Zwischenstopp Nouvelle Vague, Bogotá

Für unsere Sommerserie haben wir Autorinnen und Autoren um Texte über Transiträume und Haltestellen aller Art, Orte des Aufbruchs oder Innehaltens in Nah und Fern gebeten: Deniz Utlu geht in Bogotá ins Kino.

Von Deniz Utlu

Für unsere Sommerserie haben wir Autorinnen und Autoren um Texte über Transiträume und Haltestellen aller Art, Orte des Aufbruchs oder Innehaltens in nah und fern gebeten.

Im Mercado del Siete de Agosto jagen sie lebende Krebse durch den Mixer. Die sportlichen Hexen in ihren Sneakers und Sweatpants ziehen die Tiere mit Zangen aus der Bowle. Auf dem Weg zum Mixer strecken die Krebse und Hummer ihre Glieder aus wie winzige ängstliche Kinder. Gleich neben den Hexen, inmitten von Kartoffelsäcken, hängt in der Markthalle ein öffentliches Telefon aus einer anderen Zeit an einem Pfahl. Sollte es klingeln, der Anruf wäre entscheidend.

Abelardo hat uns gefunden in der Menge, der bärtige Freund von Vanessa und Simon, bei denen ich gestern Nacht untergekommen bin und deren Gästezimmer ich mit Lulo und Mango, den beiden Katzen, bewohne. Abelardo hat Schlaf in den Augen und legt seine großen Hände massierend auf Simons Schultern. Simon führt einen Löffel mit Früchten in den Mund seines Freundes, und dann können wir los. Vorbei an abgeschlagenen Schweineköpfen und melonengroßen Früchten mit Stacheln. In die Hinterstraßen Bogotás. Ich in einer schwarzen Jogginghose, Kapuzenpullover und Lederjacke, weil Air France meinen Koffer verloren hat. Es ist Sonntag, es ist Bogotá, ich falle nicht auf.

Wir machen halt in einer Bäckerei, an der Wand hängen Bilder des Eiffelturms. Simon recherchiert auf seinem Handy sofort wieder nach den Wahlergebnissen in Frankreich, er ist Franzose. Die Kellnerin ist Venezolanerin. In allen Imbissbuden, erzählt Vanessa, arbeiten Geflüchtete aus Venezuela. Wir reden über Flucht und Kolonialismus. Über Faschismus und Vertreibung. Über ökonomische Methoden und DNA. Wir reden über Goodwins Gesetz, dass nämlich jedes Streitgespräch an einem bestimmten Punkt beim Holocaust ankomme.

Danach schlendern wir zum Haus von Abelardo, um seinen Wagen abzuholen. Durch das Fenster einer Kneipe sehe ich einen Mann mit schmutziger Hose, der sich über den Tisch voller Bierflaschen beugt für einen Zungenkuss.

Ich laufe weiter, um den Anschluss nicht zu verlieren. Wir reden über Berufe und Sonntage: Abelardo verleiht Gabelstapler, das ist sein Job. Ansonsten mag er Fahrräder, und Unterwasser-Rugby und deutsche Mädchen. Aus seinem Gesicht wuchert ein schwarzer Bart, die freien Stellen seiner Haut, die Augen, die Stirn, sind braun und gegerbt von der Sonne. Er schließt ein Garagentor auf, und wir gelangen durch einen Riss in der Flurwand in die Küche, in die seine Cousinen gerannt kommen. Abelardo wohnt zusammen mit Müttern und Schwestern und Cousinen. Um an den Wagen zu kommen, muss er zehn Fahrräder zur Seite räumen. Er fahre überall mit dem Fahrrad hin, erzählt mir Simon über Abelardo. Durch Verkehr und Hintergassen. Simon wisse nicht, was davon in Bogotá gefährlicher sei: der Verkehr oder die Gassen. Einmal hätten sie Abelardo vom Fahrrad geschubst, um es zu stehlen. Dass sie ihm auch noch ein Messer in den Rücken gerammt hätten, sei völlig grundlos gewesen.

Wir fahren in die Bibliothek Virgilio Barca - ein Zylinder, der wie eine Marssonde in der Landschaft liegt. Rogelio Salmona, Freund von Le Corbusier, hat das Gebäude gebaut. Das wechselhafte Licht bricht in den vielen Becken und dem Burggraben. Wir laufen die Treppen hinauf. Durch die großen Fenster auf allen Seiten sind Wolken zu sehen und Anden und Grün und rote Hochhäuser. Die Wolken ziehen sich zusammen mit einer heftigen Bewegung. An einer Stelle brechen Sonnenstrahlen durch und leuchten auf zweitausend Meter Höhe den Sprühregen an, der so groß ist wie ein Armenviertel.

Auf dem Weg ins Kino in der obersten Etage eines Centro Comercial erreichen uns zwei Nachrichten aus Frankreich: erstens, dass mein Koffer eingetroffen sei und zweitens, dass Macron gewonnen habe. Simon und Vanessa können jetzt an ihren Plänen festhalten, nach Frankreich zurückzukehren. Sagen sie. Ich bin mir nicht so sicher, aber das hören sie nicht gerne. Wir kaufen Tickets für einen französischen Film, aber das hat nichts mit Macron zu tun: "Un sac de billes" - Joseph Joffos Flucht als jüdisches Kind in die unbesetzte Zone. Frankreich und Shoah im Kino in Bogotá. Goodwins Gesetz.

Deniz Utlu, geboren 1983 in Hannover, lebt in Berlin. 2015 erschien sein Roman "Die Ungehaltenen".