2. Dezember 2012, 09:35 "Boring Conference" in London Her mit der Langeweile!

Wer bitte langweilt sich denn in Zeiten von Wlan, Smartphones, Twitter noch? Die "Boring Conference" in London zeigt: Der Mensch braucht Leerlauf - um kreativ und erfolgreich zu sein. Auf dem Programm der Konferenz stehen daher Vorträge zu folgenden Themen: "Seriennummern diverser U-Bahn-Waggons" und "Die Frühstücksauswahl amerikanischer Kettenrestaurants".

Von Alexander Menden

Das "langweiligste Buffet der Welt" war im Programm angekündigt. Und wenn irgendetwas diese Beschreibung verdient, dann das, was da im hintersten Winkel der York Hall aufgetischt steht: auf Zahnstocher gespießte Gurkenstücke als Vorspeise, labberiges, mit nichts als Petersilie garniertes Weißbrot zum Hauptgang, geschmackfreie Kekse als Nachtisch. Dazu Leitungswasser.

"Daran habe ich den ganzen Morgen geschnippelt", sagt Hamish Thompson und deutet auf die Gurken. Thompson, ein untersetzter, bebrillter Mann im gestreiften Pullover, leitet die PR-Agentur, die "dieses tolle Buffet spendiert hat", wie er betont. Jetzt wartet er auf die ersten Teilnehmer der "Boring Conference", deren stolzer Sponsor und Mitorganisator er ist.

Es ist ein kalter Sonntagmorgen in London. Trotz der frühen Stunde hat sich vor der York Hall im Stadtteil Bethnal Green bereits eine beachtliche Schlange gebildet - die Männer bärtig, die Frauen vereint in ihrer Vorliebe für schwere Designerbrillengestelle.

Zum dritten Mal hintereinander findet die "Langweilige Konferenz" nun schon statt. Wenn man Teilnehmer der letztjährigen Veranstaltung danach fragt, was bei so einer "Boring Conference" eigentlich passiert, bekommt man Antworten, die noch mehr zur Verwirrung beitragen: "Es war sehr interessant!", sagt Sally, die als Allererste erschienen ist. "Nur bei einem war der Vortrag eher eine Tirade. Er hat uns gesagt, wir sollten uns lieber gleich umbringen, als uns zu langweilen. Der hat das Konzept wohl nicht ganz verstanden."

Nur wer Stress hat, ist wichtig?

Nach vorherrschenden Maßstäben ist eine Konferenz, die ausdrücklich der Langeweile gewidmet ist, ja auch wirklich nicht ganz eingängig. Einen guten Ruf genießt die Langeweile jedenfalls nicht. Manche Menschen weisen schon die leiseste Andeutung von sich, sie könnten sich überhaupt irgendwann mal langweilen oder je gelangweilt haben.

In der Regel wird über Stress geklagt - Arbeitsstress, Freizeitstress, Familienstress. In jeder Klage klingt aber fast immer kaum verhohlener Stolz mit. Denn Stress adelt, ist Ausweis von Leistung, die an die Grenze geht. Das impliziert Gefragtsein. Ständige Erreichbarkeit und Zielstrebigkeit, belohnt mit einem sauberen Burnout - all das lässt Langeweile gar nicht zu. Sich langweilen, das tun die anderen, die Unterforderten. Gelangweilte wissen nichts mit sich anzufangen, "nutzen ihr Potenzial nicht", verschwenden ihr Leben.

Genau diese rastlose Haltung ist James Ward ein Graus. Der junge Mann im grauen Anzug hob die "Boring Conference" 2010 aus der Taufe. "Die Idee war, dass wir uns einfach mal die Zeit nehmen, Dinge genauer anzusehen, die wir für langweilig halten, weil sie alltäglich sind." Er lud über Twitter dazu ein, Vorschläge über mögliche Vortragsthemen zu machen. "Ich hatte mit vielleicht 50 Teilnehmern gerechnet", sagt Ward, der sonst als Marketing-Manager arbeitet. "Am Ende waren es 200." Dieses Jahr sind es 500.

Jeder, der Lust hat, kann sich mit einem Vortragsthema bewerben. Diesmal stehen unter anderem auf dem Programm: "Seriennummern diverser U-Bahn-Waggons", "Die Frühstücksauswahl amerikanischer Kettenrestaurants" und "Londoner Ladenfassaden". Zum letztgenannten Thema führt die Expertin sogar ein eigenes Internet-Blog. James Ward sieht die Veranstaltung als Gelegenheit, "dem Profanen, Gewöhnlichen, Übersehenen" die verdiente Aufmerksamkeit zu schenken. Das sei auch der Grund ihres Erfolgs. Die Konferenz hat also zwei einander scheinbar entgegengesetzte Ziele: die Langeweile als Kulturgut zu feiern - und sie zugleich zu vertreiben.

Die Boa Constrictor langweilt sich nie

Die Auseinandersetzung mit der Langeweile hat eine beachtliche Tradition; seit Heraklit haben sich viele große Denker mit ihr beschäftigt. Søren Kierkegaard zum Beispiel fand Langeweile "schrecklich langweilig!": "Ich liege hingestreckt, untätig; das einzige, was ich sehe, ist Leere, das einzige, wovon ich lebe, ist Leere, das einzige, worin ich mich bewege, ist Leere. Nicht einmal Schmerz empfinde ich."

Hinter dieser Beschwerde versteckt sich eine zentrale Wahrheit. In der Art Langeweile, an der Kierkegaard leidet, offenbart sich nämlich der Unterschied zwischen einem dänischen Philosophen und der Boa Constrictor, die man bei jedem Zoobesuch in derselben Ecke ihres kleinen Terrariums zusammengerollt findet. Die Ecke ist warm, die Boa hat immer genügend zu fressen. Sie langweilt sich nie, leidet nicht, ruht in sich selbst. Das ist wunderbar, macht sie uns aber auch fremd.

Friedrich Nietzsche war im Gegensatz zu Kierkegaard ein großer Freund der Langeweile, er nannte sie "Windstille der Seele". Und er glaubte, nur "die feinsten und tätigsten Tiere" seien ihrer fähig. Will sagen: Wir schreiben nur jenen Tieren, denen wir uns am nächsten fühlen, Delfinen oder Menschenaffen, diese Fähigkeit zu. Das ist eine Auszeichnung, denn wir erkennen die Langeweile damit als integrales Wesensmerkmal der Kreatur an, die sich ihrer selbst gewahr ist. Und das, zumindest beim Menschen, zur Selbstreflexion Anlass gibt.

In der York Hall spricht jetzt eine attraktive und sehr witzige Technik-Journalistin namens Leila Johnston über die Faszination, die Kassenautomaten der Firma IBM auf sie ausüben. Johnston fotografiert jedes Modell, das sie entdeckt, und hält den Fundort auf Google Maps fest. Ein Bild auf der Leinwand hinter ihr lässt sie etwas länger wirken. "Das hier war die erste weiße Registrierkasse, die ich entdeckt habe, der seltene IBM ,epos 300'. Mein Moby Dick", sagt sie. "In einer Drogerie in Sheffield. Den Tag werde ich nie vergessen."

Wie bei vielen Sprechern an diesem Tag ist nicht ganz klar, wie hoch der Ironieanteil von Leila Johnstons Beitrag ist. Man vermutet: hoch. Doch gleichzeitig interessiert sie sich wirklich brennend für diese praktischen, aber eher, nun ja, langweiligen Maschinen. Im Laufe des Vortrags erklärt sie das damit, dass sie in einer schottischen Stadt aufwuchs, in der IBM der Hauptarbeitgeber war. Die Kinder hätten dort "IBM-Poster an den Schlafzimmerwänden" gehabt, ihre Eltern hätten ihnen Tüten voller Elektro-Ersatzteile zum Spielen mitgebracht: "Die Hardware, diese Infrastruktur des Lebens, fand ich inspirierend", erklärt Johnston.

Die Erklärung klingt ziemlich frei erfunden. Eine Bemerkung ist dennoch erhellend: Für sie habe "Langeweile Sicherheit" bedeutet, sagt Leila Johnston. Sicherheit geben, das ist zweifellos eine wichtige Rolle der Langeweile. Ihre spezifisch menschliche Ausprägung kann aber auch eine treibende Kraft sein, die man bei Tieren vergeblich sucht. Denn selbst der schlaueste gelangweilte Delfin schreibt keine philosophischen Traktate über seine Langeweile. Er fotografiert auch nicht obsessiv Registrierkassen. Eine der definierenden Eigenschaften menschlicher Langeweile ist, dass sie eine Unruhe erzeugt, die sich ein mehr oder minder kreatives Ventil sucht.

Langeweile bedeutet Sicherheit

Mit dieser Unruhe kann man auf zweierlei Art umgehen. Die erste heißt Zerstreuung. Daran ist nichts falsch, aber die Zerstreuung wird bisweilen zum Selbstläufer. Wie das aussieht, zeigt ein Blick auf die Benutzeroberfläche eines beliebigen Smartphones. Keine Sekunde lang darf ins Leere gestarrt werden, immer gibt es irgendwelches Obst mit virtuellen Karateschlägen zu zerteilen oder Schweine mit wütenden Vögeln abzuschießen. Das könnte ein Affe mit etwas Übung auch.

Die britische Neurowissenschaftlerin Susan Greenfield sieht in einer Welt immer mehr sich verkürzender Aufmerksamkeitsspannen sogar schon Generationen von Kindern heranwachsen, die zu ihrem eigenen Schaden gar keine Chance bekommen, sich zu langweilen. Eine Übertreibung, Kinder langweilen sich heute genauso wie früher, allerdings vielleicht weniger bewusst. Das immer raffiniertere Angebot technischer Ablenkungen ermöglicht es ihnen eben, sich rascher über die Langeweile hinwegzutäuschen, sie kurzfristig zu verscheuchen.

Dadurch wird es ihnen indes keineswegs unmöglich gemacht, eine zweite Strategie im Umgang mit der Langeweile auszuprobieren. Über diese waren sich übrigens sogar die Ödnis-Antipoden Kierkegaard und Nietzsche einig. Beide waren der Ansicht, dass Langeweile sehr produktiv sein kann, ja, dass Gott den Menschen nur unter dem Druck himmlischer Langeweile geschaffen habe. Wer sich nie langweilt, ist auch nie kreativ. Georg Büchners Prince Leonce vom Reiche Popo sagt es so: "Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich aus Langeweile." Oder sie organisieren eine langweilige Konferenz.

Ist es dabei nun ein Erfolg oder ein Misserfolg, wenn die Konferenzbesucher sich tatsächlich langweilen? "Das ist wieder so eine philosophische Frage", sagt Mitorganisator Hamish Thompson ausweichend. Dabei ist die Antwort doch so einfach: Jedes Ergebnis ist ein Erfolg. Wenn es einem Sprecher gelingt, ein vordergründig langweiliges Thema interessant zu gestalten, umso besser.

Wer hätte gedacht, dass ein Beitrag mit dem Titel "Wie ich meinen Toast mag" dermaßen kurzweilig sein könnte? Ed Ross schlägt unter anderem vor, die Bräunungsstufen von Toastern nach dem Bügeleisen-Prinzip zu gestalten - Pitabrot wäre dabei "Seide", deutsches Vollkornbrot "Leinen" und English Muffins wären "Baumwolle".

Langeweile jahrtausendlang ein Privileg der Elite

Aber es gibt natürlich auch Beiträge, die es gezielt darauf abgesehen haben zu langweilen. Zum Beispiel ein als Performance daherkommender Vortrag über das spezifische Gewicht verschiedener Metalllegierungen, zu dem ein Mann im lila Pullover Rollschuh läuft. Auch kein Problem. Das verschafft einem die willkommene Gelegenheit, die Gedanken schweifen zu lassen.

Etwa über das Imageproblem des Begriffs "Langeweile" selbst. Man subsumiert darunter ja höchst verschiedene Phänomene, vom Missmut, der einen erfasst, wenn man auf den nächsten Bus wartet, bis zum Extrem des pathologischen Existenzüberdrusses, der Melancholia, dem Ennui. Ganz gleich, wie man "Langeweile" nun genau versteht, das Wort ist schlicht zu negativ besetzt. Man muss angrenzende Begriffe heranziehen, um die guten, notwendigen Eigenschaften der Langeweile ins rechte Licht zu rücken.

"Nostalgie" zum Beispiel. Nur der von zweckorientierter Beschäftigung oder sonstiger Ablenkung unbeeinträchtigte Moment erlaubt es uns wegzudriften und uns Orte und Erlebnisse in allen denkbaren Rosa-Schattierungen vor die Sinne zu rufen. Die Sentimentalität solcher Fluchten gilt nicht als ehrenrührig - ganz anders als die Langeweile, die sie erst ermöglicht. "Muße" klingt ebenfalls gut.

Dass wir die Muße nicht mit unproduktivem Leerlauf verbinden, ist ein antikes Erbe: Für die alten Griechen war Muße gleichbedeutend mit Freiheit. Jahrtausendelang war sie ein Privileg der Elite. Nur wer materiell abgesichert war, konnte sich den Luxus des Müßiggangs leisten - und als ein Luxus wurde er tatsächlich empfunden. Die immer häufiger laut werdenden Rufe nach "Entschleunigung" sind, genau wie die "Boring Conference", zeitgenössische Manifestationen dieses Luxusbegriffs.

Eine sehr ernsthafte Frau kündigt in Bethnal Green einen Vortrag über "den am wenigsten langweiligen Gegenstand in eurer Wohnung" an: "Die Toilette!" Die anschließende Abhandlung über Abwasserhygiene kann man langweilig finden oder hochinteressant, je nach Standpunkt. Was die Langeweile von der Toilette unterscheidet: Man muss sie nicht aufsuchen. Wenn man ihr eine Chance gibt, stellt sie sich von alleine ein. Schließlich ist sie eine Aufforderung unseres Geistes an sich selbst, tätig zu werden. Deshalb endet die Langeweile meist dann, wenn man dieser Aufforderung folgt.