Von Lars Langenau

Wirtstochter, Konkubine, Mutter von Konstantin dem Großen, Pilgerreisende, Wegbereiterin des Christentums, Entdeckerin von Jesu Grabesstätte. Was für eine Karriere.

(Foto: Istockphoto)

 
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Im Gegensatz zur oströmischen, vulgo orthodoxen, Kirche spielt Helena in der westlichen, katholisch geprägten Welt bislang keine große Rolle. Doch vielleicht ändert sich das ja noch. In den kommenden tausend Jahren? Hier jedenfalls sei der Anfang der Würdigung einer Frau gemacht, ohne die die Welt mit Sicherheit heute ganz anders aussehen würde.

Als Helena um 330 n. Chr. starb, trug sie den ehrenvollen Namen Flavia Helena Augusta. Ihrer niederen Herkunft zufolge, wäre sie nur wenige Kilometer über die Grenzen ihrer Heimat in einer unbedeutenden römischen Provinz gekommen. Wie fast alle Menschen der Spätantike hätte sie harte körperliche Arbeit verrichten müssen und wäre früh verstorben. Doch die Geschichte hatte mit Helena etwas anderes vor.

Denn weder Jesus selbst, noch seine Jünger, noch der ruhelose Apostel Paulus schafften es, dass aus einer kleinen jüdischen Sekte eine neue, eigenständige, starke und mächtige Religion entstand. Ein Glaubensbekenntnis, das die Welt erobern sollte. Und dies ist einzig und allein Helena zuzuschreiben. Denn Helena stand an einer geschichtlich entscheidenden Weggabelung. Somit ist sie die wahre Begründerin des Christentums in den Formen, die wir heute kennen.

Um ihre Herkunft wurden später Legenden gesponnen, so sei sie eine Stallmagd aus dem französischen Südwesten, eine englische Königstochter - oder eine Hure aus Trier. Wahrscheinlich stammt sie jedoch einfach aus einer heidnischen Gastwirtfamilie aus Drepanon (heute das kleine Karamürsel nahe Izmit in der Türkei). Früh wurde sie im Gasthaus eingespannt. Doch der Welt muss sie offen gegenüber gestanden haben. Denn eines Tages lernte sie den aufstrebenden römischen Offizier Flavius Konstantinus Chlorus kennen und wurde seine Geliebte – und schenkte ihm einen Sohn namens Konstantin.

Konstantinus befehligte die römischen Legionen im Norden und erwarb sich hier Ruhm. Helena folgte ihrem Geliebten - bis Trier zu ihrem Lebensmittelpunkt wurde. Doch zunächst war nur dem Feldherren eine große Zukunft beschieden. Mit einem großen Opfer: Für seine politische Karriere verstieß Konstantinus Helena und heiratete um 289 n. Chr. Theodora, die Stieftochter Kaisers Maximian. Schon kurze Zeit später stellte sich der Erfolg dieser Verbindung ein: Maximian adoptierte ihn. 293 wurde Konstantinus zunächst Caesar (Unterregent in der Tetrarchie) und somit auch Mitregent des Christenverfolgers Diokletian. Zwölf Jahre später erreichte Konstantinus die Spitze des Römischen Reiches: Er wurde Augustus – der „Erhabene“.

Helena war abgemeldet und wandte sich wohl zu dieser Zeit dem Christentum zu, das mittlerweile als Sekte überall im römischen Reich verbreitet war. Doch sie hatte ja noch einen gemeinsamen Sohn mit dem Kaiser, der später als Konstantin der Große in die Geschichte eingehen sollte. Konstantinus jedenfalls legte den Stein für eine Dynastie, in dem er seinen Erstgeborenen und Lieblingssohn nach Kräften förderte. Nach seinem Tod wurde Konstantin Heerführer der Legionen, die zuvor sein Vater befehligt hatte – und ließ sich in Britannien zum Kaiser ausrufen. Seine Mutter ließ er in seinem Stützpunkt Trier nachholen.

Doch Konstantin musste seinen kometenhaften Aufstieg vom unehelichen Sohn zum Kaiser verteidigen. Mit Gewalt – und mit der Unterstützung Gottes. Seine Feinde jedoch waren stark. In einer schier aussichtslosen Lagen angesichts einer riesigen Übermacht ließ er sich im Jahre 312 vor der Milvischen Brücke, die sich in Rom über den Tiber entspannt, auf einen fast verzweifelt wirkenden Deal ein. Seinen Feinden trat er mit einem Kreuz im Banner entgegen („In diesem Zeichen wirst Du siegen“). Konstantin trug einen bedeutenden Sieg gegen seinen römischen Mitkonkurrenten Maxentius davon. Ohne den Einfluss seiner Mutter wäre dies nie möglich gewesen.

Obwohl er sich selbst wohl nie taufen ließ, erließ Konstatin im Jahr nach seinem grandiosen Sieg in Mailand ein Toleranzedikt. Dies bedeute das Ende der Christenverfolgung - und machte erst die freie und rasante Ausbreitung des Christentums möglich.

Eigentlich größere Chancen zur neuen Weltreligion aufzusteigen, hätte zu dieser Zeit der Mithras-Kult gehabt. Dieser Mysterien-Kult war viel weiter verbreitet und war die Religion der römischen Legionäre. Spätestens seitdem sich Kaiser Commodus um 300 n. Chr. dem Kult verschrieben hatte. Schließlich hatten die Römer zu dieser Zeit schon lange den Kontakt zu ihrer Götterwelt verloren. Doch welch’ eine Vorstellung. Hätte sich der Mithras-Kult wirklich durchgesetzt: Wir würden heute einen Stier mit dicken Eiern anbeten. Auch davor hat uns Helena - wenn auch nur indirekt - bewahrt.

Helena selbst wurde schon zu Lebzeiten als Kaisermutter (Augusta) verehrt und pilgerte hoch betagt im Alter von wahrscheinlich fast 80 Jahren nach Palästina – zur Wirkungsstätte des Heilands. Dort ließ sie Grabungen durchführen und fand in Jerusalem unter einem Venustempel unter anderem das Grab Jesu. Aus den subversiv schon vorhanden christlichen Kultstätten wie dem Golgatha-Felsen machte sie offizielle Pilgerstation.

Und sie trug allerhand Reliquien zusammen, deren Originalität von vielen Christen bis heute nicht in Zweifel gezogen werden. Wundersamer Weise fand sie rund 300 Jahre nach dem Ableben des Heilands Teile des Heiligen Kreuzes, Dornen der Dornenkrone, ein Stück der Inschrift INRI Nägel, mit denen Jesu ans Kreuz geschlagen wurde, den Finger des Apostel Thomas – und die Leichen der Heiligen drei Könige. Zahlreiche Kirchenbauten gehen auf sie zurück, laut dem Ökumenischen Heiligenlexikon sind es unter anderem die Kreuzeskirche in Jerusalem, die Geburtskirche in Bethlehem und die Apostelkirche in Konstantinopel.

Als Helena um 330 n. Chr. starb war sie selbst in den Rang einer Heiligen aufgerückt. Ihre Gebeine ruhen heute in der Kirche Santa Maria in Aracoeli in Rom, ihr Haupt im Trierer Dom. Ihr Ruhm jedoch vermehrte sich nicht nur im Oströmischen Reich: Die Nagelschmiede erhoben Helena aus Dank zu ihrer Schutzpatronin. Und jeder darf ihr danken, wenn er einen lange gesuchten Gegenstand wiederfindet: Schließlich ist sie auch die Schutzherrin der Schatzgräber - und Patronin „zur Auffindung verlorener Sachen“.

(sueddeutsche.de)

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