23. Dezember 2012, 09:21 Große Altersunterschiede bei Paaren Generationenübergreifende Liebe

Die neue Frau an Silvio Berlusconis Seite ist fast ein halbes Jahrhundert jünger - und wieder mal spotten alle über den "Cavaliere" und seine Auffassung von Männlichkeit. Dabei gibt es viele Paare, die sich bewusst für eine generationenübergreifende Beziehung entscheiden. Warum eigentlich? Und warum regt uns das so auf?

Von Ulrike Heidenreich und Marc Felix Serrao

"Wer gegen das Altern kämpft, der altert bloß ohne zu reifen". So lautet einer der vielen schönen Sinnsprüche des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila, den leider schon zu Lebzeiten zu wenige Menschen kannten. Ob der virile Angestelltensohn Silvio Berlusconi den Namen des großbürgerlichen Gelehrten kennt, ist nicht bekannt. Aber der 76-jährige Italiener gilt in diesen Tagen mehr denn je als Prototyp des unreif Alternden.

Fast ein halbes Jahrhundert beträgt der Altersunterschied des milliardenschweren Politikers und Medienunternehmers zu der jungen Frau namens Francesca Pascale, die er der Öffentlichkeit Mitte Dezember als seine Verlobte vorgestellt hat - fast zeitgleich mit der Ankündigung, sich um eine fünfte Amtszeit als Premierminister zu bewerben. Die Fotos der beiden gingen um die Welt, und die Welt war entzückt. Hier das Geld und die Macht, da die Jugend und der Ehrgeiz. Hier der durch chirurgische Eingriffe künstlich verjüngte und fast schon verzweifelt viril wirkende Greis, da die stark geschminkte 27-Jährige aus einfachen neapolitanischen Vorortverhältnissen, die nun, wie es heißt, abgeschottet und mit Sprach- und Medientraining auf ihre Rolle als öffentliche Dame vorbereitet wird. Was für eine Operette! Was für ein durchschaubares Spektakel! Das war der Tenor fast aller Menschen, die darüber sprachen. Und es sprachen fast alle.

Warum tun die das?

Wie sonst auch, könnte man an dieser Stelle einen Punkt setzen und "Berlus(t)coni" (Bild) die Witzfigur sein lassen, auf die sich die veröffentlichte Meinung vor Jahren schon geeinigt hat. Oder man wagt ein Experiment: Man nimmt das Modell Silvio, man nimmt diese Form der generationenübergreifenden Liebesbeziehung ausnahmsweise ernst. Der Italiener ist schließlich nicht der einzige ältere Mann, der mit einer deutlich jüngeren Frau zusammen ist. Und natürlich gibt es auch Frauen, die deutlich jüngere Männer zum Partner haben (oder Männer und Männer und Frauen und Frauen). Was also, wenn wir als oftmals nur als nach außen hin tolerantes und lebensmodellflexibles Publikum diese Frage ernsthaft stellen: Warum tun die das?

Was will der alte Mann von der jungen Frau - und sie von ihm? Was gibt die alte Frau dem jungen Mann, und umgekehrt? Und schließlich: Was sagt es über uns, die wir uns über Paare wie diese noch immer so sehr erregen können?

Vielleicht hilft es, sich dem Thema zu nähern, in dem man zuerst die Frage nach der Norm stellt. Wenn ein Mensch sich für einen Partner entscheidet, der deutlich älter oder jünger ist, dann entscheidet er sich zugleich, bewusst oder unbewusst, gegen einen gleichaltrigen Partner. Ein Grund dafür könnte sein, dass er oder sie in der eigenen Altersklasse etwas vermisst, dass also aus der Gleichheit ein Mangel entsteht.

Reifere Frauen, zum Beispiel. Was viele von ihnen heutzutage von ihren gleichaltrigen Partnern erwarten, können diese oft nur schwer erfüllen. Sich auf ein modernes Frauenbild einlassen, das Selbstbewusstsein der Partnerin und ihr eigenes Konto ertragen: Das schaffen wenige. Da sind jüngere Männer oft weiter - sagt zum Beispiel die Soziologin Ursula Richter. Die 70-Jährige hat sich mit dem Thema der generationenübergreifenden Liebe schon in ihrer Doktorarbeit befasst. Das Buch, das daraus entstand, trägt den Titel "Einen jüngeren Mann lieben - neue Beziehungschancen für Frauen". Richter selbst war 30 Jahre lang mit einem 13 Jahre jüngeren Mann verheiratet.

Neue Impulse durch junge Liebe?

Bleiben die reiferen Männer. Zu den offensichtlichen Vorteilen einer jüngeren Partnerin zählt ihre Fähigkeit, Kinder zu bekommen - falls das denn noch gewünscht ist. Viele Männer im fortgeschrittenen Alter haben schon Kinder. Silvio Berlusconi, zum Beispiel, ist fünffacher Vater, in der Hinsicht muss er nichts mehr beweisen. Aber wer weiß. Für den Fall, dass er doch noch einmal will (und kann): Mit einer 27-Jährigen dürfte es klappen.

Was aber treibt die Männer, die keine Lust haben, weißhaarig Windeln zu wechseln, von ihren gleichaltrigen Frauen weg? Paartherapeuten sagen, dass viele, die sich trennen und dann eine jüngere Partnerin suchen, über ein Zuviel der gemeinsamen Vergangenheit klagen. Dass die gleichaltrige Partnerin irgendwann schlicht genervt habe. Mal nicht mit einer Frau zu tun zu haben, die ähnliche Lebenserfahrungen gemacht hat, die auf gleicher Erlebnisebene steht und ständig "Warum?" fragt, das könne das Leben aus ihrer Sicht angenehmer verlaufen lassen. Eine Jüngere bringe eigene, neue Impulse. Das sei zumindest das Wunschbild vieler älterer Männer. Dazu gibt es allerlei eifrige Forschungsarbeit von Paarpsychologen, Therapeuten und Evolutionsexperten, mal mit mehr, mal mit weniger Binsen.

Verhaltensbiologen und Psychologen sprechen bei der Mischung aus körperlicher Frische auf der einen Seite und einem gesicherten Lebensumfeld auf der anderen Seite von einem Vorteil, der sich im "sozioökonomischen Status", kurz SES, messen lässt. Wenn man vom Kinderkriegen absieht, gilt der SES gleichermaßen für ältere Frauen und ältere Männer. Weil aber (noch) nicht alle Forschungen unter Gleichstellungsgesichtspunkten erarbeitet wurden, hier die Ergebnisse einer älteren Arbeit an der amerikanischen Syracuse University: 112 Probandinnen bekamen Fotos eines gut aussehenden und eines unattraktiven Mannes vorgelegt. Einmal trugen sie die Arbeitskleidung einer Burgerbraterei, einmal einen gut geschnittenen Anzug und eine edel wirkende Uhr. Das Ergebnis: Den Männerbildern mit dem teuren Outfit sprachen die Frauen den höchsten sozioökonomischen Status zu. Der hässliche Kerl im Anzug bekam mehr Punkte als der Hübsche in der Fastfood-Kluft. Im Vordergrund stehe also nicht das körperliche Erscheinungsbild, sondern die materielle Sicherheit, die man sich von einem möglichen Partner verspreche, so das Studien-Ergebnis.

Schlüsselreize aus der Steinzeit

Der Psychologie-Professor David Buss von der Universität von Texas in Austin hat für sein Nachschlagewerk "Die Evolution des Begehrens. Geheimnisse der Partnerwahl" 10 000 Männer und Frauen verschiedener Kulturen befragt. Am deutlichsten unterschieden sich die Geschlechter in der Frage nach dem Alter. Frauen tendierten durchwegs zu einem Partner, der etwas älter als sie selbst ist. Männer bevorzugten eine jüngere Partnerin; am liebsten wollten sie eine Frau im Alter von durchschnittlich 24,8 Jahren heiraten, was dem Höhepunkt der Gebärfähigkeit entspricht. Es sind Schlüsselreize aus der Steinzeit, die man nicht weggendern kann. Und über allem steht das limbische System im Gehirn, welches das Triebverhalten und die Verarbeitung von Emotionen steuert. Einerseits.

Andererseits schalten sich bei der Partnerwahl auch weitere Hirnpartien ein. So gibt es neben jungen Frauen, die materielle Sicherheit suchen, auch solche, die selbst erfolgreich sind, gut verdienen und sich trotzdem in einen wesentlich älteren Mann verlieben - weil der ihnen geistig mehr zu bieten hat und auf gleicher Augenhöhe attraktiv ist. Der auf Neurofeedback spezialisierte Psychologe Axel Kowalski hat einmal festgestellt, dass das bereits bei Frauen um die 20 beginne: "Die Jungs in dem Alter unterscheiden sich kaum von Teenagern. Frauen sind in dem Alter sehr viel weiter entwickelt."

Der Hamburger Paartherapeut und Buchautor Oskar Holzberg spricht in dem Zusammenhang von einem möglichen "narzisstischen Gewinn" für jüngere Partnerinnen und Partner: "Sie haben nicht nur einen Menschen erobert, sondern auch gesellschaftliche Anerkennung und Macht über Geld und Dienstleistungen." Ein weiterer Bonus: "Allein durch ihre Jugend und Vitalität haben sie Macht über den Älteren, denn dessen Angst, den jüngeren Partner zu verlieren, steigt von Jahr zu Jahr an." So ein Satz klingt zwar auch nicht unbedingt nach dem Ideal der selbstlos romantischen Liebe, aber es steckt doch wesentlich mehr Musik und Tiefe drin als in der immer gleichen Annahme: Jugend gegen Sicherheit.

Überhaupt, die Ferndiagnosen. Mutterkomplexe, Vaterkomplexe, ungelöste Konflikte, Suche nach der verlorenen Jugend, Geldgier, Sexgier, Imagekorrektur, Abhängigkeit: Was wird nicht alles in die Beziehungen zwischen alten und jungen Menschen hineinproblematisiert, vor allem von außen. "Man verschiebt das schnell in den neurotischen Bereich, aber man muss wirklich jeden Einzelfall sehen", sagt Paartherapeut Holzberg. Neurotische Anteile gebe es reichlich in jeder Beziehung, auch unter Gleichaltrigen. Eine Alt-Jung-Beziehung könne da durchaus friedlicher verlaufen, denn: "Konfliktpotenziale wie der gesellschaftliche Habitus oder Erziehungsstile gehören oft nicht mehr zu den Entwicklungsaufgaben dieser Paare."

Auch im Netz, wo sich heute die einsamen Herzen sammeln und suchen, gibt es inzwischen Angebote für die spezielle Zielgruppe. Die Kontaktbörsen heißen in diesem Fall "reif-trifft-jung.de" oder "altersvorsprung.de", und sie sind, zumindest auf den ersten Blick, geschlechtsneutral. Bei genauerem Hinsehen haben die Portale dann allerdings doch eine Schieflage. Und ein klares Ziel: Frauen unter 30 und Männer über 40. Frauen inserieren gratis, Männer für acht Euro pro Monat. Im umgekehrten Verhältnis - Frau alt, Mann jung - findet man fast nichts, höchstens zaghafte Fragen wie: "Hallo, da ich sehr auf ältere Frauen stehe, wollte ich mal fragen ob es 'ne community oder 'nen Portal gibt, wo man diese kennenlernen kann. Bin selber 22 und würde gerne eine Frau ab 37 rum bis 55 kennenlernen." Die lapidare Antwort der Community auf gutefrage.net: "Versuch's mal in Tennis- und Golfclubs."

Was die Gesellschaft so irritiert? Ungleiche Paare müssten sich immer erklären, weil sie von dem Schema "Gleich-und-Gleich-gesellt-sich-gern" abwichen, erklärt Holzberg. Das sei so wie mit dem Opernfan, der aus Liebe in Hardrock-Konzerte mitgehe. Oder wie die Chefsekretärin, die mit einem Rocker verlobt sei. Da rebelliert das limbische System der Außenstehenden ganz einfach, und zwar in allen Kulturen.

Warum regt uns das auf?

Bleibt der Sex. Landläufig gilt der junge Körper als schöner, erotischer. Trotzdem fühlen sich viele Menschen auch körperlich zu älteren Partnern hingezogen, was vor allem mit der Art und Weise zusammenhängt, wie diese mit ihrem Körper umgehen können. Schon im Kinsey-Report über Sexualität steht, dass Frauen ihre größte sexuelle Erlebnisfähigkeit in späteren Jahren erreichen, da passt ein junger Partner also prima. Von jüngeren Frauen wiederum sagen Sexualforscher, dass diese oft die Erfahrenheit älterer Männer schätzen. Sinkender Testosteronspiegel hin oder her, der ältere Liebhaber sei wie ein virtuoser Klavierspieler (der vor dem Konzert allerdings manchmal eine kleine Pille schlucken muss).

So. Wenn das alles stimmt, wenn es also viele, und nicht nur hormonelle oder pekuniäre Gründe für die Partnerwahl außerhalb der eigenen Alterskohorte gibt, dann bleibt doch eine Frage: Warum regt uns, das Publikum, das noch so auf? Warum sorgt Silvio Berlusconi mit seiner Verlobten für mehr Gesprächsstoff als mit der Ankündigung, in die Politik zurückzukehren? Warum weiß kein Mensch wie Demi Moores letzter Film hieß - aber jeder, dass sie bis vor kurzem mit ihrem 16 Jahre jüngeren Schauspielkollegen Ashton Kutcher zusammen war, und er sie schließlich mit einer jüngeren betrogen hat?

Sicher, das öffentliche Bild der generationenübergreifenden Liebe hat sich gewandelt. Kannte der kulturelle Kanon bis vor wenigen Jahren fast nur ältere Männer, die mit jungen Frauen zusammen waren, gibt es heute auch viele Beispiele älterer Frauen, die junge Männer zum Partner haben. Allerdings hat nicht jeder dieser Fälle das gesellschaftliche Verständnis gefördert. Eine der populärsten und mit Sicherheit breitenwirksamsten Figuren war die von Kim Cattrall gespielte PR-Frau Samantha Jones aus der Ende der neunziger Jahre angelaufenen und weltweit populären US-Serie "Sex and the City": eine vulgär überzeichnete und Zoten reißende Nymphomanin im fortgeschrittenen Alter, die sich bindungsunfähig durch die Staffeln, ja, rammelte, bis sie schließlich für eine Weile in den Armen eines halb so alten Adonis liegen blieb, den sie letztlich aber auch betrügen und sitzen lassen musste.

Berlusconi liefert einfach zu gute Vorlagen

Ein anderes, nicht ganz so plattes Beispiel war die bis zum Mai dieses Jahres ausgestrahlte Serie " Cougar Town." Darin suchte eine von ihrem Mann lebende Immobilienmaklerin mit Sohn im Teenageralter nach Liebe und Mitteln gegen Bauchfalten und wabblige Waden. Das Ergebnis war eine launige Seifenoper, die vor allem vom wunderbar komischen Talent der 46-jährigen Hauptdarstellerin Courteney Cox lebte. Doch letztlich war auch diese Serie, war auch diese Frau im Kern: ein Witz. Schon der Name - "Cougar" (deutsch: Puma) - spricht Bände. Er soll auf das, nun ja, silbrig glänzende Fell anspielen.

Die Tatsache, dass ein gesellschaftlicher Wandel kulturell verarbeitet wird, heißt nicht, dass er dadurch mehr Akzeptanz erfährt. Generationenübergreifende Beziehungen werden zwar geduldet, mehr aber nicht. Das ach so aufgeklärte Publikum zerreißt sich in diesem Fall trotzdem das Maul. Das mag daran liegen, dass es keine Interessenvertretung gibt, die gegen Diskriminierung vorgehen könnte, also eine Art Verband "Straff liebt Faltig" oder so. Ganz sicher liegt es, erstens, an den Zerrbildern im Fernsehen und, zweitens, an den Zerrbildern, die in die Wirklichkeit drängen. Silvio Berlusconi, zum Beispiel, liefert einfach zu gute Vorlagen, selbst für Menschen, die pikiert reagieren würden, wenn man sie als Boulevardschmierer bezeichnen würde. Den Rom-Korrespondenten der ARD, Stefan Troendle, zum Beispiel. In einem als "Glosse" deklarierten Text mit dem Titel "Was sind schon 50 Jahre Unterschied, Silvio?" machte sich Troendle Mitte der Woche über die neue Beziehung des Italieners lustig. Dabei bezeichnete er dessen junge Partnerin wahlweise als hinternwackelnde "Gespielin" und als "Hühnchen". Womit wir den dritten Grund für unsere Erregung hätten: Sie ist so wunderbar billig zu haben.