14. Februar 2013 10:53 Bericht eines Samenspenders "Das sind nicht meine Kinder"

Es gibt keine ausreichende rechtliche Absicherung, relativ wenig Geld - und irgendwann könnten sich 15 Kinder melden, deren sehnlichster Wunsch ein Kennenlernen mit ihrem biologischen Vater ist: Warum Männer zur Samenspende gehen, ist vielen ein Rätsel. Süddeutsche.de hat mit einem Spender gesprochen.

Von Felicitas Kock

Kinderrechte, Unterhaltszahlungen, unzureichende Gesetze: Immer wieder gab es in den vergangenen Wochen Aufregung um das Thema Samenspende. Zuletzt, als das Oberlandesgericht Hamm der 21-jährigen Sarah P. das Recht zusprach, den Namen ihres Samenspender-Vaters erfahren zu dürfen. Kritiker des Urteils befürchten, die Entscheidung könne zu einem deutlichen Rückgang der Spendebereitschaft führen. Experten halten das für unwahrscheinlich, bemängeln aber, dass die Reproduktionsmedizin in Deutschland nicht ausreichend gesetzlich geregelt ist - vor allem, wenn es um Unterhalts- und Erbansprüche leiblicher Kinder geht.

Warum aber entscheiden sich einige Männer angesichts dieser Unsicherheiten dazu, ihr Sperma zu spenden? Was sind zum Beispiel die Motive des 24-jährigen Dominik Kertes (Name v. d. Red. geändert)? Der Student, der erst seit Oktober in Bayern lebt, ist halb Ungar, halb Deutscher. Im Alter von 20 Jahren hat er in seiner Heimat Ungarn zum ersten Mal gespendet, jetzt geht er auch in München zur Samenbank.

Süddeutsche.de: Herr Kertes, wie kommt man auf die Idee, Samenspender zu werden?

Dominik Kertes: Es gab da eine Radiosendung in Ungarn, in der über das Thema berichtet wurde. Ich war Student und wollte meinen Eltern möglichst wenig auf der Tasche liegen. Die Samenbank war gleich um die Ecke, ich konnte mir also in kürzester Zeit 50 Euro verdienen.

Es ging Ihnen also nur ums Geld?

Damals ja. Ums Geld und um den Gesundheitscheck, der vor jeder Samenspende gemacht wird. Wo sonst bekommt man eine umfassende Untersuchung, ohne dafür zahlen zu müssen? Ich wollte vor allem wissen, ob mit meinem Sperma alles in Ordnung ist, ob ich überhaupt Vater werden kann. Jetzt spende ich nicht mehr aus rein egoistischen Gründen. Ich will auch Menschen helfen, die auf gespendetes Sperma angewiesen sind, um Kinder bekommen zu können.

Das klingt sehr selbstlos.

Das Geld und der Gesundheitscheck spielen natürlich weiterhin eine Rolle. Aber im Ernst, wer geht denn sonst zur Samenspende? Ich kenne niemanden. Ein einziges Mal habe ich einen anderen Spender getroffen und das war auf der Samenbank - er war zu spät zu seinem Termin erschienen. Die meisten meiner männlichen Freunde, mit denen ich über die Sache gesprochen habe, sind zwar neugierig. Tatsächlich ausprobieren will es aber keiner. Die haben alle Angst, dass dann irgendwann ein Kind vor der Tür steht, das seinen biologischen Vater kennenlernen will.

Und Sie haben keine Angst, dass das passieren könnte? Die Vorsitzende des Vereins "Spenderkinder" hat von einem Gericht gerade das Recht zugesprochen bekommen, den Namen ihres Vaters erfahren zu dürfen.

Nein. In Ungarn, wo ich etwa 18 Mal gespendet habe, wurde den Samenspendern grundsätzlich Anonymität garantiert. Als ich hier in Deutschland gehört habe, dass die Kinder den Namen ihres biologischen Vaters erfragen können, habe ich zunächst gezögert. Aber es ist ja nicht so, dass das Kind dann tatsächlich gleich an der Haustür klingelt. Ich würde vorher benachrichtigt werden. Und man könnte gemeinsam schauen, ob und wie ein Zusammentreffen möglich ist.

Würden Sie einem Treffen denn zustimmen?

Ich denke, dass Kinder es gar nicht erst erfahren sollten, wenn sie mithilfe einer Samenspende gezeugt wurden. Das tut ihnen einfach nicht gut. Es sind ja auch nicht meine Kinder, nur weil ich biologisch beteiligt war. Es kommt darauf an, von wem sie großgezogen wurden. Wenn sie aber eh schon Bescheid wissen, ist es etwas anderes. Dann würde ich einem Treffen wohl zustimmen. Ich wäre neugierig. Hat es meine Augen, mein Lächeln, meine Stimme?

Und wenn es Unterhalt fordert?

Soviel ich weiß, steht im Vertrag mit den Eltern, dass ich als Spender keinen Unterhalt zahlen muss. Außerdem würde ich es nicht fair finden, wenn das Kind Unterhalt beanspruchen würde, nachdem ich seinen Eltern dabei geholfen habe, es zu bekommen. Wenn ein Kind dennoch zu mir kommen und mich um Geld bitten würde, würde ich sagen: "Ok, aber dann bist später du dran." Wenn ich für ein Kind aufkomme, dann will ich schließlich auch, dass es sich um mich kümmert, wenn ich alt bin.

Wie reagieren die Leute, wenn Sie ihnen erzählen, dass Sie Samenspender sind?

Bisher habe ich keine negativen Erfahrungen gemacht. Meine Eltern wissen es, ein paar Freunde, einige Kommilitonen. Nur meiner Großmutter habe ich es absichtlich verheimlicht, sie ist ziemlich konservativ. Ansonsten gehe ich sehr locker damit um. Wenn ich zur Samenbank aufbreche, sage ich zu Freunden: "Ich gehe dann mal arbeiten." Dann lachen wir. Niemand findet etwas Verwerfliches daran. Nur viele Fragen gibt es natürlich - und immer wieder die Warnung vor dem Kind vor der Haustür.

Es heißt, manche Männer würden auch deshalb ihr Sperma spenden, um ihre Gene weiterzugeben.

Ach, tatsächlich? Daran denke ich eigentlich nicht. Obwohl...als ich gerade angefangen hatte, Samen zu spenden, hatte ich oft starke Schmerzen an der Wirbelsäule. Da habe ich zunächst gezweifelt, ob ich die Anlage zu diesem Rückenleiden wirklich weitergeben will. Ich habe dann aber angefangen zu schwimmen und die Schmerzen verschwanden. Außerdem wird die Gesundheit vor der Spende durchgecheckt. So schlimm kann es also nicht sein. Ansonsten sagen mir Leute, dass ich sehr positiv bin und viel lache. Diese Eigenschaft weiterzugeben, ist also in Ordnung. Und ich bin zielstrebig und diszipliniert. Das macht vielleicht auch einen schlechten Rücken wett.

Ein FAQ zum Thema Samenspende finden Sie hier.