Von Peter Arens

Warum findet dieser schwierige Stoff so breiten Zuspruch? Und warum wird die Doku von den Kritikern zerrissen? Eine Verteidigung der ZDF-Reihe "Die Deutschen".

Mit dem Auftaktfilm der Reihe "Die Deutschen" über den Sachsenkönig Otto I. aus dem 10. Jahrhundert hat das ZDF vor drei Wochen einen Nerv getroffen. Noch nie haben 6,5 Millionen Zuschauer den Terra-X-Sendeplatz am Sonntagabend eingeschaltet. Auch Medienseiten und Feuilleton der großen Zeitungen haben vernehmlich wie selten reagiert, allerdings nicht ohne Unbehagen. Das Programm sei zu schnell und zu laut ("Doku-Disco"). Geschichte im Fernsehen, inszeniert mit Schauspielern, könne immer nur faktenfreie Fiktion sein und sei daher für den Schulunterricht nicht geeignet. Außerdem würde die Reihe der schwierigen deutschen Identität nicht gerecht, käme ihr das "Wir-Sagen" zu schnell über die Lippen. Reduzieren wir den kritischen Kanon auf den Kern: Das Ganze sei eben nur Unterhaltung.

die deutschen zdf

Läuft am 16. November um 19.30 Uhr: "Napoleon und die Deutschen" (© Foto: ZDF/Jan Prillwitz)

Anzeige

Wem hierzulande bei ernst gemeinten Kulturvorhaben das Verdikt Unterhaltung entgegen schlägt, hat immer noch ein ernstes Problem, das gilt natürlich besonders für das Fernsehen. Dabei wird besonders im angelsächsischen Verständnis die anspruchsvolle Unterhaltung als eine Königsdisziplin angesehen, wird zwischen Hoch- und Populärkultur nicht unterschieden.

Im Bereich der modernen Bildungsdokumentationen hat in den letzten Jahren eine filmische Revolution stattgefunden, die von einem Millionenpublikum dankbar registriert worden ist - und deutsche Produktionsfirmen wie die Kölner Gruppe 5 sind im Urteil des internationalen Markts längst auf Augenhöhe mit den lange bewunderten Anbietern aus England und den USA.

Das gilt besonders für die Darstellung von Geschichte. Früher hat man sich beispielsweise für das Mittelalter auf alte Urkunden und Miniaturmalereien beschränken müssen, hat die baulichen Überreste der Gelnhausener Kaiserpfalz abgefilmt oder den Bamberger Reiter. Heute stellen aufwändige Komparserie und der Computer die Lechfeldschlacht von 955 nach und verkörpern Schauspieler alte Herrscherfiguren wie Heinrich IV., der vom Papst gedemütigt den Gang nach Canossa antritt. Die Dialoge folgen intensiven Recherchen, sind von Historikern geprüft und entweder verbürgt oder folgen dem Grundsatz der Wahrscheinlichkeit: Wie ist es aller Wahrscheinlichkeit nach gewesen?

Wer dieses Verfahren Fiktion nennt, sollte berücksichtigen, dass auch die Geschichtsforschung Rekonstruktion betreibt, betreiben muss. Auch sie kann nur Vorstellungen von Vergangenheit erzeugen, wiederherstellen kann sie sie nicht. Und sind die Gemälde und alten Texte, die die Historiker mühsam interpretieren, wirklich glaubwürdiger?

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum Lehrer die Doku mögen.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Lasst uns gelassener sein
  2. Lasst uns gelassener sein
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Eigentümer der Lebensläufe

Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...