3. Dezember 2012 09:33 Kinder - der ganz normale Wahnsinn Gestehe, Sünder, ich bin der Nikolaus

Kinder müssen nicht bis Heiligabend auf Geschenke warten, vorher kommt der Nikolaus. Wenn er nur nicht dieses goldene Buch dabeihätte, in dem alle kleinen und großen Unartigkeiten der Kinder stehen. Da hat sogar die Mutter ein schlechtes Gewissen.

Eine Kolumne von Katja Schnitzler

Der Weihnachtsmann sieht alles - und schreibt kleine und große Sünden in sein goldenes Buch. Das behaupten zumindest manche Eltern.

(Foto: dpa)

In den vergangenen Jahren hatten sich die Kinder über jeden Weihnachtsmann gefreut, den sie vor Kaufhäusern und auf Adventsmärkten entdeckten. Bis die Großmutter von früher erzählte. Sie hatte berichtet, dass dereinst auf dem Lande der Nikolaus nicht allein umherzog. Er befand sich in schlechter Gesellschaft, jedenfalls aus Sicht der Kinder: Krampusse begleiteten ihn, lange Ruten in der Hand und stets bereit, unfolgsame Kinder zu züchtigen oder in einen Sack zu stecken. Und ihn zuzuschnüren.

Ein besonders unartiges Kind, berichtete die Großmutter und senkte dabei die Stimme, warfen die Unholde sogar in den Dorfteich! In letzter Sekunde wurde es gerettet! "Vom Nikolaus?", flüsterten die Kinder mit schreckgeweiteten Augen. "Nein. Von dem Krampus, der am wenigsten getrunken hatte", sagte die Großmutter. Nun sei aber Schluss, war die Mutter eingeschritten. Von dieser Pädagogik des Schreckens hielt sie überhaupt nichts, da war man doch heute wohl viel weiter!

Aber der Argwohn der Kinder war geweckt. War der Nikolaustag vielleicht gar nicht so schön, wie in den Liedern verheißen? Hatte der Text "Morgen, Kinder, wird's was geben" gar eine ganz andere Bedeutung? Die Kleinen gingen auf Nummer sicher und waren in den drei Tagen vor Nikolaus sehr, sehr brav. Zwar hatten die Eltern ihren Kindern fest versprochen, dass der Heilige bei seinem ersten Besuch bei ihnen zuhause ohne den schrecklichen Krampus erscheinen würde. Allerdings genossen sowohl Mutter als auch Vater das ungewohnte Wohlverhalten der Kinder in den ersten Adventstagen sehr. Bis das ältere Kind einmal vergaß, dass es sich benehmen und das jüngere Kind erst nach dem 6. Dezember wieder in den Schwitzkasten nehmen wollte . Da rutschte es der Mutter heraus: "Der Nikolaus hat übrigens sein goldenes Buch dabei."

Beide Kinder schauten überrascht auf, das jüngere Kind, soweit das im Schwitzkasten möglich war. "Was ist denn da drin, im goldenen Buch?", fragte das ältere Kind. Die Mutter zögerte kurz, ein wenig regte sich das schlechte Gewissen. Aber es war zu verlockend: "Darin stehen die Streiche und Unfolgsamkeiten aller Kinder auf der ganzen Welt." Sofort ließ das ältere Kind das jüngere los.

Liest der Nikolaus wirklich alle Vergehen vor?

Beide gingen im Geist ihr geheimes Sündenregister durch: Nun würden die Eltern also von dem Süßigkeitenversteck in der Spardose des jüngeren Kindes erfahren. Und von der Plätzchendose, deren Boden sich nach oben schieben ließ, so dass sie noch immer voll wirkte, aber nicht mehr voll war, was nur das ältere Kind wusste. Und vom gemeinen Jonas aus der Kindergartengruppe, der am Kopf von einem eisigen Schneeball getroffen worden war, den aber niemand geschleudert haben wollte. Jonas hatte sogar geblutet.

Immer wieder fragte die Mutter nach, ob die Kinder ihr nicht noch etwas zu sagen hatten: "Bevor der Nikolaus alles aus dem goldenen Buch vorliest. Dann erfahren wir es sowieso." Als erstes knickte das jüngere Kind ein und beichtete sein heimliches Naschen nach dem Zähneputzen. Dann gestand das ältere Kind, weshalb die Plätzchendose in letzter Zeit immer leichter wurde. Doch das mit dem eisigen Schneeball, das wollte es nicht sagen, zu peinlich war es ihm. Beim Gedanken an das goldene Buch jedoch krampfte sich sein Bauch zusammen. Es klammerte sich an die Hoffnung, dass der Nikolaus genau diese Seite überblättern würde. Aber diese Hoffnung war sehr klein.

Am Nikolaustag waren beide Kinder aufgeregt, das jüngere vor Vorfreude, es hatte das Schlimmste ja schon gebeichtet und wartete nun reinen Herzens auf den Gabenbringenden. Das ältere Kind hingegen wurde blass und blasser. Die Mutter beobachtete es besorgt. Wurde es etwa krank? Nur von der Aufregung konnte das ja nicht kommen. Oder doch?

Am Abend läutete es.

Mit dem wallenden Bart, dem bodenlangen Gewand und der hohen Mitra wirkte der Nikolaus noch größer. Und furchteinflößender. "Guten Abend, liebe Kinder", brummte der Nikolaus mit tiefer Stimme. Das jüngere Kind vergaß sein gutes Gewissen und griff nach der Hand der Mutter.

"Zuerst will ich in meinem goldenen Buch lesen, ob ihr denn brav gewesen seid in diesem Jahr", verkündete der Nikolaus. Das jüngere Kind packte fester zu, so fest, dass die Mutter fast die Hand weggezogen hätte. Das ältere Kind trat unwillkürlich einen Schritt zurück und warf einen besorgten Blick zur Mutter. Die versuchte gerade, die um ihre Hand gekrampften Finger des Jüngeren zu lockern. Sie blickte auf und sah verblüfft die Angst in den Augen ihres älteren Kindes.

Singt er nur ein Lied? Oder liest der Nikolaus, welche Streiche die Kinder in letzter Zeit ausgeheckt haben?

(Foto: dapd)

Der Nikolaus öffnete das goldene Buch, las konzentriert und sah den Jüngeren an. So streng war sein Blick, dass auch die Mutter überlegte, ob sie in letzter Zeit etwas angestellt und zu beichten vergessen hatte. Der Kleine versteckte sich hinter ihrem Bein. "Hier steht, dass du heimlich Süßigkeiten naschst, obwohl die Zähne schon geputzt sind", sagte der Nikolaus und dröhnte mit tiefer Stimme: "Willst du denn nicht glitzerndweiße Zähne haben, weiß wie der Schnee?" Vater, Mutter und Kinder zuckten zusammen. "Willst du das? Antworte mir, mein Kind!" Das jüngere Kind war vor Schreck erstarrt. Das hatte die Mutter nicht gewollt. Sie schob sich schützend vor den Kleinen: "Natürlich will es das", sagte sie.

Erst der Tadel, dann das Vergnügen

Der Nikolaus war etwas aus dem Konzept gebracht. Er senkte den Blick und legte die Hand ins goldene Buch. Er suchte wohl die richtige Stelle im Sündenregister. Nun war das ältere Kind dran. "Und du", knurrte der strenge Besucher, "du isst die Plätzchen auf, ohne den anderen etwas abzugeben?" Das ältere Kind wechselte die Gesichtsfarbe, bekam einen knallroten Kopf und stellte das Atmen ein. "Ich ... ich ...", stammelte es. "Wir backen wieder welche, wir alle zusammen, schon morgen!", rief die Mutter und legte dem älteren Kind die Hand auf die Schulter.

Der Nikolaus blinzelte irritiert, fing sich aber schnell wieder: "Das finde ich gut", schmetterte er. Das jüngere Kind drückte sich noch enger ans Bein der Mutter. Der Nikolaus blickte wieder ins Buch. Jetzt würde es kommen, dachte der Ältere. Ihm stockte der Atem. Der Eis-Schneeball.

"So, lieber Nikolaus", sagte da die Mutter entschlossen, "dann hätten wir das. Jetzt können wir ja zu den Geschenken kommen."

Der Nikolaus räusperte sich und klappte zögernd das goldene Buch zu: "Ja. Natürlich, ähm ... da ihr sonst so brave Kinder wart, habe ich auch Geschenke für euch in meinem Sack." Die Kinder trauten sich erst zu den Gaben, als der Nikolaus samt Sack Richtung Nachbarhaus verschwunden war. Sie wirkten noch immer verstört.

Die Mutter nahm sich vor, ihnen bis zum nächsten Advent zu erklären, dass es kein goldenes Buch gibt. Auch auf die Gefahr hin, dass die ersten Dezembertage wieder so turbulent wurden wie in den vergangenen Jahren. Und den Nikolaus könnten sie genauso gut am Adventsmarkt besuchen. Außer er versprach, beim nächsten Besuch nur über die guten Taten der Kinder zu sprechen.

Sonst würden sie am 5. Dezember einfach die Stiefel vor die Tür stellen.

Du musst uns immer die Wahrheit sagen, lehren Eltern ihren Kindern. Doch vor Weihnachten erzählen sie, die Geschenke bringen Christkind oder Weihnachtsmann. Ein Interview mit Familienberater Jan-Uwe Rogge über absolute Ehrlichkeit und das Recht auf ein wenig Zauber.

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