Zur Kritik am Islam Der innere Feind

"Was heißt da ,nicht historisch?", wenden daraufhin die sogenannten Islamkritiker ein. Sieht nicht der "Dschihad" von vornherein die Eroberung der Welt vor? Aber das ist ein Argument, das man nach Belieben drehen kann: "Es sei kein Zwang im Glauben", heißt es etwa im Koran (Sure 2, 256), und "cogite intrare" ("nötige sie einzutreten") sagt Augustinus zu den Abweichlern. Christen waren in dieser Hinsicht, von den Kreuzzügen über die Inquisition bis zu den Hexenverbrennungen, überhaupt oft dieser Ansicht. Doch was nutzt, sich mit Fragmenten der Geschichtsschreibung zu bewerfen? All diese Ausflüge in ferne Zeiten und noch fernere Weltgegenden sind Gegenstände der Deutung und tragen nur bedingt zum Verständnis des gegenwärtigen Islam und noch weniger zu einer Antwort auf die Frage bei, wie mit den radikalisierten Muslimen in Deutschland umzugehen sei.

Buchstäbliche Leseart

Um diese Antwort zu finden, muss man sich, wie die Aufklärung des 18. Jahrhunderts und anders als die sogenannten Islamkritiker, die Mühe machen, nach den Gründen zu suchen, die große Gruppen von Muslimen in den vergangenen zwei Jahrzehnten dazu brachten, sich fanatisch auf eine radikale, vermeintlich buchstäbliche Lesart des Koran und der Scharia zu versteifen - mit allem, was das an Unterdrückung, insbesondere an Unterdrückung der Frau, bedeutet. Voraus ging jedenfalls eine Begegnung mit der Moderne, die eine Anpassung der muslimischen Welt an westliche Lebensstile erforderte, und die, eben weil sich der Islam als Siegerreligion versteht, als katastrophale Niederlage wahrgenommen wurde. Und so wenig man gehalten ist, Sympathie für den verlierenden Islam zu entwickeln, geschweige denn, sich sein Gefühl von Demütigung zu eigen zu machen, so dumm ist es, die Schwächung der islamischen Welt durch Verachtung zu komplettieren, indem man ihr jedes Verständnis verweigert - und, schlimmer noch, schon das Verstehen-Wollen der islamischen Welt für eine Kapitulation hält.

Die historische Aufklärung war eine höchst pragmatische Veranstaltung. Sie wusste sehr wohl, was Fundamentalismus, auch der Fundamentalismus des Säkularen, kosten kann. Deswegen besteht Lessings Nathan der Weise darauf, dass es sinnvoller sei, sich als anständiger Mensch aufzuführen, anstatt die Konflikte zwischen den Religionen nicht scharf zu behandeln. Unter den Islamkritikern hingegen scheint völlig in Vergessenheit geraten zu sein, wie viel Leid, wie viel Blut der Religionsfreiheit auf europäischem Boden vorausging. Es wäre vermutlich nie zu einer Aufklärung gekommen, hätte es nicht die europäischen Glaubenskriege und ihre Millionen Toten gegeben, die Hugenottenkriege und den Dreißigjährigen Krieg. Es gibt wenig Grund dafür, Jahrhunderte später neue religiös-politische Spannungen aufzuheizen, und schon gar keinen, die gewöhnlichen Tätigkeiten des Verstandes, also das Unterscheiden und Verstehen, für einen Verrat am kämpferischen Volksgeist zu halten.

Westliche Werte

Abstraktionen, in der Wirklichkeit geltend gemacht, entwickeln eine fatale Neigung zur Gewalt. Das gilt auch für die "westlichen Werte", die sich, ins Offensive gewendet und über alle gesellschaftliche Praxis gestellt, in militante Propaganda verwandeln. Den allergrößten Teil der Schandtaten, die dem radikalen Islam zugeschrieben werden, kann man dem bürgerlichen Recht und der Strafverfolgung überlassen. Tatsächlich gibt es rechtsstaatliche Einschränkungen der Religionsfreiheit - etwa dann, wenn es um das religiös begründete Recht auf ehelichen Verkehr auch gegen den Willen der Frau geht. Im deutschen Recht ist, seit einiger Zeit, Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Wenn indessen Intellektuelle, die sich auf die Aufklärung berufen, dem Schweizer Minarett-Verbot applaudieren, zeichnet sich etwas ganz anderes ab: die Überbietung der rechtsstaatlichen Einhegung der Religionen durch die präventive Beschneidung der Religionsfreiheit - unter Verweis auf die allgemeine Weltlage oder auf dokumentierte Gesetzesverstöße einzelner Muslime. Dieses Modell aber bedeutet die Ungleichbehandlung der Religionen. Denn wenn ein christlich geprägter, autoritärer bayerischer Familienvater seine Frau vergewaltigt, ist dies ein Fall für den Richter - und kein Anlass für ein Volksbegehren gegen die architektonische Präsenz der katholischen Kirche in bayerischen Dörfern.

Die Feindschaft gegen den Islam nun ist angeblich der Notwendigkeit geschuldet, auf Gewalt in gleicher Art und Weise zu reagieren: Da der Islam - sollte es denn tatsächlich nur den einen geben und keine Notwendigkeit weiterer Unterscheidung - eine Glaubensgemeinschaft sei, die alles abweichende Denken rigoros bekämpfe, müsse er mit den eigenen Mitteln bekämpft werden, sagen seine Kritiker. So halten sich beide Seiten gegenseitig für das absolut Böse. Das absolut Böse aber ist eine bemerkenswert fromme Idee, insbesondere für Leute, die sich selber für überzeugte Säkularisten halten. Andererseits entspricht sie genau dem, was sie wollen - denn schon die Frage nach Gründen gilt ihnen als Zeichen der Schwäche. Wer nach Motiven für den Fanatismus radikaler Muslime fragt, soll schon deren Komplize sein. Wer über die Bedingungen der Möglichkeit politischer Radikalisierung junger muslimischer Männer im frühen 21. Jahrhundert nachdenken will, wird sofort als "Gutmensch" denunziert. Das ist radikal und gehorcht der Logik: Wenn jedes Argument die Entschlossenheit des Westens zersetzt - dann ist in Wahrheit die aufklärerische Vernunft der innere Feind des Westens, so wie der Islam sein äußerer ist.

Innergesellschaftlicher Feind

Wenn der militante Islamismus tatsächlich der innergesellschaftliche Feind wäre, als den ihn die Islamkritiker darstellen, dann wäre er innerhalb der westlichen Ordnung nur auf zwei Wegen zu bekämpfen: reaktiv durch den Rechtsstaat, präventiv durch Verhandlungen. Soweit aber wollen die Islamkritiker nicht denken. Sie klagen den Islam zwar an und werden nicht müde, den Untergang des Abendlandes durch die islamische Bedrohung zu bebildern - sagen aber mit keinem Wort, welche politischen Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Von den Kritikern des Islam ist daher zu erwarten, dass sie endlich offenlegen, wie sie mit dem Islam in Deutschland umgehen wollen. Sie haben zu zeigen, wie sie mit wem reden, wie sie mit wem umgehen wollen. Sie haben zu erklären, wie und warum sie als Liberale für die präventive Einschränkung der Religionsfreiheit sind und was sie daraus an praktischen Schlüssen ziehen wollen: nicht für Iran, nicht für den Jemen, nicht für die Taliban, sondern hier, für das eigene Land. Solange sie das nicht tun, muss man annehmen, dass sie den Islam gar nicht kritisieren wollen, sondern vertreiben.