Wir brauchen fiktive Bindungen an Anfang und Ende: Es bleibt uns nichts anderes übrig, als in Wissenschaft und Poesie die Zukunft immer neu zu erfinden.
Die Zukunft ist eine relativ junge Erfindung. Die meisten Menschen der Vergangenheit - und, wie man wohl annehmen mag: die meisten Menschen jener Erdteile, die von der Zukunft gegenwärtig zurückgelassen werden - lebten in der Gewissheit, dass sich ihre irdische Existenz nicht wesentlich vom Leben ihrer Vorfahren unterschied.
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Erst seit den industriellen und wissenschaftlichen Revolutionen sehen sich die Menschen mit der Ungeheuerlichkeit konfrontiert, dass ihnen die eigene Zukunft als etwas völlig Fremdes bevorstehen mag. In diesen Verhältnissen steter Veränderung entstand die moderne Science Fiction als der Versuch, einer fortlaufenden Bewegung eine einigermaßen konsistente Geschichte abzuringen.
Frühe literarische Futuristen wie Edward Bellamy oder H. G. Wells mögen noch von den Visionen eines utopischen Sozialismus getrieben gewesen sein. Jüngere Vorstellungen der Zukunft geben sich wesentlich dunkler, erstrecken sich bis zu den Albträumen atomarer Vernichtung und des Horrors im Cyberpunk. Die historisch spekulative Literatur der Gegenwart warnt mindestens ebenso sehr vor der Zukunft, wie diese von ihr gefeiert wird. Von Ray Bradbury stammt der Satz: "Ich versuche nicht, die Zukunft zu beschreiben. Ich versuche, sie zu verhindern."
Negative Utopien ergeben bessere Dichtung als positive - aus demselben Grund, aus dem Miltons Satan eine plausiblere Figur ist als der Gott desselben Dichters. Und doch: auch wenn alle Möglichkeiten der Dramaturgie auf Furcht zurückzuführen sind, so wird doch die Zahl der hoffnungsfroh Gestimmten nicht geringer. In der Kunst, nicht in der Wirklichkeit, wird das Rennen zwischen dem Erlösungsglauben und dem Hitzetod für immer unentschieden bleiben.
Technischer Futurismus
Obwohl die literarische Erfindung durchaus nicht exakter ist als die wissenschaftliche Spekulation, hat die Wissenschaft auf diesem Gebiet mehr von der Literatur gelernt als umgekehrt. Dazu gehört die unausgesprochene Voraussetzung des technischen Futurismus, dass alles, was getan werden kann, auch getan werden muss.
Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass Vorwärtsbewegung und Fortschritt zwei sehr verschiedene Angelegenheiten sind. Wachstum wird stets mindestens ebenso viel instabile Verhältnisse wie Gewissheiten hervorbringen - das ist die große Lehre, die aus der Dichtung zu ziehen ist, und sie erstreckt sich längst über alle Formen der Voraussage.
Von der Dichtung lernen kann man, dass wir ebenso sehr mit der Lösung unserer Probleme beschäftigt sind wie damit, die Lösungen unserer Probleme zu überleben. Keine denkbare soziale oder technische Entwicklung wird, jedenfalls auf absehbare Zeit, daran etwas ändern. Zurecht hat Simone Weil vor einem halben Jahrhundert erklärt, dass "die Zukunft aus demselben Stoff wie unsere Gegenwart" gemacht ist.
Die Zukunft wird ein größerer, zugleich aber engerer Ort sein, als er heute ist. Und doch wird keiner von uns sich dort zuhausefühlen. Unsere fünf Sinne, die Kraft unserer Gefühle und Gedanken haben sich innerhalb einer gewissen experimentellen Reichweite entwickelt, einer Reichweite, die wir permanent und in allen Dimensionen ausdehnen.
Die althergebrachten Mittel unseres Körpers ächzen schon unter der Veränderung unserer Vorstellungen von Raum und Zeit. Sollten wir zweihundert Jahre alt werden, sollten wir die Teletransportation erfinden, sollten wir alle Probleme der Persönlichkeit mit zwei Pillen vor dem Frühstück erledigen können - wir würden uns selbst nicht wiedererkennen.
Und trotzdem wollen wir die Welt in fünfzig Jahren erleben, und auch die Menschen, die dann jung sind, werden die fünfzig Jahre, die dann kommen, erleben wollen. Unsere Neugier auf die zukünftige Geschichte und unser Bedürfnis nach Science Fiction werden von derselben Quelle gespeist.
Entwicklungslinien der Menschheit
Die Erfindung von Dingen, die es noch gar nicht gibt, eines Tages aber geben soll, verrät im Kern unsere grundsätzliche Neigung zum Erzählten. Wenn wir nach den Entwicklungslinien der Menschheit fragen, fragen wir im Grunde genauso wie bei der Lektüre eines spannenden Buches: Und was geschieht dann? Und wie endet die Geschichte?
Frank Kermode hat in seinem Buch "The Sense of An Ending" erklärt, warum wir Voraussagen brauchen, so falsch und grundlos sie auch immer sein mögen: Um mit dem Wissen um die Endlichkeit des Lebens zurechtzukommen, sagt er, brauchen wir fiktive Bindungen an Anfang und Ende. Deswegen wollen wir wissen, wie uns geschieht, auch wenn sich das Wissen auf eine Zukunft erstreckt, die wir selbst nicht mehr erleben werden.
John Maynard Keynes, der einflussreichste Volkswirtschaftler des vergangenen Jahrhunderts, schrieb: "Der Tag ist nicht weit, an dem uns die ökonomischen Probleme nicht mehr vorrangig beschäftigen werden. Statt dessen werden wir uns in die Arena des Herzens begeben, immer wieder, werden uns unseren wirklichen Schwierigkeiten zuwenden, den Problemen des Lebens und der menschlichen Beziehungen, der Schöpfung, des Verhaltens und der Religion." Fünfzig Jahre danach scheint jener Tag immer noch in der Zukunft zu liegen. Weshalb es nach wie vor solche Voraussagen gibt. Und auch eine Literatur, die sich mit der Zukunft beschäftigt.
Der Schriftsteller Richard Powers, geboren 1957 in Illinois, hat in mehreren Romanen die Geschichte der Vereinigten Staaten vom Zweiten Weltkrieg bis heute erzählt. Zuletzt erschien von ihm "Der Klang der Zeit" (S. Fischer Verlag, Frankfurt 2004).
(SZ-Literatur Beilage vom 5.10.2004)
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