauf von Geschenken für Tiere warnt der Deutsche Tierschutzbund vor nicht artgerechten Spielzeugen, etwa Laserpointer für Katzen, Röhrensysteme aus Plastik für Hamster oder Spiegel für Wellensittiche. Für Hunde geeignet sind Geschenke aus Vollgummi ohne Weichmacher oder Stoff. Wer sich an Weihnachten an den Bedürfnissen seines Tieres ausrichtet und es vor Gefahrenquellen wie Geschenkpapier, Lametta oder Kerzenwachs schützt, der erlebt sicher ein freudiges Zusammensein."

Marius Tünte ist Sprecher beim Deutschen Tierschutzbund.

Sollten kinderlose Arbeitnehmer Feiertagsdienste übernehmen, damit die Kollegen mit Kindern zu Hause sein können?

"Grundsätzlich: ja. Kollegen ohne Kinder sollten bei den freien Tagen an Weihnachten den Familien mit Kindern den Vorrang lassen. Trotzdem sollte es eine gerechte, partnerschaftliche Aufteilung geben - kinderlos heißt ja nicht, dass man keine Familie hat, da gibt es auch Eltern, Geschwister, Partner und Freunde, mit denen man feiern möchte. Es darf nicht sein, dass diejenigen ohne Kinder da ausgenützt werden."

Christa Stewens ist CSU-Politikerin und ehemalige bayerische Familienministerin, sie hat sechs Kinder und 22 Enkel.

Darf man sich weigern, Weihnachtslieder mitzusingen?

"Wo ich auftauche, traut sich keiner, sich zu weigern. Ich rufe ,Los geht's!' - und schon geht's los. Dem Menschen wurde eine schöne Stimme geschenkt, er braucht also nur den Mund aufzumachen, schon klingt alles. Es ist falscher Stolz, diese Gabe nicht zu nutzen. Menschen mit Singkomplexen sind häufig sogar besonders musikalisch. Wer keine Ahnung hat, singt eher unbefangen los. Die Verweigerung unterm Weihnachtsbaum ist ein Sonderfall, da geht es oft um ganz andere Dinge. Konflikte zum Beispiel, aber das hat ja mit dem Singen nichts zu tun. Sollte einer aber tatsächlich keinen Mut haben, muss man ihn ermuntern. Ich empfehle ,Stille Nacht'. Weltweit ein deutscher Exportschlager, bei dem regelmäßig alle Dämme brechen. Die Melodie ist eingängig und rührt alle an. Da fallen Leute sogar in Kapstadt im Hochsommer drauf rein. Gesummt von Tausenden Menschen klingt das wie ein leichter Wind über dem Meer. Phantastisch!"

Gotthilf Fischer ist Leiter der Fischer-Chöre und füllt Hallen und Plätze weltweit.

Muss man so tun, als ob man sich freut, obwohl einem das Geschenk nicht gefällt?

"Ja, unbedingt. Es geht um Schadensbegrenzung. Und den Mund zu einem erkennbaren Lächeln verziehen, tut ja nicht weh. Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn Sie Ihren Unmut zeigen: Das kommt undankbar und lieblos rüber. Ein gutes Richtmaß in allen Dingen ist die Frage: Wie gehen Kinder damit um? Im Fach Pragmatik macht ihnen niemand etwas vor. Kinder würden in diesem Fall einen spitzen Schrei ausstoßen, deutbar als Ausdruck purer Begeisterung. Und dann würden sie ein anderes Spielzeug entdecken und sich ihm so hingebungsvoll widmen, dass das missglückte Geschenk in Vergessenheit geriete. Was aus dem freudig entgegengenommenen, elegant ignorierten Geschenk werden soll? In irgendeiner Schublade ist immer Platz. Und nach Neujahr trifft man sich ohnehin wieder mit Freunden, um sich auszutauschen und - ja, auch um zu tauschen. Heimlich, versteht sich. Sie wollen lieber die Wahrheit sagen? Dann laufen Sie Gefahr, sich und Ihr Gegenüber unglücklich zu machen."

Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph und Buchautor in Berlin.

Sollte man sich zu Weihnachten fein anziehen?

"Es gibt ein Kinderbild von mir, das in der Weihnachtszeit entstanden ist: Ich stehe vorm Schrank mit einem doppelreihigen Matrosenanzug mit Goldknöpfen und Litzen und langer, weiter Hose. Dazu kriegte ich immer Zuckerwasser in die Haare, damit die mir bloß nicht ins Gesicht flogen, und meine Großmutter ging mit Schmalzpapier noch einmal oben drüber, damit sie schön glänzten. Das war eine schlimme Prozedur. Wie sollte ich in diesem Aufzug mit meinen Freunden spielen? Heute macht es mir Spaß, in der Wahl meiner Kleidung an Weihnachten leise zu rebellieren. Ich schlage vor, leise underdressed oder leise overdressed zu erscheinen. Samt und Brokat kommen gut im Kerzenlicht!"

Wolfgang Joop ist Designer und Eigentümer des Potsdamer Labels Wunderkind.

Darf man dem Partner ein Geschenk kaufen, obwohl vereinbart ist, dass man sich nichts schenkt?

"Ja, das darf man, denn so eine Vereinbarung gleicht einem unsittlichen Vertrag, den es zu brechen gilt. Ein Geschenk - vor allem, wenn es von Herzen kommt - zeigt eine Beziehung zu jemandem an, der Vorgang des Schenkens ist eine schöne Dokumentation dieses besonderen Verhältnisses. Das gegenseitige Verbot, sich etwas zu schenken, stellt eine Herabwürdigung dieser Beziehung dar. Sicher: Ist die Vereinbarung einmal getroffen, und einer der Partner überreicht an Heiligabend trotzdem ein Geschenk, mag sich der Beschenkte düpiert und betrogen fühlen, weil er nichts zum Zurückschenken hat. Das zeigt jedoch ein ganz anderes Problem an: das Missverständnis, dass auf Geschenke wie beim Tausch mit einem Gegengeschenk zu reagieren ist. Tatsächlich sollte der Schenkende nie darauf spekulieren, dass der Beschenkte sich mit einer gleichwertigen Gabe revanchiert. Sonst könnte man sich an Weihnachten einfach gegenseitig 50-Euro-Scheine aushändigen, und die Rechnung ginge gerecht auf."

Arnold Retzer arbeitet als Paartherapeut und Buchautor in Heidelberg.

Muss man sich an Weihnachten den Kindern zuliebe mit dem oder der Ex vertragen?

"Nein. Ein Sich-Vertragen per Beschluss funktioniert nicht, da kann man sich noch so bemühen. Kinder merken sofort, wenn sich die Eltern eigentlich nicht riechen können, am Heiligen Abend aber Harmonie vorspielen. Kinder haben ein feines Sensorium für angespannte Stimmungen und unterdrückte Gefühle, das haben viele Studien bestätigt, denen kann man nichts vormachen. Das gilt im Kleinen für Weihnachten und das gilt im Großen für Ehen, die nur wegen des gemeinsamen Nachwuchses geführt werden. Besser ist es, man einigt sich darauf, mit wem von beiden Elternteilen die Kinder den 24. Dezember feiern, und wen von beiden sie dann zeitnah besuchen, um dort ein zweites Mal Weihnachten zu feiern. Kinder haben in der Regel überhaupt nichts gegen ein zweimaliges Weihnachten."

Hans Jellouschek ist Psychotherapeut und Buchautor.

Ist es okay, nach der Bescherung in die Kneipe zu gehen?

"Unbedingt! Eigentlich sollten alle Bars am Heiligen Abend geöffnet haben, das ist viel wichtiger als an allen anderen Tagen des Jahres. Ich würde sofort aufmachen, wenn meine Leute mitmachen würden. Bevor es daheim unter dem Baum ausartet, sollten einfach alle zusammen einen trinken gehen."

Charles Schumann betreibt die Bar "Schumann's" in München.

Darf man etwas verschenken, das einem selbst Nutzen bringt?

"Bedient man sich ein wenig bei Aristoteles und Kant, dann muss die Antwort ,jein' lauten. Das Schenken ist ja eine Spezialform des Tausches. Korrekt ausgedrückt manifestiert der Schenker - materialisiert durch seine Gabe - die Anerkennung des Beschenkten. Doch dieser Tausch muss auf gegenseitiger Freiwilligkeit beruhen. Man schenkt, das ist ganz wichtig, in erster Linie um des anderen Willen. Das Idealbild wäre demnach die sogenannte reine Gabe, wie sie zwischen Menschen erfolgt, die sich lieben. Wäre die primäre Intention dagegen die Gegenanerkennung oder gar der Nutzen für mich, so würde das Geschenk sofort entwertet. Das bedeutet aber nicht, dass der Schenker keinen Nutzen von einem Geschenk haben darf. Es muss sich bei diesem Nutzen nur um eine Art positiven ,Kollateralschaden' handeln. Ich darf meiner Frau also eine Kreuzfahrt zu Weihnachten schenken, auf die ich sie selbst begleite. Doch idealerweise sollte ich davon ausgehen können, dass sie sich aufrichtig darüber freut. Wenn sie lieber Safaris mag und ich der Traumschiff-Fan in dieser Ehe bin, dann kriege ich unter dem Tannenbaum ein Problem. Dann ist es im strengen Sinne auch kein Geschenk mehr."

Professor Armin Wildfeuer lehrt Sozialphilosophie und Ethik an der Katholischen Hochschule Nordrhein Westfalen.

Darf man mit dieser Zeitungsseite nach der Lektüre ein Geschenk verpacken?

"Ist es nicht das Schönste, was einer Zeitungsseite passieren kann - erst gelesen, und dann auch noch verschenkt zu werden? ,Dual use' bezeichnet üblicherweise die Nutzung eines Wirtschaftsguts sowohl zu zivilen als auch militärischen Zwecken. Die Nutzung einer Zeitungsseite erst zum Zwecke der Lektüre und dann zum Einpacken - das ist der beste ,Dual use', den ich kenne."

Heribert Prantl ist Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung.

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