Von André Weikard

Das Geschäft mit der Eitelkeit: Mit dubiosen Praktiken ködern sogenannte Zuschuss-Verlage literarische Amateure. Dichterruhm zum Selbstkostenpreis.

Herr Petersen geht seit Stunden von Messestand zu Messestand. Die Füße tun weh, die Beine werden schwer. Aber das Manuskript in seiner Tasche will ihm niemand abnehmen. Keiner von den geschäftigen Lektoren hat Zeit, ihm zuzuhören. Alle winken ab: "Schicken Sie uns ein Exposé." Das hat Herr Petersen längst getan. Zurück kamen nur Standardbriefe. Seine Memoiren, man bedaure, passten nicht ins Verlagsprogramm. Manchmal gab es auch gar keine Begründung.

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"Es gibt keinen größern Trost für die Mittelmäßigkeit, als daß das Genie nicht unsterblich sei." Ob sich sich die Amateur-Autoren mit einem Zitat aus Goethes Wahlverwandschaften trösten lassen? (© ag.ap)

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Herr Petersen ist schon auf dem Weg zum Ausgang, als ihm eine junge Frau ein Schälchen mit Konfekt reicht: "Greifen Sie zu." Die freundliche Dame stellt sich als Lektorin des August-von-Goethe-Verlags vor. Und zu seiner großen Überraschung erfährt Herr Petersen: Dieser Verlag sucht Autoren. Stellwände und Plakate am riesigen Messestand verkünden es. Der Amateur-Autor lässt seine Mappe und seine Visitenkarte am Stand, nimmt noch ein Stück Schokolade und macht sich gut gelaunt auf den Heimweg.

Nichtssagende Floskeln

Nur Tage später erreicht ihn die erhoffte Nachricht: Die "Lektorenkonferenz" habe "eine klare Entscheidung" getroffen: Die Veröffentlichung seines Manuskripts werde befürwortet! Herr Petersen greift sofort zum Telefonhörer. Er vereinbart einen Termin im Verlag. Das Gutachten, das man ihm vorliest, ist voll des Lobes: "Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet, individuell gestaltet und sehr authentisch.

Der Ton der Darstellung ist (...)von hoher sprachlicher Qualität und der stilistische Reichtum der einzelnen Episoden zielt auf eine breite Leserschaft. Aus diesem Grund haben wir dieses Werk zur Veröffentlichung empfohlen." Was Herr Petersen noch nicht weiß: das Manuskript, das die Lektorin des August-von-Goethe-Litera- turverlags da anpreist, hat sie nicht gelesen. Das vermeintlich fachliche Gutachten ist aus nichtssagenden Floskeln zusammengeschustert.

Warum aber sollte eine Lektorin einem Autor einreden wollen, sein Manuskript, möglicherweise ein schlechtes, zu veröffentlichen? Weil sie am Erfolg des Buches gar nicht interessiert ist. Der August-von-Goethe-Verlag ist ein sogenannter Zuschussverlag. Das Geschäftsmodell sieht vor, dass der Autor die Kosten für Lektorat, Erstauflage und Vertrieb vorfinanziert. Der Termin, zu dem der Verlag geladen hat, ist eine Farce.

"Auf der Suche nach den Glücksböhnchen"

Auf dem Tisch liegen drei Verlagsangebote. Zwischen 6144 und 8736 Euro soll der Autor, je nach Variante, zahlen, damit sein Werk in Druck geht. Die Autoren, das sind Pensionäre, die wie Herr Petersen ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben haben; Frauen, die über Engel und Nahtoderfahrungen berichten; oder Großväter, die ein Kinderbuch für ihre Enkel verfasst und illustriert haben.

Ihre Bücher heißen "Eddie: Erlebnisse eines Cocker Spaniels" oder "Auf der Suche nach den Glücksböhnchen: Leben mit Brustkrebs". Verlegt wird so ziemlich alles, solange der Autor die "Publikationskosten" aufbringt. Das Geld, so suggeriert das Angebot, werde man wieder einnehmen. Der August-von-Goethe-Verlag rechnet vor: Bei einer verkauften Auflage von 5000 Exemplaren betrage das Autorenhonorar satte 16200 Euro.

Damit der Verkaufserfolg gelingen kann, verspricht der Verlag, sich ordentlich ins Zeug zu legen. Das Werk werde auf den Buchmessen in Frankfurt, Leipzig, Basel, Wien, London und, ja, "evtl. New York" vorgestellt. Es sind "Anzeigen in der Zeit mit Abbildung des Buches und evtl. Fotoportrait von Ihnen" möglich. Das alles ist aber, gibt der Verlag zu, "aus Kostengründen nur teilweise zu empfehlen". Denn die Kosten übernimmt auch hier der Autor.

Aber wem die Anzeige in der Zeit zu teuer komme, der könne auf einen TV-Auftritt im "Deutschen Literaturfernsehen" setzen. Das ist eine amateurhafte Internetseite, die 15-minütige Autoren-Clips präsentiert. Kostenlos ist der Auftritt im "weltweiten Internet" nur, wenn der Autor das Filmchen selbst aufnimmt. Wer sich beim Lesen filmen lässt, muss 360 Euro "einmaligen Selbstkostenpreis" berappen. Das alles steht nicht im Vertrag, sondern ist nur auf Nachfrage zu erfahren. Genau hinzuschauen lohnt sich auch noch bei anderen Punkten des obskuren Verlagsangebots.

Das Deckblatt, das eine Zusammenfassung der wichtigsten Vertragsinhalte enthält, vermerkt etwa die Gesamtauflage des Titels sei "unbeschränkt". Tatsächlich ist aber eine "rasch zu druckende Startauflage von z. B. 300 Stück" vorgesehen. Das spare die "hohen Lagerkosten". Nachgedruckt wird erst nach Abverkauf. Wer jetzt aber glaubt, wenigstens diese 300 Exemplare gehörten dem Autor - er hat ja schließlich mehrere tausend Euro dafür bezahlt -, der irrt. Der generöse Verlag gewährt dem Autor zwar einen Rabatt auf seine eigenen Bücher von 50 Prozent, dafür bekommt er aber im "preisgünstigen Vorzugsmodell" für die ersten tausend verkauften Exemplare überhaupt kein Honorar.

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