26. November 2012, 12:18 Expertentipps zur Erziehung "Beim Fernsehen belügen sich Eltern selbst"

Wie lange dürfen Kinder vor dem Fernseher sitzen, ab welchem Alter und müssen Eltern wirklich die ganze Zeit dabeibleiben? Medienexperte Thomas Feibel über Bildschirmzeiten und veränderte Sichtweisen.

Interview: Katja Schnitzler

Du sollst nicht fernsehen, predigen Eltern, aber schauen selbst ganz gerne Spielfilme, Talkshows oder Serien. Thomas Feibel, Experte für Kindermedien, über das zwiespältige Verhältnis zum Medium Fernsehen.

Süddeutsche.de: Wenn Kinder den Fernseher anschalten, leeren sich ihre Gesichter, sie sind kaum noch ansprechbar. Schalten Kinder da völlig ab?

Thomas Feibel: Vielleicht konzentrieren sie sich einfach besonders stark auf die Handlung. Ich kenne Fotos von diesen Kindergesichtern, aber ich finde das ein wenig unfair. Wir sehen vielleicht ganz ähnlich aus, wenn wir einen Film ansehen. Viele Eltern schärfen ihren Kindern ein, dass zu viel Fernsehen schadet. Aber bei ihnen selbst macht es oft einen Großteil der Freizeit aus. Und Kinder merken sehr genau, wann Eltern fernsehen. Zumindest das Einschalten bekommen sie kurz vor dem Einschlafen noch mit.

Sind wir unseren Kinder beim Fernsehen gute Vorbilder?

Kinder ahmen schon beim Fernsehen nach, aber weniger die Sendungen, sondern uns Erwachsene: Sie beobachten ganz genau, wie wir mit dem Fernsehen umgehen und merken, dass es nicht immer mit der Realität übereinstimmt, was ihnen die Eltern über Fernsehkonsum erzählen.

Welche Aussagen über unser Fernsehverhalten stimmen denn nicht?

Erwachsene sehen meistens zur Entspannung fern, ältere Kinder auch. Doch wir wollen uns das oft nicht eingestehen, weil wir ein gespaltenes Verhältnis zum Fernseher haben. Während Kinder noch offen sagen, dass ihnen fernsehen Spaß macht, würde das ein Erwachsener nicht zugeben: Er entschuldigt sich eher dafür, seine freie Zeit so zu vergeuden. Ganz typisch ist der Satz: "Ich war gestern so erledigt, dass ich nur noch ein wenig ferngesehen haben." Da ist man nicht ehrlich zu sich - und zu den Kindern auch nicht. Denen hält man vor: "Du kannst doch deine Lieblingssendung auch mal ausfallen lassen!" Aber am Sonntag sind in vielen deutschen Haushalten um Schlag acht Uhr abends die Kinder im Bett, damit sie beim "Tatort" nicht stören. Da messen Eltern mit zweierlei Maß. Das sollten sie sich bewusst machen, bevor sie das nächste Mal ihren Kindern Vorhaltungen wegen zu langem Fernsehen machen.

Aber ist Fernsehen nicht manchmal auch ein Segen für gestresste Eltern?

Wenn Kinder vor dem Bildschirm hocken, können Mütter und Väter natürlich ein ungestörtes Telefonat führen oder Abendessen kochen. Nur vergessen sie dann schnell, darauf zu achten, dass das Kind nach einer halben Stunde wirklich - wie vereinbart - den Fernseher wieder ausschaltet. Den Ärger über sich selbst muss dann meist das Kind ausbaden. Dabei wissen wir doch selbst, wie schnell man sich in spannenden Sendungen verliert und nicht mehr auf die Uhr achtet. Das müssen schon die Eltern tun und zum Beispiel nach 20 Minuten ankündigen, dass in zehn Minuten oder nach dieser Sendung Schluss ist.

Es gibt ja auch Kindersicherungen, die nach einer halben Stunde einfach ausschalten. Was halten Sie davon?

Darauf werde ich oft bei Vorträgen angesprochen, aber ich finde, Erziehung sollten wir nicht einem Gerät überlassen. Stellen Sie sich vor, bei Ihrem Film wird an der spannendsten Stelle der Strom abgeschaltet! Außerdem nimmt einem das die Gelegenheit zu Verhandlungen: Du darfst heute zehn Minuten länger schauen, dafür aber morgen zehn Minuten kürzer.

Gerade die ganz Kleinen im Kindergartenalter sollten ja entweder überhaupt noch nicht Fernsehen oder nur gemeinsam mit Erwachsenen. Wie lange müssen Eltern danebensitzen?

Ein Kind sollte wirklich, wenn überhaupt, erst mit vier, fünf Jahren erste Sendungen schauen. Obwohl manche Sendungen schon für Jüngere konzipiert sind, sollten kleine Geschwisterkinder nicht mit vor dem Fernseher hocken. Wichtig zu wissen ist auch, dass manche Filme zwar ab null Jahren freigegeben sind, aber auch Vorschulkindern noch Angst machen. Da sollten sich Eltern am Anfang beim ersten Fernsehen schon dazusetzen, bis sie merken, womit ihr Kind alleine klarkommt - und dann trotzdem immer mal wieder nachschauen, ob noch alles in Ordnung ist. Übrigens können sich aus dem Fernsehkonsum Gesprächsmöglichkeiten ergeben: Wenn ein Kind im Kino war oder ein Buch gelesen hat, fragen die meisten Mütter und Väter auch nach, wie es war. Beim Fernsehen aber nur selten, dabei erzählen Kinder da ebenfalls sehr gerne.

Wie lange sollten Kinder überhaupt fernsehen?

Das kann man heute nicht mehr isoliert sehen. TV-Sendungen können Sie heute auch über den PC oder das Smartphone sehen. Dazu kommen Computerspiele und Internetkonsum. Daher sollten Eltern heute eher auf die Zeit achten, die sie selbst und auch die Kinder vor Bildschirmen verbringen. Dann kann ein über Achtjähriger selbst entscheiden, wie er zum Beispiel eine Stunde Bildschirmzeit einteilt: Wenn er länger am Computer hängenbleibt, reicht das Kontingent vielleicht nicht mehr für die Lieblingssendung. Das gibt Kindern Raum, auch mal geistig zur Ruhe zu kommen - etwas, das vor dem Bildschirm nicht möglich ist. Übrigens auch nicht für Erwachsene, obwohl diese glauben, vor dem Fernseher abschalten zu können.

Erwachsene verbringen ja durchaus auch viel Zeit vor Bildschirmen.

Eltern müssen schon kritisch überprüfen, was sie ihren Kindern vorleben: Müssen sie wirklich ans Telefon gehen, wenn es während des Abendessens klingelt? Und muss jede Mail gleich beantwortet werden? Das Leben geht auch weiter, wenn man nicht ständig erreichbar ist - und man hat mehr davon. Das merkt die ganze Familie, wenn sie zum Beispiel einen bildschirmfreien Samstag einführt. Das ist zwar erst mal anstrengend, aber dann erfindet man den Samstag neu, wenn nicht um Viertel nach acht "Wetten, dass..?" geschaut werden muss. Dann werden eben Spieleabende mit Freunden und deren Kindern organisiert. Oder man hat endlich wieder die Möglichkeit, sich zu langweilen und so zur Ruhe zu kommen. Das verlernen ja die meisten.

Als Experte für Kindermedien informiert Thomas Feibel Eltern auf seiner Webseite, in Vorträgen und als Autor von Fachbüchern, darunter "Kindheit 2.0 - So können Eltern Medienkompetenz vermitteln" oder "Crashkurs Kind und Fernsehen - Medienfit in 90 Minuten". Auf feibel.de beurteilt er nicht nur PC-Spiele für Kinder, sondern auch klassische Brettspiele. Er ist Mitinitiator des Kindersoftwarepreises "Tommi".

Wenn Kinder die ersten Sendungen im Fernsehen schauen, treffen Eltern auf alte Bekannte. Allerdings stellt sich schnell heraus: Biene Maja, Wickie & Co haben sich irgendwie sehr verändert. Die Erziehungs-Kolumne zum Thema.