Zweiter Fund im Fall Gurlitt Salzburger Angelegenheit

Cornelius Gurlitts Haus in Salzburg

In Cornelius Gurlitts Haus in Österreich lagerten Dutzende Meisterwerke der Moderne. Es handele sich überwiegend um Ölgemälde, bestätigte sein Anwalt, die von "ihrem materiellen Wert viel höher einzuschätzen sind" als der Schwabinger Kunstfund. Aber wo kommen sie her?

Von Catrin Lorch, Ira Mazzoni und Kia Vahland

Cornelius Gurlitt war nie allein. Er hatte seine Bilder immer bei sich. So war es in seiner Schwabinger Eigentumswohnung, in der die Staatsanwaltschaft vor zwei Jahren über 1000 Werke beschlagnahmt hatte, das Erbe seines Vaters Hildebrand Gurlitt, eines vom NS-Regime wohlgelittenen Kunsthändlers. Und so war es, wie jetzt bekannt wurde, auch in dem unscheinbaren, schlicht verputzten Einfamilienhaus, das Cornelius Gurlitt in Salzburg besitzt. Noch bis Montag dieser Woche versammelte der Händlersohn 60 Werke großer Meister in diesem Haus: Gemälde von Renoir, Monet und Manet, eine Zeichnung von Picasso, zudem Stücke von Pissarro, Courbet, Corot, Toulouse-Lautrec, Liebermann, Wilhelm Busch.

Gurlitts Anwalt Hannes Hartung sagte der SZ, gefunden worden seien überwiegend Ölgemälde, die von ihrem kunsthistorischen Rang und ihrem materiellen Wert viel höher einzuschätzen seien als alles, was in Schwabing verwahrt wurde. Es handele sich um Privateigentum. Man habe die Werke im Auftrag Gurlitts aus dem Haus abtransportiert, an einen sicheren Ort gebracht und versichern lassen. "Wir begrüßen es sehr, dass die österreichischen Behörden Privateigentum respektieren", sagt Hartung in Anspielung auf die Münchner Beschlagnahmung.

"Museen haben Hausaufgaben nicht gemacht"

Seit dem Bekanntwerden des Schwabinger Kunstfundes im November hat man von Cornelius Gurlitt kaum mehr gehört als hilflosen Protest. Doch nun spricht sein Anwalt Hannes Hartung. Der wirft Öffentlichkeit und Justiz Scheinheiligkeit vor. Ein Gespräch über Persönlichkeitsrechte und das Problem der Raubkunst. Von Jörg Häntzschel mehr...

Was aber heißt das: Privateigentum? Selten ließ dieser Begriff so viele Interpretationen zu wie im Fall Gurlitt, der auch deswegen so sensationell ist, weil er die großen Fragen der deutschen Zeitgeschichte auf den Punkt bringt: Wie profitieren die deutsche Gesellschaft, ihre Institutionen oder einzelne Bürger, vom belasteten Erbe der NS-Täter? Und wie ließe sich besser damit umgehen?

Der 81-Jährige war sich offenbar immer sicher, der enorme Bilderschatz, den er über seine Mutter von seinem Vater geerbt hatte, gehöre ihm allein. Er forschte nicht nach den jüdischen Vorbesitzern, denen möglicherweise Hunderte der Werke gehörten, bevor sie diese unter dem Druck der Verfolgung abgeben mussten. Er fragte nicht, was sein Vater im Auftrag des Regimes unter welchen Bedingungen in den besetzten Gebieten, besonders in Frankreich, erstanden hatte. Und er interessierte sich nicht dafür, aus welchen staatlichen Museen die Nazis die vielen Hunderte Grafiken und andere Werke der Klassischen Moderne geraubt hatten, die sich auch in dem Schwabinger Bilderkonvolut befinden.

Diesen Fragen geht inzwischen eine Taskforce aus Experten und Interessensvertretern nach. Koordiniert vom Ministerium der Kulturstaatsministerin betreiben sie Provenienzforschung. Die Schwabinger Sammlung wird nach wie vor in Gewahrsam gehalten von der Staatsanwaltschaft, die in Steuerfragen und wegen Unterschlagung ermittelt.

Welche Bilder aus welchen Quellen?

Weder die Staatsanwaltschaft noch die Taskforce möchten den neuen Bilderfund kommentieren: das sei eine Aktion der Anwälte. "Natürlich werden wir diese Werke nicht der Taskforce zeigen", sagt der Anwalt Hannes Hartung, "diese betreibt Provenienzforschung im Rahmen eines Strafverfahrens und gegen den Willen des Eigentümers Cornelius Gurlitt."

Wie aber kamen diese Gemälde und Zeichnungen in Gurlitts Hände und in das Salzburger Haus? Immerhin war dies wohl sein eigentliches Zuhause, man muss davon ausgehen, dass er hier die ihm wirklich wichtigen Werke verwahrte.

Cornelius Gurlitt blieb erst nach dem Tod von Mutter und Schwester dauerhaft in München und zog in die Wohnung in Schwabing. Aus welchen Quellen die Salzburger Bilder stammen, ist nicht einfach zu rekonstruieren.

Naheliegend ist der Verdacht, dass Cornelius' Vater Hildebrand etwas mit den klingenden Namen zu tun hatte, deren Werke nun aufgetaucht sind. Nach eigenen Aussagen verdankte Hildebrand Gurlitt seine Kunsthändler-Karriere im Dritten Reich "ein wenig gelenkten Zufällen". Es sei, so erzählte er, "eine gefährliche Seiltänzerei gewesen", besonders im besetzten Frankreich, "als ich mich 'rive gauche' in Paris verkrümeln konnte."

Dort scheint er sich recht wohl gefühlt zu haben. Schon Anfang der Vierzigerjahre kaufte er preisgünstig in Pariser Galerien Kunst für diverse deutsche Museen und Privatsammler. Das Angebot war riesig. Frankreichs Kunstschätze - nicht nur aus jüdischen Sammlungen - wurden regelrecht geplündert. Die Einkaufsbedingungen waren äußerst günstig: Die Besatzungsmacht hatte einen Umtauschkurs von 20 Francs zu einer Reichsmark festgesetzt. Ein in Frankreich erworbenes Gemälde konnte bisweilen mit einhundert Prozent Gewinn in Deutschland weiterverkauft werden. Vor allem das Interesse an der Kunst des französischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts war sehr groß.

Chef-Einkäufer für das Führer-Museum

Ab 1943 agierte Hildebrand Gurlitt als Chef-Einkäufer für das in Linz geplante Führermuseum - im Auftrag seines langjährigen Freundes Hermann Voss, der als Sonderbeauftragter Linz eingesetzt war. Zu dem Depot der in jüdischen Häusern beschlagnahmten Kunst des "Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg" hatte er keinen Zugang. Doch er hatte Kontakt zu dem Händler Gustav Rochlitz, der für Hermann Göring lukrative Tauschgeschäfte abwickelte und Impressionisten, Fauve-Künstler und Kubisten auf den Markt brachte.

Das bei der Dresdner Bank für die Linzer Geschäfte eingerichtete Konto Hildebrand Gurlitts bezifferte die Umsätze von Anfang 1943 bis 1945 auf insgesamt 3 749 000 Reichsmark. Dazu kamen die privaten Geschäfte des Kunsthändlers. Da Gurlitt einen überaus guten Kunstgeschmack besaß, konnte er auf dem Pariser Markt auch das ein oder andere Bild für seine eigene Sammlung erwerben.

Als das Folkwang Museum in Essen 1954 die Ausstellung "Französische Malerei und Grafik des 19. Jahrhunderts" in der Villa Hügel arrangierte, war Hildebrand Gurlitt als wichtiger ungenannter Leihgeber mit von der Partie (SZ vom 7. Dezember). Die Federzeichnung einer sprungbereiten Löwin, die zum "Schwabinger Kunstfund" gehört, wurde dort gezeigt. Ebenfalls aus "Deutschem Privatbesitz" waren in Essen drei Bilder von Pierre-Auguste Renoir und drei Bilder von Monet ausgestellt. Darunter das Gemälde "Junges Mädchen im Garten" von Renoir und die Waterloo-Brücke in London, 1903 von Monet gemalt.

Gurlitts Anwalt Hannes Hartung, der bei der Räumung in Salzburg dabei war, beschreibt genau solch eine Londoner Stadtlandschaft im Gespräch mit der SZ. Nahe liegt also die Vermutung, dass sich Leihgaben Hildebrand Gurlitts für die Essener Schau von 1954 bis vergangenen Montag im Salzburger Haus seines Sohnes befanden. Cornelius Gurlitts Anwälte haben die Bilder aus Salzburg mit zwei Verzeichnissen abgleichen lassen: Lostart, der Sammelstelle für abhanden gekommene Kunst, und den Listen der Amerikaner, die Hildebrand Gurlitt nach dem Krieg befragt hatten. Weil es laut Hartung keine Übereinstimmung gab, überlegt er, ob Hildebrand die Bilder erst nach dem Krieg erstanden haben könnte.

Markt war leergefegt

Das allerdings ist unwahrscheinlich, denn der Markt zwischen 1945 und 1954 war leergefegt. Und Hildebrand Gurlitt hat in zwei Depots nach dem Krieg, in Sachsen und in einer fränkischen Mühle, Werke vor den Amerikanern versteckt. Gut möglich, dass er hier gerade die französischen Meisterwerke verborgen hat, die später sein Sohn verwahren sollte. Die Bilder, die Hildebrand Gurlitt im Krieg dem Wallraf-Richartz-Museum und der Hamburger Kunsthalle vermittelte hatte, wurden an Frankreich restituiert. In Köln war Gurlitt selbst bei der Rückführung helfend involviert. Auf Beschluss der Alliierten vom 22. Februar 1946 mussten die deutschen Museen die in besetzten Ländern erworbenen Kulturgüter zurückführen.

Private Eigentümer scheint diese Maßnahme jedoch nicht betroffen zu haben. Auch Gurlitt nicht. Monet, Manet, Renoir, Corot, Courbet: Das sind große französische Namen. Gemälde solcher Meister gehören zu den wichtigsten Zeugnissen der Frühmoderne. Gut möglich ist, dass Hildebrand Gurlitt die Werke, die bis vor wenigen Tagen noch bei seinem Sohn Cornelius in Salzburg lagerten, im besetzten Frankreich erstanden hat - als privater Händler und Sammler. Die drängende Frage nach der Herkunft der 60 Werke müssen Anwälte und Experten jetzt beantworten.