11. Februar 2013 08:37 Kinder - der ganz normale Wahnsinn So gehst du mir nicht aus dem Haus!

Der Rock war vor einem halben Jahr noch ein Gürtel, der Ausschnitt endet kurz vor dem Bauchnabel und die Eltern erkennen die brave Tochter nicht wieder. Beim Streit über die Kleiderwahl von pubertierenden Mädchen fallen dann Sätze, die Mütter und Väter eigentlich niemals sagen wollten.

Eine Kolumne von Katja Schnitzler

Und dann sagte die Mutter diesen Satz, den sie zuletzt vor 30 Jahren von ihrer eigenen Mutter gehört hatte. Damals hatte sie sich geschworen, falls sie jemals Kinder haben sollte, dass sie niemals, nie in ihrem Leben diesen Satz über die Lippen bringen würde. Er war fast so schlimm wie "Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst ...". Doch nun brach die Mutter ihren Schwur, sagte diesen Satz, ach was, zischte ihn, blass vor Wut: "Sssso gehst du mir jedenfalls NICHT aus dem Haussss!"

Vor ihr stand ihre Teenager-Tochter in Shorts, die den Po-Ansatz nicht nur erahnen ließen, und einem Oberteil mit so weitem Ausschnitt, dass sich die Tochter nicht einmal vorlehnen musste, um den Blick auf ihren Bauchnabel freizugeben. Nur dürfte sich wohl kaum jemand für den Nabel interessieren.

Hinter der Mutter lag eine hitzige Diskussion über Mindestlängen, über Ursache und Wirkung und über Absatzhöhen, die für eine Jugendliche nicht nur gesundheits- sondern auch rufschädigend seien. Leider prallten ihre immer erregter vorgebrachten Argumente an der pubertären Überzeugung ab, dass Eltern niemals recht haben und ihre Ansichten per se überholt sind.

Es war noch gar nicht so lange her, da hatte die Tochter beim Kleiderkauf höchstens darauf geachtet, dass sie in den Hosen gut klettern, radeln, rennen konnte und auf dem Shirt vielleicht ein Tierkind aufgedruckt war. Heute kletterte, radelte und rannte ihre Tochter nicht mehr. Kein Wunder, bei den Absätzen.

Diese Veränderung war mit dem Schulwechsel und neuen Freundinnen gekommen. Die studierten Modehefte mit derselben Intensität wie früher Pferdecomics. Nun wünschten sich die Mädchen nicht mehr ein eigenes Pony, was argumentativ leicht abzuwenden war (kein Geld, kein Platz, keine Zeit - generell zu groß). Jetzt erfüllte sich die Clique ihre Wünsche einfach selbst, zog allein los und kehrte mit Einkäufen zurück, die auf roten Teppichen nicht aufgefallen wären. Beim Bäcker an der Ecke aber durchaus.

Doch wenn die Mutter jetzt argumentierte (zu kurz, zu tief, zu übertrieben - generell zu sexy für 14-Jährige) und das trotzige Kind zum Kleider-Umtausch schickte, würde es sich die Mode seiner Wahl einfach von Freundinnen leihen, deren Eltern "viel toleranter, modischer, netter sind als ihr!". Vielleicht hatten sie auch ein Kleider-Geheimversteck auf dem Weg zur Schule, in dem sie sich von netten Mädchen in aufreizende Lolitas verwandelten und dann die Arbeit auf einer Großbaustelle lahmlegten.

So berichtete die Nachbarin, sie habe die Tochter vor der Schule neulich gar nicht erkannt. Sie habe gedacht, die Tochter sei "nun ja, eine ... sagen wir ... also ... sah sie so anders aus in dem kurzen Röckchen. Und in dem Top. Und mit der Schminke".

Und so sagte die Mutter am folgenden Tag diesen Satz an der Haustür. Noch während sie ihn zischte, sah sie, wie die Tochter sich innerlich verschloss. Auch für sie war die Diskussion beendet. Langfristig. Das hatte die Mutter nicht gewollt. Sie atmete tief ein und dachte daran, wie sie sich damals gefühlt hatte, als ihre Mutter diesen Satz gesagt hatte: gekränkt, unverstanden, ungeliebt. Schließlich hatte auch sie sich mit viel Sorgfalt gestylt, auch wenn man das damals noch nicht so nannte.

"Also gut", sagte sie daher zu ihrer Tochter, "ich habe dir ja erklärt, dass ich mir Sorgen mache, wenn du dich so aufreizend anziehst. Aber du bist alt genug, das zu entscheiden. Ich sage dazu ab sofort nichts mehr." Die Tochter war misstrauisch ob des plötzlichen Sinneswandels: "Gilt das auch für Omas Geburtstag am Wochenende?"

Kinder - der ganz normale Wahnsinn Verliebt in den Falschen

Wenn Teenager den ersten Freund mit nach Hause bringen, haben Eltern schon ein Bild von ihm im Kopf, manchmal sogar ein ideales. Dumm, wenn vor der Tür ein ganz anderer steht.

Die Mutter schluckte. Überlegte. Nickte. Die Tochter lächelte zufrieden und stöckelte aus dem Haus.

Am Samstagmorgen verkniff sich die Mutter: "Findest du nicht, das ist ein wenig ...", "So kannst du doch nicht ..." und "Ist das dein Ernst?" Auch der Vater war über die neue Strategie informiert, wenn auch nicht völlig überzeugt. "Hoffentlich hat sie wenigstens eine Unterhose an", knurrte er der Mutter zu, weil der Minirock zumindest den Namen "Rock" zu Unrecht trug. Hatte sie. Das sah die familiäre Festgesellschaft, als die Tochter aus dem Auto stieg.

Die Tochter missinterpretierte die Aufmerksamkeit und genoss sie. Die Mutter schämte sich, aber schwieg. Die Tochter stolzierte zum Haus der Großmutter, im Geist hörte sie wohl die Rufe der Fotografen und blinzelte im imaginären Blitzlichtgewitter. Der penetrant direkte Onkel - das zumindest graue Schaf der Familie - störte die Illusion: "Mädchen, aus dir ist ja eine Frau geworden!"

Die Tochter lächelte geschmeichelt. "Und Beine bis zum Po", sagte der Onkel und beugte sich ein wenig vor, um diesen Po zu begutachten. Das Lächeln der Tochter verrutschte, sie zupfte den Rocksaum ein wenig nach unten. "Und Mädel, wem solche Brüste wachsen, der kann sie ruhig zeigen", rief der Onkel begeistert, während ihn seine Frau nach draußen zog. Die Tochter nestelte am tiefen Ausschnitt und zog unbewusst die Schultern nach vorne. Es fühlte sich nicht mehr nach rotem Teppich an, nur noch nach Blitzlicht.

Die Tochter flüchtete ins Haus und erstarrte. Ihre praktisch veranlagte Großmutter hatte Biertische aufgestellt - und Bänke, damit auch alle sitzen konnten. Bierbänke sind der natürliche Feind von kurzen Röcken, vor allem wenn nur noch Plätze in der Mitte frei sind. Fast hatte die Mutter Mitleid. Aber nur fast.

Als die Feier vorbei war, raunte die Oma der Mutter beim Abschied zu: "Ein fleißiges Mädchen hast du! Hat sich die ganze Zeit nicht ein einziges Mal hingesetzt, sondern immer nachgeschenkt und in der Küche geholfen. Sogar gegessen hat es im Stehen. Aber eines wollte ich dir schon noch sagen: Ich hätte dich ja so nie aus dem Haus gehen lassen."

Der Ausschnitt kann nicht zu tief, der Rock nicht zu kurz sein. Mit der Pubertät verwandeln sich viele Mädchen zumindest äußerlich in "sexy Lolitas", sehr zur Sorge ihrer Eltern. Psychologin Elisabeth Raffauf gibt im Interview Tipps, wie Mütter und Väter auf die knappe Kleidung ihrer Töchter reagieren sollten.

Expertentipps zur Erziehung "Teenager brauchen das Internet als Pausenhof"

Facebook, WhatsApp & Co geben Jugendlichen die Möglichkeit, Freundschaften zu erhalten. Warum Eltern trotzdem darauf bestehen sollten, dass diese Freunde nicht virtuell mit am Familientisch sitzen und wann Schluss mit dem Computerspiel ist, erklärt das Blogger-Paar Tanja und Johnny Haeusler.