Otto von Freising hat seine berühmte Chronik im Auftrag des staufischen Königshauses geschrieben, völlig ungefärbt kann sie nicht sein. Warum also nicht Otto und Barbarossa aus den Chroniken aufgeschriebener Staatshandlungen herausheben und sie durch Menschen aus Fleisch und Blut verkörpern lassen? Schon Goethe wusste, Aristoteles folgend, dass poetische Freiheit dem historischen Stoff mehr abgewinnen kann als das viel beschworene authentische Dokument.
"Robert Blum und die Revolution", am 18. November, um 20.15 Uhr. (© Foto: ZDF/Jan Prillwitz)
Anzeige
"Die Deutschen" unternehmen eine Zeitreise und kleiden die Vergangenheit in Bilder, so dass eine Ahnung von der Sachsenburg Werla entstehen kann, dem Inferno Magdeburgs im 30-jährigen Krieg oder den Straßenkämpfen 1848 in Berlin. Nicht mehr, aber gewiss auch nicht weniger. Bessere Animationen und Visual Effects als in dieser Reihe gibt es derzeit in keiner internationalen Dokumentation.
Die entscheidende Frage zu den "Deutschen" - an diesem Sonntag beschäftigt sich Folge 7 mit "Napoleon und den Deutschen" - ist bisher nicht gestellt worden: Warum hat dieser schwierige Stoff, ausgebreitet immerhin über zehn Teile, breiten Zuspruch gefunden?
Ein Bedürfnis
Offenbar gibt es ein Bedürfnis, den Facettenreichtum deutscher Geschichte kennen zu lernen, neben der überaus wichtigen und richtigen Betrachtung von Geschichte und Vorgeschichte historischer Abgründe des 20. Jahrhunderts. Die Menschen haben den "Geschichtsfelsen Nationalsozialismus" (Hagen Schulze, deutscher Historiker) etwas zur Seite gerückt. Ihnen ist bewusst, dass es auch davor etwas gab, das nicht als etwas Totes und Abgestorbenes hinter ihnen liegt, sondern das in ihnen lebendig bleibt.
Dieses Interesse zu bedienen und vielleicht zu fördern, macht den Wert "der Deutschen" aus. Der Deutungshoheit der Universitäten und dem Kulturjournalismus der großen Feuilletons wird deshalb nichts genommen. Die Reihe soll die 17-jährige Schülerin erreichen, den Bürger und auch Professoren. Dafür muss die Programmqualität nicht verraten werden, dafür muss niemand mit Klimbim verführt werden, ganz im Gegenteil.
Aber mit der beschworenen Komplexität der deutschen Geschichte und ihres Sonderweges ist es eben nicht getan. Den Stoff klug und korrekt zu vereinfachen auf seine Substanz, phantasievoll zu sein und spannend zu erzählen, das muss der Weg einer solchen Unternehmung sein. Alles andere liefe auf Geschichtswissen für eine Elite hinaus, wäre ein Rückfall in deutsche akademische Tradition, die um sich selbst kreist. Bitte nicht. Nur wer fasziniert ist, lernt auch.
Otto mit seinem Sohn zu Pferd im sächsischen Wald, mit dem Reisekönigstross nach Aachen, auf altsächsisch im Gespräch mit einem Bauer (hat man bisher in Film und Fernsehen jemals Althochdeutsch gehört?): Welch schöne Szenen, die sich als Unterrichtsmaterial in Schulen anbieten, das finden jedenfalls die Lehrer.
Am Ende sind unsere Vorfahren, die seltsame Namen trugen wie Ottonen, Salier und Staufer, so manchem etwas vertrauter. Lasst uns um jeden froh sein, der sich für diesen Stoff begeistern kann. Und lasst uns mit dem Fernsehen etwas gelassener umgehen.
Peter Arens, 47, ist Leiter der Hauptredaktion Kultur und Wissenschaft im ZDF und für "Die Deutschen" verantwortlich.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
(SZ vom 15.11.2008/rus)
Bundespräsident Gauck in Israel
Schon lustig, dass als Verteidiger der ZDF-Serie der selbst dafür verantwortliche Redakteur einspringen muss. Gab's sonst niemanden, der das übernehmen wollte?
Und Guido kNOpp jetzt als denjenigen zu feiern, der die gesamte deutsche Geschichte wiederentdeckt, geht ja auch leicht daneben, hat er doch sein bisheriges Brot bis zum völligen Überdruss mit "Hitlers xxx" verdient...
Nun 40 Jahre nach der großen "Revolution" die doch alles besser machen sollte brechen auch die ideologischen Tabus die damals gesetzt worden.
Deutschland ist mehr als Hitler, Deutschland ist mehr als zweiter Weltkrieg und Holocaust.
Deutschland ist 2500 Jahre Geschichte, eine der wichtigsten Nationen Europas. Begonnen bei denen die die Römer aufhielten und dem Vater Europas, hat Deutschland entscheidenden Einfluss auf die europäische Geschichte. Sich dessen zu erinnern und so eine Identität für diese Nation zu bilden war 40 Jahre lang bei politischer Hinrichtung verboten.
Gut das diese Zeiten ihr Ende finden.
Leider sehr spät, aber noch nicht zu spät.